Der Krieg als Bilderrausch eines Wahnsinnigen / War as a Delirious Flood of Images

Zemfiras Antikriegssong Мясо (Mjassa: Fleisch) / Zemfira’s anti-war song Мясо (Myassa: Flesh).

In ihrem Song Мясо (Mjassa: Fleisch) thematisiert die russische Singer-Songwriterin Zemfira das Grauen des Krieges aus der Perspektive eines russischen Soldaten, der im Bombenhagel den Verstand verliert.

English Version

Unaufgeregte Thematisierung gesellschaftlicher Tabus

Zemfira Ramazanowa (Künstlername schlicht „Zemfira“/Semfira) ist in mehrfacher Hinsicht eine ungewöhnliche Erscheinung in der russischen Musikwelt.

Dies liegt nicht nur daran, dass die 1976 in der Republik Baschkortostan geborene Singer-Songwriterin mit ihren baschkirischen und tatarischen Wurzeln schon rein äußerlich nicht dem Klischeebild eines russischen Popsternchens entspricht. Vielmehr ist die Künstlerin von Anfang an eigene Wege gegangen.

Bereits in ihrem 1999 erschienenen Debütalbum finden sich zwei Songs, mit denen die Sängerin sich quer zu den herrschenden Normen stellte. So thematisiert sie darin (in dem Song SPIDA) offen die Gefahren von AIDS. In einem anderen Lied (Snjeg/Schnee) singt sie ganz selbstverständlich über lesbische Liebe – so selbstverständlich, dass nur die feminine Verbform die Art der besungenen Liebe deutlich macht.

Eine Künstlerin, die eigene Wege geht

Diesem ebenso leisen wie selbstbewussten Bekenntnis zur eigenen Lebensweise ist die Künstlerin auch später treu geblieben. Sie lebt ihr Leben, ohne sich zu verstecken, lehnt es aber gleichzeitig ab, sich zu einem Objekt für die Regenbogenpresse zu machen – was diese natürlich erst recht zu Spekulationen über das Privatleben der Musikerin anstachelt.

Eigene Wege beschreitet Zemfira auch bei der Verbreitung ihrer Songs. Sie verzichtet auf die Bindung an Labels oder Konzertagenturen und setzt stattdessen auf den eigenständigen Vertrieb ihrer Musik.

Eigenständigkeit ist auch die zutreffende Beschreibung für ihre Haltung gegenüber der Politik der russischen Regierung. So hat sie sich öffentlich von der Kreml-nahen Jugendorganisation Naschi (Die Unsrigen) distanziert, obwohl sie wusste, dass sie damit einen Teil ihrer jugendlichen Fans verprellen würde.

Protest gegen russische Angriffe auf die Ukraine

Schon nach der russischen Annexion der Krim im Jahr 2014 und dem damaligen Krieg in der Ostukraine hat die Künstlerin sich auf die Seite der Ukraine gestellt. Auch nach dem Beginn des Angriffskriegs gegen die Ukraine im Februar 2022 hat sie sich unzweideutig gegen die Aggression der russischen Regierung ausgesprochen und auf ihrer Website nur noch den Schriftzug „Нет Войне!“ (Nein zum Krieg) gezeigt. Außerdem hat sie das Land verlassen und ist nach Paris gezogen.

Im Mai brachte Zemfira einen Protestsong gegen den Krieg heraus, der vor dem Hintergrund des damaligen Bombardements gegen die südukrainische Stadt Mariupol das Grauen des Krieges thematisiert.

Das Lied ist aus der Perspektive eines russischen Soldaten geschrieben, der im Bombenhagel den Verstand verliert. Dem entspricht auch die assoziative Sprache, in der die Bilder sich wie ein unkontrollierbarer Bewusstseinsstrom auseinander ergeben und ineinander schieben. Unterstützt wird dies durch einen eindringlichen, sich allmählich in seiner Intensität steigernden Gesang.

Im Videoclip zu dem Song kommen noch ausdrucksstarke, an den Expressionismus erinnernde Bilder hinzu. Gezeichnet hat sie Renata Litwinowa, Zemfiras Lebensgefährtin, die auch für die Regie verantwortlich zeichnet.Insgesamt ergibt sich so ein Gesamtkunstwerk, das dem Wahnsinn des Krieges eindrucksvoll den Spiegel vorhält.

Fleisch

Fleisch, Fleisch, Fleischberge
„Serviert sie mir auf dem Silbertablett!“
Alles dreht sich, alles schreit
immer lauter, immer greller
platzt die Welt vor meinen Augen.

Hier, nimm meine Lunge,
meine Lunge voller Blei,
voller Teer und leerer Worte,
voll von untragbarem Keuchen.

Wege, Wege, tote Wege
über Leichenteile, Leichenberge,
Blutrausch, rauschendes Blut
in meinem Kopf, vor meinen Augen
„Zigarettenpause!“ – „Weitermachen!“

Mein Gesicht im Spiegel: „Ergib dich!
Bleib menschlich oder stirb!“
Die Augen meiner Frau: „Komm heim!
Das Baby kommt, bring uns was Warmes mit!“

Raketen pfeifen, kreischen, brennen,
der Frühling steht in Flammen,
explodiert, verbrennt, erlischt.
Ewige Nacht begräbt Mariupol.

Fleischberge, Leichenberge, tote Wege
in meinen Träumen, jede Nacht,
Hunger auf verwaisten Gräbern:
„Unser Leben – gebt es uns zurück!“

So weit sind wir gekommen!
So weit ist es gekommen!
Warum? Wofür? Wohin?
Mein Leben wird mir keine Antwort geben.
Betet für mich, für mich
und meine verlorene Seele!

Земфира (Zemfira/Semfira): Мясo (Mjassa)

Videoclip:

English Version

War as a Delirious Flood of Images

Zemfira’s anti-war song Мясо (Myassa: Flesh)

In her song Мясо (Myassa: Flesh), the Russian singer-songwriter Zemfira addresses the horror of war from the perspective of a Russian soldier who loses his mind in a hail of bombs.

Unagitated Thematisation of Social Taboos

Zemfira Ramazanova (stage name simply „Zemfira“) is in many respects an unusual phenomenon in the Russian music world.

This is not only true because the singer-songwriter, born in 1976 in the Republic of Bashkortostan, with her Bashkir and Tatar roots, purely outwardly does not correspond to the cliché image of a Russian pop starlet. Rather, the artist has gone her own way from the very beginning.

Already on her debut album, released in 1999, the singer opposed the prevailing norms with two songs. In the song SPIDA, she openly addresses the dangers of AIDS. In another song (Snyeg/Snow), she sings quite naturally about lesbian love – so naturally that only the feminine verb form reveals what kind of love is being sung about.

An Artist Who Goes Her Own Way

This silent as well as self-confident commitment to her own way of life has remained a constant for the artist later on. She lives her life without hiding, but at the same time refuses to make herself an object for the yellow press – which of course spurs the tabloids even more to speculate about the musician’s private life.

In the distribution of her songs, Zemfira also prefers to be independent. She renounces being bound to labels or concert agencies and instead distributes her music on her own.

Independence is also an accurate description of her attitude towards the policies of the Russian government. For example, she has publicly distanced herself from the Kremlin-affiliated youth organisation Naschi (Our People), even though she knew that this would alienate some of her young fans.

Protest against Russian Attacks on Ukraine

Already after the Russian annexation of Crimea in 2014 and the war in eastern Ukraine at that time, the artist took the side of Ukraine. Following the beginning of the new war against Ukraine in February 2022, she also spoke out unequivocally against the Kremlin’s aggression. On her website she only displayed the words „Нет Войне!“ (No to war). Furthermore, she has left the country and moved to Paris.

In May, Zemfira released a protest song against the war. In it, she addresses the horror of war in the light of the bombardment of the southern Ukrainian city of Mariupol that took place back then.

The song is written from the perspective of a Russian soldier who loses his mind in the hail of bombs. This is reflected in an associative language, in which the images diverge and slide into each other like an uncontrollable stream of consciousness. To underline this, Zemfira uses haunting vocals that gradually increase in intensity.

In the video clip for the song, expressive images reminiscent of expressionism reinforce the disturbing message. They were drawn by Renata Litvinova, Zemfira’s partner, who also di­rected the short film. All in all, this results in a synthesis of the arts that impressively holds up a mirror to the madness of war.

Flesh

Meat, meat, mountains of meat
„Serve them to me on a silver platter!“
Everything spins, everything screams
ever louder, ever shriller
the world bursts before my eyes.

Here, take my lungs,
my lungs full of lead,
full of tar and empty words,
full of unbearable gasping.

Roads, roads, dead roads
over bits of corpses, piles of corpses,
blood rush, rushing blood
in my head, before my eyes
„Cigarette break!“ – “ Carry on!“

My face in the mirror: „Surrender!
Stay humane or die!“
My wife’s eyes: „Come home!
The baby’s coming, get us something warm!“

Rockets whistling, screeching, blazing,
spring is on fire,
burning, exploding, collapsing.
Eternal night buries Mariupol.

Mountains of flesh, mountains of corpses, dead roads
in my dreams, every night,
hunger on deserted graves:
„Our life – give it back to us!“

This is how far we have come!
This is how far it has come!
Why? For what purpose? To what end?
My life will not give me any answer.
Pray for me, for me
and my lost soul!

Земфира (Zemfira): Мясo (Myassa)

Video clip

Bilder / Images: Franz Marc (1880 – 1916): Kämpfende Formen / Fighting Forms, 1914 (Wikimedia commons); Marina Zacharowa: Zemfira bei einem Konzert in Moskau/ Zemfira at a concert in Moscow, 2016 (Wikimedia commons)

2 Antworten auf „Der Krieg als Bilderrausch eines Wahnsinnigen / War as a Delirious Flood of Images

  1. Eva

    Ein sehr aufrüttelnder Text und Video. Danke für den Beitrag!- Schade, dass die Kunst nur die erreicht, die ohnehin offen für solche Gedanken sind. Aber vielleicht bewegt Zemfira doch etwas. Ich hoffe es!

    Gefällt mir

  2. Pingback: Schießt nicht! Schweigt nicht! /Don’t Shoot! Don’t Be Silent! – LiteraturPlanet

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