Schießt nicht! Schweigt nicht! /Don’t Shoot! Don’t Be Silent!

Ein Lied Zemfiras über direkte und indirekte Gewalt / A Song by Zemfira about Direct and Indirect Violence

2005 schrieb die russische Singer-Songwriterin Zemfira das Lied Nje streljaitje (Schießt nicht / Nicht schießen). In einem Videoclip aus dem Jahr 2022 bezieht sie den Song explizit auf die Angriffe der russischen Armee gegen die Ukraine.

English Version

Eine Sängerin im Visier der Medien

2007 äußerte sich Zemfira (Semfira) in Interviews zu ihren „Beziehungskrisen“, über die in den russischen Medien schon seit geraumer Zeit gemutmaßt worden war. Einige Lieder ihres neuen Albums Spassibo (Danke) seien der Versuch, ihre persönliche Krise zu verarbeiten.

Damit versuchte die Sängerin den Spekulationen über ihr Privatleben den Wind aus den Segeln zu nehmen. Diese hatten zuletzt immer hässlichere Formen angenommen. So war die Künstlerin u.a. mit Drogenexzessen und einer krankhaften Magersucht in Verbindung gebracht worden.

Zemfiras 2005 entstandenes Lied Nje streljaitje (Schießt nicht / Nicht schießen) kann vor diesem Hintergrund als eine Art musikalischer Widerstand gegen den Voyeurismus der Medien verstanden werden. Die Aufforderung, die eigene Person, ihre verletztliche Psyche, ihre Wunden und ihr privates Glück nicht ins Visier zu nehmen, wäre dabei die fast schon flehentliche Bitte, auch einer Person des öffentlichen Lebens das Recht auf eine Privatsphäre zuzugestehen.

Nje streljaitje als Antikriegslied

Nach dem Überfall der russischen Armee auf die Ukraine brachte Zemfira einen neuen Videoclip zu dem Song heraus. Darin werden am Ende Bilder der durch den Krieg angerichteten Zerstörungen eingeblendet. So eröffnet die Künstlerin selbst eine weitere Deutungsmöglichkeit für ihr Lied.

Dabei müssen die Personen, an die das Ich sich in dem Lied wendet, in zwei Gruppen unterteilt werden. Die erste Gruppe besteht aus denjenigen, denen das Ich sich im Krieg konkret gegenübersieht. Hierbei handelt es sich um jene Personen, die ihm mit ihren Waffen unmittelbar den Tod bringen können.

Die zweite Gruppe umfasst diejenigen, an die das Ich sich um Hilfe wendet. Diese werden zwar ausdrücklich aufgefordert, angesichts der Gewalt, der das Ich ausgesetzt ist, nicht zu schweigen. Gleichzeitig wendet das Ich sich jedoch auch hier gegen einen Blick auf den Krieg, bei dem die Opfer zu Objekten eines sensationslüsternen Voyeurismus werden.

Mitleid und Voyeurismus

Daraus ergibt sich die Aufforderung, nicht in der warmen Fernsehstube ein Mitleid vorzutäuschen, das dem konkreten Leid der vom Krieg betroffenen Menschen nicht gerecht werden kann.

Stattdessen sollten diejenigen, die aus der Ferne Zeugen der Gewalttaten werden, alles tun, um diesen ein Ende zu bereiten. Der erste Schritt dahin ist es, den Schrei der Gefolterten und Vergewaltigten, Verfolgten und Verstümmelten immer wieder durch das Echo der eigenen Stimme zu verstärken. Genau dies sagt auch der Refrain des Liedes aus: „Schweigt nicht!“

Das zitierte Interview mit Zemfira findet sich in livejournal.com, 28. Oktober 2007.

Mehr zu Zemfira im Beitrag zu ihrem Song Мясо (Myassa: Fleisch): Der Krieg als Bilderrausch eines Wahnsinnigen

Nicht schießen!

Nein, nicht schießen!
Ich bin doch nur
ein schüchternes Flüstern,
ein leiser, halb erstorbener Seufzer.

Nein, seht mich nicht an!
Meine Narben gehen euch nichts an,
wendet eure mitleidigen Augen von mir ab,
sie tun mir weh.

Nur schweigt nicht
in dieser sprechenden Stille,
die mich unter sich begräbt!
Nein, schweigt nicht!

Nein, nicht schießen!
Siehst du nicht die Liebe in diesem Raum,
diese entblößte Liebe, die du zerbrichst
mit deinen unbedachten Händen?

Nein, stellt mir keine Fragen!
Ich habe Angst, den Halt zu verlieren.
Und eure Hände können mich
und meine schweren Antworten nicht halten.

Nur schweigt nicht
in dieser sprechenden Stille,
die mich unter sich begräbt!
Nein, schweigt nicht!

Земфира (Zemfira/Semfira): Не стреляйте (Nje streljaitje)

Videoclip:

Live in London, November 3, 2022:

Don’t Shoot! Don’t Be Silent!

A Song by Zemfira about Direct and Indirect Violence

In 2005, the Russian singer-songwriter Zemfira wrote the song Nye strelyaitye (Don’t shoot). In a video clip from 2022, she explicitly relates the song to the Russian invasion of Ukraine.

A Singer in the Sights of the Media

In 2007, Zemfira commented in interviews on her „relationship crises“, which had been speculated about in the Russian media for some time. According to her, some of the songs on her new album Spassibo (Thank You) were an attempt to come to terms with her personal crisis.

With this, the singer tried to put an end to the rumours about her private life. These had previously taken on increasingly unpleasant forms. Among other things, the artist had been associated with drug excesses and a pathological anorexia.

Against this background, Zemfira’s song Nye strelyaitye (Don’t shoot), written in 2005, can be understood as a kind of musical resistance against the voyeurism of the media. The plea expressed by the person in the song not to target her vulnerable psyche, her scars and her private life would then be an almost imploring appeal to also grant a person in public life a right to privacy.

Nye strelyaitye as an Anti-War Song

After the Russian army invaded Ukraine, Zemfira released a new video clip for the song. At the end, images of the destruction caused by the war are superimposed. In this way, the artist herself opens up another possible interpretation for her song.

For this purpose, the people addressed by the person in the song must be divided into two groups. The first group consists of those to whom the person is concretely exposed in war. These people can kill her directly with their weapons.

The second group comprises those to whom the person turns for help. On the one hand, they are explicitly asked not to remain silent in the face of the violence to which the individual is exposed. On the other hand, however, the latter also rejects a look at war in which the victims become the objects of sensationalist voyeurism.

Compassion and Voyeurism

From this arises the appeal not to feign compassion in the cosy TV room, as this cannot meet the concrete suffering of the people affected by the war.

Instead, those who witness the violence from afar should do everything they can to put an end to it. The first step towards this is to amplify the cry of the tortured and raped, persecuted and maimed again and again by the echo of one’s own voice. This is exactly what the refrain of the song says: „Don’t be silent!“

The quoted interview with Zemfira can be found in livejournal.com, October 28, 2007.More on Zemfira in the article on her song Мясо (Myassa: Flesh): War as Delirious Flood of Images

Don’t Shoot!

No, don’t shoot!
I am just a timid whisper,
a faint, almost faded sigh.

No, don’t look at me!
My scars are none of your business,
Avert your pitiful eyes from me,
they do me harm.

But please don’t be silent
in this eloquent silence
that buries me beneath it!
No, don’t be silent!

No, don’t shoot!
Don’t you see the love in this room,
this exposed love that you break apart
with your thoughtless hands?

No, don’t ask me any questions!
I’m afraid of losing my grip.
And your hands won’t be able to hold
me and my burdening answers.

But please don’t be silent
in this eloquent silence
that buries me beneath it!
No, don’t be silent!

Земфира (Zemfira): Не стреляйте (Nye strelyaitye)

Video clip:

Live in London, November 3, 2022

Bilder / Images: Francisco de Goya (1746 – 1826): Episode aus dem Spanischen Unabhängigkeitskrieg (zwischen 1808 und 1812)/ Episode from the Spanish War of Independence (between 1808 and 1812; Buenos Aires, Museo Nacional de Bellas Artes (Wikimedia commons); Marina Zacharowa: Zemfira bei einem Auftritt in Moskau / Zemfira performing in Moscow, 2013 (Wikimedia commons)

2 Antworten auf „Schießt nicht! Schweigt nicht! /Don’t Shoot! Don’t Be Silent!

  1. Nahum

    Many thanks for the russian anti-war-songs. It ist important to say: Russian isn’t the language of murderers. Solidarity for Ukraine! – Solidarity for all good and peaceful Russians!

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