Der sich selbst ernährende Krieg / The Self-Feeding War

Über einen Song der russischen Kult-Band Maschina Wremjeni / About a Song by the Russian Cult Band Mashina Vremyeni

Der zweite Themenblock des musikalischen Adventskalenders auf LiteraturPlanet ist russischen Antikriegsliedern gewidmet – als Beispiel für das andere, friedliebende Russland, das hoffentlich einmal die Keimzelle einer Post-Putin-Ära sein wird. Den Anfang macht heute die russische Kult-Band Maschina Wremjeni.

English Version

Rebellische Rockmusik

Moskau 1968: Während die westliche Jugend auf Festivals wie der legendären Mega-Party in Woodstock ihre Freiheit feiert und diese in der Studentenbewegung auch politisch buchstabiert, ist in Russland die kurze Tauwetter-Periode zu Beginn der Chruschtschow-Ära längst von der bleiernen Breschnew-Zeit verdrängt worden. Wer jetzt noch für Freiheitsrechte eintritt, dem ergeht es wie den Menschen in der Tschechoslowakei, wo der Prager Frühling von sowjetischen Panzern niedergewalzt wurde.

Russische Jugendliche hatten damals jedoch dieselben Bedürfnisse wie ihre Altersgenossen im Westen. Auch sie wollten ihre Kräfte ausprobieren, ihre Grenzen ausreizen, gegen die Elterngeneration opponieren. Angesichts des Fehlens politischer Protestmöglichkeiten kam der Musik dabei eine Schlüsselrolle zu.

Zwar galt die Rockmusik in der Sowjetunion als Ausdruck westlicher Dekadenz. Anders als politische Betätigung ließ sich die Musik aber nur in begrenztem Maße verbieten und kontrollieren. So war zumindest im kleinen Kreis auch die Beschäftigung mit westlichen Musikstilen möglich. Der Hauch des Verpönten, Anrüchigen machte diese dabei für die Heranwachsenden erst recht attraktiv.

Keimzelle der russischen Rockmusik

Vor diesem Hintergrund ist auch die Gründung die Band mit dem bezeichnenden Namen The Kids zu sehen, die der damals 15-jährige Andrej Makarewitsch 1968 mit ein paar anderen Jugendlichen seiner Schule ins Leben rief. Ein Jahr darauf entstand daraus die Band Maschina Wremjeni (Zeitmaschine) – anfangs, in Anlehnung an Bands wie die Beatles und die Rolling Stones, noch in der Pluralform (Die Zeitmaschinen).

Nachdem die Band zunächst vor allem Coverversionen englischsprachiger Songs eingespielt hatte, entstanden bald auch eigene Songs. Dabei entwickelte sich das Musikprojekt zunehmend zu einem Katalysator der sowjetischen Undergroundmusik. So wurde das Projekt auch zu einer Keimzelle für andere Bands. Die ebenfalls legendäre Musikgruppe Woskresjenije (Auferstehung) ist etwa von Musikern gegründet worden, die anfangs bei Maschina Wremjeni mitgewirkt hatten.

Im Laufe der 1970er Jahre wurde die Band zunehmend beliebter. Einen ersten Höhepunkt ihrer Popularität erreichte sie im Jahr 1980, als ihr Song Poworot (Kurve/Wegbiegung/Wende) sich zu einem der größten Erfolge in der russischen Musikgeschichte entwickelte.

13 Monate lang – von November 1979 bis November 1980 – war das Lied in den russischen Charts vertreten, davon sieben Monate lang auf Platz 1. Der Song ermutigte die Zuhörer dazu, der „neuen Wendung“, verstanden im Sinne eines Wendepunkts in ihrem Leben, furchtlos zu begegnen. Rückblickend erscheint er damit als eine Art Präludium der Perestroika, deren Vorbeben es schlüssig erfasste.

Symbol für das Streben nach Freiheit

Der Wind der Freiheit, den der Kreml im Umfeld der Olympischen Spiele in Moskau im Jahr 1980 durch das Land wehen ließ, erwies sich allerdings zunächst als laues Lüftchen. Maschina Wremjeni musste sich weiterhin als Underground-Band durchschlagen. Erst 1987, 18 Jahre nach ihrer Gründung, durfte die Band mit Reki i Mosty (Flüsse und Brücken) ihr erstes Album herausbringen.

Gerade durch ihre lange Underground-Geschichte wurde die Band für viele in der Sowjetunion jedoch zu einem Symbol für das Streben nach Freiheit. Dementsprechend populär blieb die Gruppe auch nach dem Zerfall der UdSSR. Sowohl ihr 25-jähriges als auch ihr 35-jähriges Bestehen feierte sie 1994 und 2004 mit großen Konzerten auf dem Moskauer Roten Platz. Sogar der spätere Platzhalter-Präsident Putins, Dmitrij Medwedjew, outete sich damals als Fan der Band.

Der Wendepunkt kam 2014, als die Band nach der Annexion der Krim und der De-facto-Besetzung von Teilen der Ostukraine im Donbass ein Konzert für ukrainische Binnenflüchtlinge gab. Die Bandmitglieder wurden daraufhin von Kreml-nahen Medien und Politikern heftig attackiert. Makarewitschs Porträt tauchte – wie das von Jurij Schewtschuk, dem Gründer der Rockband DDT – auf Plakaten auf, die Regimegegner in Anlehnung an eine Putin-Rede mit den Worten diffamierten: „Fünfte Kolonne! Fremde unter uns! Sie unterstützen die Junta in der Ukraine!“

Dabei mag auch der unterschwellige Antisemitismus in der russischen Gesellschaft eine Rolle gespielt haben: Makarewitschs Mutter hat jüdische Wurzeln. Immerhin erleichterte es dies ihm auch, nach Israel auszureisen, wo er heute – zusammen mit seiner ukrainischstämmigen Frau – lebt.

Prophetische Warnung vor einem neuen Kriegsherrn

1999 veröffentlichte Maschina Wremjeni den Song Я так устал на войне (Ja tak ustal na woinje: Ich habe den Krieg so satt / bin so müde vom Krieg). Vor dem Hintergrund des Krieges der russischen Armee gegen die Ukraine hat das Lied in mehrfacher Hinsicht neue Aktualität erlangt.

Der aus der Perspektive eines einfachen Soldaten geschriebene Text beschreibt die Schwierigkeit, die Kriegsmaschinerie wieder anzuhalten, nachdem man sie einmal in Gang gesetzt hat. Nicht nur haben sich diejenigen, die ins Geschirr des Krieges gespannt sind, irgendwann so darin verfangen, dass sie gar nicht mehr anders können, als in Kategorien von Gewalt und Gegengewalt zu denken. Auch die heranwachsende Generation wird mit der Logik von Hass, Gewalt und Rache infiziert.

Beides schafft den Nährboden für immer neue „geschniegelte Mistkerle“, die im feinen Zwirn das schmutzige Handwerk des Krieges propagieren.

Ein Jahr vor Beginn der Präsidentschaft Wladimir Putins veröffentlicht, kann der Song nicht unmittelbar auf diesen bezogen werden. Dennoch deutet er in geradezu prophetischer Weise auf dessen autoritäre Herrschaft hin. So warnt der Text am Ende ausdrücklich vor einem neuen „Lenin“, als Symbol für einen Führer, der das gewalttätige Potenzial des Volkes wecken und darauf ein neues Kriegsregime gründen werde.

Maschina Wremjeni: Ich habe den Krieg so satt!

Marschierend trampeln wir die Wege nieder,
unsere Seelen sind auf Kampf geeicht.
Erwachend lausche ich auf Schüsse –
und bin beunruhigt, wenn ich keine höre.
Ein falscher Frieden in einer zerbrechlichen Welt:
Zeit, die Stiefel auszuziehen und auszuruhen!
Doch irgendein geschniegelter Mistkerl
ruft mich im Fernsehen wieder zu den Waffen.

Ich habe den Krieg so satt!
Ich will nach Haus, zu Frau und Kindern!
Doch mein Haus ist abgebrannt,
und der Krieg gebiert keine Kinder.
Alles hat der Krieg verschüttet,
längst ist er der wahre Kommandeur.

Jeden Morgen Siegesmeldungen,
jeden Abend ein Salut gen Himmel.
Doch woher kommen diese Kinder
mit dem wölfischen Blei in den Augen?
Sobald du genug hast
von den einstürzenden Himmeln
und der explodierenden Erde,
rollt schon die nächste Horde auf dich zu,
vorneweg die Lanze eines neuen Führers.

Ich habe den Krieg so satt …

Машина Времени (Maschina Wremjeni): Я так устал на войне

Text: Andrej Makarewitsch und Alexander Kutikow

Musik: Andrej Makarewitsch

aus: Часы и Знаки (Stunden und Zeichen, 1999)

Albumfassung:

Live (1999)

English Version

The Self-Feeding War

About a Song by the Russian Cult Band Mashina Vremyeni

The second thematic block of the musical Advent calendar on LiteraturPlanet is dedicated to Russian anti-war songs, as an example of the other, peace-loving Russia that will hopefully one day be the nucleus of a post-Putin era. Opening today is the Russian cult band Mashina Vremyeni.

Rebellious Rock Music

Moscow 1968: While the Western youth celebrate their freedom at festivals like the legendary mega-party in Woodstock and also express it politically in the student movement, in Russia the brief thaw period at the beginning of the Khrushchev era has long since been displaced by the leaden Brezhnev era. Those who now still stand up for freedom rights suffer the same fate as the people in Czechoslovakia, where the Prague Spring is crushed by Soviet tanks.

However, Russian youths at that time had the same needs as their peers in the West. They too wanted to try out their strengths, push their limits, oppose their parents‘ generation. Given the lack of opportunities for political protest, music played a key role in this.

It is true that rock music was considered an expression of Western decadence in the Soviet Union. But unlike political activity, music could only be banned and controlled to a limited extent. As a result, at least in small circles, experimenting with Western music styles was possible. The aura of the proscribed and disreputable made it all the more attractive for young people.

The Nucleus of Russian Rock Music

This is also the background to the founding of the band with the telling name The Kids, which the then 15-year-old Andrey Makarevich founded in 1968 with a few other young people from his school. A year later, the band Mashina Vremyeni (Time Machine) emerged from this – initially in the plural form (The Time Machines), inspired by bands like the Beatles and the Rolling Stones.

In the beginning, the band mainly recorded cover versions of English songs. But after a while, they also wrote their own songs. In the process, the music project increasingly developed into a catalyst for Soviet underground music. Thus, it also became a nucleus for other bands. The equally legendary music group Voskresyeniye (Resurrection), for instance, was founded by musicians who had initially worked with Mashina Vremyeni.

In the course of the 1970s, the band’s popularity grew rapidly. A first peak of fame was reached in 1980, when their song Povorot (bend/turn) became one of the biggest successes in Russian music history.

For 13 months – from November 1979 to November 1980 – the song was on the Russian charts, including seven months at No. 1. The song encouraged listeners to fearlessly face the „new turn“, understood in the sense of a turning point in their lives. In retrospect, it thus appears as a kind of prelude to perestroika, the foreshadowing of which it conclusively captured.

Symbol for the Pursuit of Freedom

However, the wind of freedom that the Kremlin had allowed to blow through the country in the context of the 1980 Olympic Games in Moscow soon proved to be nothing but a lukewarm breeze. Mashina Vremyeni had to continue to struggle along as an underground band. It was not until 1987, 18 years after their foundation, that the band was permitted to release their first album, Reki i Mosty (Rivers and Bridges).

On the other hand, it was precisely because of their long underground history that the band became a symbol of the striving for freedom for many in the Soviet Union. Accordingly, the group remained popular even after the collapse of the USSR. In 1994 and 2004, they celebrated both their 25th and 35th anniversaries with large concerts on Moscow’s Red Square. Even Dmitry Medvedyev, later Putin’s placeholder president, outed himself as a fan of the band at the time.

The turning point came in 2014, when the band gave a concert for Ukrainian internally displaced persons after the annexation of Crimea and the de facto occupation of parts of eastern Ukraine in the Donbass. As a result, the band members were heavily attacked by Kremlin-affiliated media and politicians. Makarevich’s portrait – like that of Yuri Shevchuk, the founder of the rock band DDT – appeared on posters defaming opponents of the regime, in reference to a Putin speech, with the words: „Fifth column! Strangers among us! They support the junta in Ukraine!“

In this context, the subliminal antisemitism in Russian Society may also have played a role: Makarevich’s mother has Jewish roots. This, however, also made it easier for him to emigrate to Israel, where he lives today – together with his Ukrainian-born wife.

Prophetic Warning of a New Bellicose Leader

In 1999, Mashina Vremyeni published the song Я так устал на войне (Ja tak ustal na woinje: I am so tired of war). Against the background of the Russian army’s war against Ukraine, the song has acquired new relevance in several respects.

Written from the perspective of a simple soldier, the text describes the difficulty of stopping the machinery of war once it has been set in motion. Not only do those who are caught up in the harness of war eventually get so entangled in it that they can no longer help but think in terms of violence and counter-violence. The growing generation, too, is infected with the logic of hatred, violence and revenge.

Both create the breeding ground for more and more new „smug bastards“ who propagate the dirty craft of war in their dapper business suits.

Published a year before the beginning of Vladimir Putin’s presidency, the song cannot be directly related to him. Nevertheless, it points in an almost prophetic way to Putin’s authoritarian rule. Thus, at the end, the lyrics explicitly warn of a new „Lenin“, as a symbol for a leader who will awaken the violent potential of the people and build a new war regime on it.

Mashina Vremyeni: I am so Tired of War!

Marching, we trample down the paths,
our souls attuned to battle.
Awakening, I listen for gunshots –
and am alarmed when none is heard.
A false peace in a fragile world:
Time to take off my boots and rest!
But some smug son of a bitch
calls me to arms again on TV.

I am so tired of war!
I long for home, for my wife and children!
But my house is burnt down,
and war doesn’t give birth to children.
Everything has been buried by war,
long since the true commander.

Every morning, tidings of victory,
every evening a salute to heaven.
But where do those children come from
with the wolfish lead in their eyes?
As soon as you’ve had enough
of the collapsing skies
and the exploding earth,
the next horde is already rolling towards you,
headed by a new leader’s lance.

I am so tired of war …

Машина Времени (Mashina Vremyeni): Я так устал на войне

Lyrics: Andrey Makarevich and Alexander Kutikov

Music: Andrey Makarevich

Album: Часы и Знаки (Hours and Signs, 1999)

Bilder / Images:Philip Alexius de László (britisch-ungarischer Maler 1869 – 1937): Fallendes Laub / Falling Leaves, 1895 (Wikimedia commons); Reactor 691: Die Band Maschina Wremjeni bei einem Auftritt im Moskauer Eispalast, 2018; Andrej Makarewitsch auf dem Videowürfel (Wikimedia commons) / The band Mashina Vremyeni performing at the Moscow Ice Palace, 2018; Andrey Makarevich on the video cube (Wikimedia Commons)

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