Ein bekanntes Gesicht / A Familiar Face

Mord im Reichstag, Kapitel 13 / Murder in the German Parliament, Chapter 13

Für Lutz nimmt die Kettenobservation kein glückliches Ende. Aber Lidia Afanasjewna rettet die Situation und findet etwas höchst Interessantes über den Observierten heraus.

English Version

Geheimdienstgänsemarsch um Mitternacht

Lidia Afanasjewna gähnte herzhaft. Nie hätte sie gedacht, dass ein harmloses Detektivspiel so kräftezehrend sein könnte.
Als sie, noch immer Leonas Dealer auf den Fersen, den U-Bahnschacht verließen, war es schon fast Mitternacht. Auf der Straße waren nur noch ein paar vereinzelte Gestalten zu sehen, die meisten etwas wacklig auf den Beinen. Ein schönes Motiv für ein Suchbild, dachte Lidia Afanasjewna: Wie viele pinkelnde Männer verstecken sich hinter den Bäumen dieser Allee?
Lutz ließ der observierten Person einen verdachtabtötenden Vorsprung, dann setzte er sich betont unauffällig in Bewegung. In gebührendem Abstand zu ihm folgte Igor, in gebührendem Abstand zu Igor Lidia Afanasjewna. So schlichen sie im Geheimdienstgänsemarsch durch die Dunkelheit.
Lidia Afanasjewna fröstelte. Ihr war kalt, und sie war hundemüde. Alles, was sie daran hinderte, einfach nach Hause zu fahren, war die Gewissheit, dass die Aktion unmittelbar vor dem Abschluss stand. Denn deren erklärtes Ziel war es ja, Name und Adresse des Dealers herauszufinden und so neue Ansatzpunkte für die Ermittlungen zu gewinnen. Und eben dies würde ja erreicht sein, sobald der Observierte bei seiner Wohnung angekommen wäre.
Eine Zeitlang trotteten sie durch die neblige Straße, ohne dass irgendetwas geschah. Lidia Afanasjewna sah die Silhouetten ihrer Vorderleute durch die Lichtkegel der Straßenlampen huschen, begleitet von dem gleichmäßigen Trip-Trap ihrer Schuhe. Es war ein bisschen wie Schäfchenzählen – sie musste aufpassen, dass sie nicht im Gehen einschlief.

Der Hinterhalt

Dann aber, von einer Sekunde zur anderen, änderte sich alles. Ein Schrei war zu hören, gefolgt von Geräuschfetzen eines unbestimmten Tumults. Bruchstücke von Sätzen drangen an ihr Ohr: „… hältst dich anscheinend für besonders schlau …“, „… meinst wohl, ich habe Tomaten auf den Augen …“
Lidia Afanasjewna begriff: Lutz, der große Hauptobservierende, war enttarnt worden. Auch eine solche Situation hatten sie vorher in Betracht gezogen. Lutz hatte ihnen dafür klare Anweisungen erteilt: Der Hintermann sollte dem Angegriffenen Beistand leisten, während der Hintermann des Hintermanns – beziehungsweise in diesem Fall dessen Hinterfrau: Lidia Afanasjewna – die Stelle des Hauptobservierenden einnehmen und die Verfolgung fortsetzen sollte. Aber das waren eben reine Gedankenspiele gewesen. Jetzt, da der Notfall eingetreten war, folgte Lidia Afanasjewna doch ihrem natürlichen Impuls und eilte ihrem Führungsoffizier zu Hilfe.
Lutz lag am Boden. Igor, der durch sein sofortiges Erscheinen den Angreifer in die Flucht geschlagen hatte, beugte sich über ihn. „Was ist denn passiert?“ hörte sie ihren Gatten fragen. „Das ist alles so schnell gegangen, ich habe gar nicht gesehen, wie …“
„Er ist in eine Seitenstraße abgebogen“, stieß Lutz hervor, eine Hand gegen sein rechtes Auge pressend, „und da hat er mir aufgelauert.“
Igor sah ihn besorgt an: „Bist du schwer verletzt?“
„Geht schon“, stöhnte Lutz. „Nur ein Veilchen …“
Lidia Afanasjewna kramte in ihrer Handtasche. „Warte mal – ich müsste irgendwo noch ein Erfrischungstuch haben. Damit könntest du vielleicht …“
„Was machst du denn hier?“ herrschte Lutz sie an. „Sofort die Verfolgung wieder aufnehmen! Sonst schüttelt der Kerl uns am Ende noch ganz ab, und dann war alles umsonst. Er ist da vorne rechts in die zweite Seitenstraße eingebogen, das hab‘ ich noch sehen können.“
Als er Lidia Afanasjewnas eingeschüchterten Blick sah, rang er sich ein Lächeln ab: „Keine Angst – dich hat er ja nicht gesehen.“
Lidia Afanasjewna war zwar über Lutz‘ rauen Ton erschrocken, und sie verspürte auch wenig Neigung, „Maus“ – der sich doch als recht brutaler „Mäuserich“ entpuppt hatte – hinterherzurennen. Andererseits musste sie einsehen, dass Lutz Recht hatte: Wenn sie jetzt, so kurz vor dem Ziel, aufgeben würden, hätten sie sich die ganze Aktion sparen können. So gehorchte sie und begab sich zu der von Lutz angegebenen Kreuzung.

Wegweisende Erkenntnisse

Zum Glück war die Straße fast menschenleer. Die Silhouette des Observierten, der sich mit schnellen Schritten von ihr entfernte, war gar nicht zu übersehen. Lidia Afanasjewna passte sich seinem Tempo an und eilte im Laufschritt hinterher.
An der nächsten Straßenecke wechselte sie vorsichtshalber die Seite und tat so, als würde sie in einer anderen Richtung weitergehen. Erst als sie sich ganz sicher war, dass „Maus“ sie nicht bemerkt hatte, nahm sie die Verfolgung wieder auf. Das Gleiche wiederholte sich noch einmal an der nächsten Kreuzung, dann hielt der Verfolgte vor einem Wohnblock und holte seinen Schlüssel aus der Tasche.
Lidia Afanasjewna verhielt sich genauso, wie Lutz es ihnen in der Vorbesprechung eingetrichtert hatte: Sie wartete in sicherer Entfernung, bis sie sah, wie jemand in einer Wohnung im vierten Stock das Licht anknipste. Dann ging sie zu den Klingelknöpfen und zählte an den Namensschildern die Stockwerke ab.
Vorsichtig tastete sie nach der Taschenlampe – einem Teil der Grundausrüstung, die Lutz für sie zusammengestellt hatte. Sie leuchtete auf die Namensschilder des vierten Stocks. Da: „Gudkow, Maxim“ – das musste ihr Mann sein! Er teilte sich die Wohnung mit einer „Tatjana Meier“. Landsleute also, dachte Lidia Afanasjewna. Dass ihr das nicht gleich aufgefallen war! Allerdings hatte sie „Maus“ alias „Max“ alias „Maxim“ bislang ja auch fast ausschließlich von hinten gesehen – und vor allem nicht sprechen hören.
Moment mal, überlegte sie. Wenn Leonas Dealer ein Russe war – war es dann nicht denkbar, dass sich die ominösen Klobrillenzeichen auf dessen Herkunft bezogen? Dass „OS“ also für „Osten“ stand? Oder war das doch zu weit hergeholt? Würde man, wenn man schon den Namen seines Peinigers nicht kannte, nicht wenigstens dessen Nationalität exakter benennen? Hätte dann also statt „OS“ nicht eher „RU“ auf der Klobrille stehen müssen?
Lidia Afanasjewna nahm sich vor, diese Frage mit ihrem Observationsteam zu besprechen, und wandte sich zum Gehen. Sie hatte schon fast wieder die Kreuzung erreicht, als auf der anderen Straßenseite eine Frau um die Ecke bog und sich in ihre Richtung bewegte. Lidia Afanasjewna stutzte. Sie hatte das deutliche Gefühl, die Frau schon einmal gesehen zu haben. Aber wo sollte das gewesen sein? Einem spontanen Impuls folgend, drehte sie um und ging der Frau nach.
Sie musste nicht weit laufen: Die Frau steuerte exakt auf jenen Wohnblock zu, in dem kurz zuvor der von ihnen observierte Max verschwunden war. Sollten die beiden sich etwa kennen? Handelte es sich bei der Frau womöglich gar um seine Mitbewohnerin?
Lidia Afanasjewna drückte sich in den Schatten eines Hauseingangs und beobachtete von dort die Frau. Sie sah, wie diese – offenbar in der Absicht, ihren Schlüssel herauszuholen – die Handtasche öffnete. Da sie den Schlüssel nicht gleich fand, ging sie zurück zu einer Straßenlaterne, um mehr Licht zu haben.
So hatte Lidia Afanasjewna Gelegenheit, die Züge der Frau genauer in Augenschein zu nehmen. Es war eigentlich ein schönes Gesicht, ebenmäßig, mit wenigen Falten und dezent geschminkten Lippen. Und doch war Lidia Afanasjewna das Gesicht aus irgendeinem Grund unangenehm – es weckte ungute Erinnerungen in ihr. Wenn sie nur gewusst hätte, warum!
Nach längerem Herumkramen schloss die Frau ihre Handtasche wieder, ging zurück zur Haustür und drückte auf einen der Klingelknöpfe. Kurz darauf hörte Lidia Afanasjewna sie in die Gegensprechanlage rufen: „Max? Ich bin’s, Tanja! Du, ich hab‘ leider mal wieder den Schlüssel vergessen.“ Ein Summton erklang, und die Frau verschwand im Haus.
Lidia Afanasjewna blieb noch für einen Moment in dem dunklen Hauseingang stehen und versuchte ihre Gedanken zu ordnen. Jetzt verstand sie gar nichts mehr! War das nur ein dummer Zufall? Oder hatte Lutz am Ende doch Recht mit seinen Verschwörungstheorien?
Jedenfalls wusste sie nun, nachdem sie die Stimme der Frau gehört hatte, woher sie diese kannte: Es war die „Großwildjägerin“ – die Krankenschwester, die Leona die Spritze gegeben hatte.

English Version

A Familiar Face

For Lutz, the chain observation does not have a happy ending. But Lidia Afanasyevna saves the day and finds out something very interesting about the person under surveillance.

Conspiratorial Single File at Midnight

Lidia Afanasyevna yawned heartily. She was truly surprised that a harmless detective game could be so exhausting.
When they, still on the heels of Leona’s dealer, left the underground, it was almost midnight. Only a few isolated figures could still be seen on the street, most of them walking a little shakily. A nice subject for a picture puzzle, Lidia Afanasyevna thought: How many peeing men are hiding behind the trees of this avenue?
In order not to arouse suspicion, Lutz gave the person under observation a little head start, then he started moving in a deliberately unobtrusive manner. At a proper distance from him followed Igor, at a proper distance from Igor Lidia Afanasyevna. Thus they crept through the darkness in conspiratorial single file.
Lidia Afanasyevna shivered. She was freezing, and she was dead tired. All that prevented her from simply going home was the certainty that the operation was about to be concluded. The declared goal was to find out the name and address of the dealer and thus gain new starting points for the investigation. And this would be achieved as soon as the person under surveillance arrived at his flat.
For a while they trotted through the foggy street without anything happening. Lidia Afanasyevna saw the silhouettes of those in front of her scurry through the cones of light from the street lamps, accompanied by the steady trip-trap of their shoes. It was a bit like counting sheep – she had to be careful not to fall asleep while walking.

The Ambush

But then, from one second to the next, everything changed. A scream was heard, followed by scraps of sound of an indeterminate turmoil. Fragments of sentences reached her ears: „… probably think you’re very clever…“, „… not blind …“.
Lidia Afanasyevna understood: Lutz, the chief observer, had been unmasked. Actually, they had prepared themselves for such a situation. Lutz had given them clear instructions for this: The man behind the main observer was to assist the attacked, while the man behind the man behind – or in this case the woman behind the man behind: Lidia Afanasyevna – was to take the place of the main observer and continue the pursuit. But these had just been pure thought experiments. Now that the emergency had occurred, Lidia Afanasyevna followed her natural impulse and rushed to the aid of her commanding officer.
Lutz was lying on the ground. Igor, who had put the attacker to flight by his immediate appearance, bent over him. „What’s the matter?“ she heard her husband ask. „It all happened so fast, I didn’t even see …“
„He turned down a side street,“ Lutz groaned, pressing a hand against his right eye, „and that’s where he ambushed me.“
Igor looked at him anxiously. „Are you badly hurt?“
„I’m all right,“ Lutz mumbled. „Just a black eye …“
Lidia Afanasyevna rummaged in her handbag. „Wait a minute – I should have a refreshing towel somewhere. Maybe you could use it to …“
„What are you doing here?“ hissed Lutz at her. „Get back in pursuit immediately! Otherwise the guy will end up shaking us off completely, and then it was all for nothing. He turned right into the second side street up ahead, as far as I could see.“
When he saw Lidia Afanasyevna’s intimidated look, he forced himself to smile: „Don’t worry – I’m sure he hasn’t noticed you.“
Lidia Afanasyevna was startled by Lutz’s harsh tone, and she felt little inclination to run after „Mouse“, who had turned out to be a rather brutal „mouse-man“. On the other hand, she had to admit that Lutz was right: if they gave up now, so close to the goal, the whole operation would have been in vain. So she obeyed and set off for the crossroads Lutz had indicated.

Groundbreaking Insights

Fortunately, the street was almost deserted. The silhouette of the person under surveillance, who was walking away from her with quick steps, was impossible to miss. Lidia Afanasyevna matched his pace and hurried after him.
At the next street corner, she changed sides as a precaution and pretended to continue in another direction. Only when she was quite sure that „Mouse“ had not noticed her did she resume the pursuit. The same thing happened again at the next crossroads, then the pursued person stopped in front of a block of flats and took his key out of his pocket.
Lidia Afanasyevna behaved exactly as Lutz had instructed them in the preliminary meeting: she waited at a safe distance until she saw someone turn on the light in a flat on the fourth floor. Then she went to the bell buttons and counted off the floors on the nameplates.
Carefully, she fumbled for the torch – part of the basic equipment Lutz had arranged for them. She shone it on the nameplates of the fourth floor. There it was: „Gudkov, Maxim“ – that had to be the name they had been searching for! He shared the flat with a certain „Tatyana Mayer“. So they were compatriots, Lidia Afanasyevna thought. She shook her head: That should have been obvious to her right away! On the other and, she had seen „Mouse“ alias „Max“ alias „Maxim“ almost exclusively from behind – and above all she had not heard him speak.
Hold on, she thought: If Leona’s dealer was Russian – couldn’t it be possible then that the ominous toilet seat signs referred to his origin? That „OS“ stood for „Osten“ – „East“? Or was that too far-fetched after all? If someone didn’t know the name of his tormentor, wouldn’t he at least be more precise about the nationality of the latter? So, instead of „OS“, shouldn’t rather „RU“ have been written on the toilet seat?
Lidia Afanasyevna decided to discuss this question with her surveillance team and turned to leave. She had almost reached the crossroads again when a woman turned the corner on the other side of the street and moved in her direction. Lidia Afanasyevna hesitated. She had the distinct feeling that she had seen the woman before. But where should that have been? Following a spontaneous impulse, she turned around and went after the woman.
She did not have to walk far: The woman was heading for exactly the same apartment block where Max, the observed person, had disappeared shortly before. So did the two of them know each other? Was the woman possibly his flatmate?
Lidia Afanasyevna pressed herself into the shadow of a house entrance and watched the woman from there. She saw her open her handbag, apparently with the intention of getting her key out. As she did not find the key immediately, she went back to a street lamp to have more light.
This gave Lidia Afanasyevna the opportunity to take a closer look at the woman’s features. It was actually a beautiful face, with few wrinkles and discreetly made-up lips. And yet, for some reason, the face didn’t appeal to Lidia Afanasyevna – it awakened unpleasant memories in her. If only she knew why!
After rummaging around for a while, the woman closed her handbag again, went back to the front door and pressed one of the bell buttons. Shortly afterwards, Lidia Afanasyevna heard her speak into the intercom: „Max? It’s me, Tanya! I’m sorry, I forgot the key again.“ A buzz sounded and the woman disappeared into the house.
Lidia Afanasyevna remained standing in the dark entrance for a moment, trying to sort out her thoughts. Now she no longer understood anything! Was this just a silly coincidence? Or was Lutz right after all with his conspiracy theories?
In any case, now that she had heard the woman’s voice, she remembered where she knew her from: It was the „big game hunter“ – the nurse who had administered the injection to Leona.

Bilder / Images: RealAKP: Straße im Nebel / Street in the fog (Pixabay); Enruque: Straßenlaterne im Nebel / Street light in the fog (Pixabay)

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