Sehnsucht nach Selbstauflösung / Longing for self-dissolution

Das Gedicht Modlitwa (Gebet) des polnischen Dichters Jan Lechoń / The poem Modlitwa (Prayer) by the Polish poet Jan Lechoń

English Version

Mitten im nationalistischen Wiedergeburtstaumel des auferstandenen polnischen Staates warnte der polnische Dichter Jan Lechoń 1920 vor übersteigertem Nationalismus. Wie sein Gedicht Modlitwa zeigt, war er sich jedoch zugleich der Nutzlosigkeit solcher antinationalistischer Appelle bewusst.

Gebet

Du, der du Sterne säst und die Monde im Äther verankerst,
Herr über Regengeflüster und Donnergrollen!
Deck deine müden Kinder zu mit deinen Himmeln
und flöße uns den Zauber deiner Stille ein!

Ertrinken lass uns in der Tiefe deiner Welten,
als Sterne silbrig glitzern, aufgelöst in deinem Meer,
ausgegossen in die Reinheit des Azurs,
ein Echo, das im Ewigen verebbt.

Lass mit den Morgennebeln uns verblassen,
als Gewölk uns träge durch den Mittag gleiten,
als schwarzer Schleier abends auf die Erde sinken.
Gelöst lass unsre Seelen vor uns selbst uns retten!

Jan Lechoń: Modlitwa (Gebet); Aus: Srebrne i czarne (Silber und Schwarz, 1924)

Ein antinationalistischer Appell

Die Fesseln der eigenen Geschichte abschütteln

Weltoffenheit vs. nationalistische Aggression

Pessimistische Grundhaltung

Verschiedene Deutungsmöglichkeiten von Modlitwa

Ein antinationalistischer Appell

Entlasst mich aus dem königlichen Łazienki-Palast in Warschau!
Zertrümmert alle Statuen und Säulen,
schlagt auf sie ein, bis ihre Spuren ausgelöscht sind!“

Mit diesen Versen formulierte der damals 18-jährige Jan Lechoń (bürgerlicher Name Leszek Józef Serafinowicz) 1917 seine Absage an eine nationalistische Rückbesinnung auf die eigene Geschichte. Dies war zu dem Zeitpunkt durchaus erstaunlich. Denn Polen war seit 1795 als Staat inexistent. Die polnischen Teilungen hatten dazu geführt, dass das Land zwischen Preußen, Österreich und Russland aufgeteilt war. Erst im Zuge der Neuordnung Europas nach dem Ersten Weltkrieg entstand wieder ein eigenständiger polnischer Staat.
Es gab also allen Grund für das polnische Volk, sich auf die eigenen Wurzeln zu besinnen und die eigene Sprache und Kultur intensiv zu pflegen. Schließlich existierten insbesondere in Preußen und Russland starke Assimilierungsbestrebungen, in deren Folge die polnische Sprache massiv zurückgedrängt und die Ansiedlung von Angehörigen der Hegemonialmächte in polnischen Gebieten stark gefördert wurde.

Die Fesseln der eigenen Geschichte abschütteln

Dass er sich mit seiner Absage an einen übersteigerten Nationalismus ins Abseits begab, war Lechoń durchaus bewusst. Dies spiegelt sich im Titel des betreffenden Gedichts wider. Der Dichter nannte es Herostrates – nach Herostrat(-us/-os), dem Urbild aller Häretiker, der im vierten vorchristlichen Jahrhundert den Tempel der Artemis in Ephesos in Brand gesteckt hat. Weil man dem Täter Geltungssucht als Motiv unterstellte, wurde er mit einer über den Tod hinausreichenden Strafe bestraft – der condemnatio memoriae, einer Auslöschung der Erinnerung an den Betreffenden.
Dennoch beharrte Lechoń in dem Gedicht darauf, nicht die gesamte Welt durch die Brille nationaler Emotionen wahrzunehmen: Im Sommer wolle er die Schmetterlinge in der Sonne glitzern sehen, im Herbst mit den Winden in den „halbnackten Büschen“ weinen, und „im Frühling (…) den Frühling sehen, nicht Polen“.
Was Lechoń an dem Nationalismus seiner Zeit vor allem störte, war dessen rückwärtsgewandte Tendenz. Polen sei gegenwärtig wie „ein armer Mann, der von der Erinnerung an seinen früheren Reichtum lebt“.
Lechoń sah dagegen deutlich, dass das Polen des 20. Jahrhunderts ein anderes sein musste als das, welches 1795 auseinandergebrochen war. Die Fixierung auf die Vergangenheit führte seiner Ansicht nach zu dem märtyrerhaften Bild eines Polens „mit einer Dornenkrone“.

Jan Lechoń (vor 1933); Wikimedia Commons

Weltoffenheit vs. nationalistische Aggression

Lechońs Kritik an diesem Selbstbild, das ein Großteil seiner Landsleute damals pflegte, war durchaus hellsichtig. Denn die Orientierung an der ruhmreichen Vergangenheit war nach 1918 ein wesentlicher Grund für die kriegerische Haltung, mit welcher der neu entstandene polnische Staat unter Józef Piłsudski den Nachbarländern gegenübertrat. Insbesondere die Ukraine und Litauen hatten unter der polnischen Bereitschaft, die einstige nationale Größe notfalls auch mit Gewalt wiederherzustellen, zu leiden.
Lechoń war allerdings alles andere als unpatriotisch. Er wandte sich nur gegen die einseitige Orientierung an dem alten, untergegangenen Polen, das – wie es in Herostrates heißt – „die Sicht auf den weiteren Weg versperrt“. Literarisch drückte sich dies in der von ihm mitgegründeten Dichtergruppe Skamander aus, deren zentrales Kennzeichen die Offenheit für vielfältige, auch neuartige programmatische Ansätze war.
Auf der politischen Ebene hat Lechoń seinem Land in verschiedenen Funktionen gedient. So war er als polnischer Kulturattaché in Frankreich tätig und rief später, nach seiner Emigration in die USA infolge der nationalsozialistischen Besetzung Polens, das Polnische Nationalinstitut in New York ins Leben.

Pessimistische Grundhaltung

Die zerstörerische Kraft eines übersteigerten Nationalismus musste Lechoń im Laufe seines Lebens immer wieder leidvoll erfahren. Dies gilt für die imperialistischen Tendenzen des neu entstandenen polnischen Staates ebenso wie – in noch aggressiverer Form – für den Expansionsdrang des Deutschen Reichs unter den Nationalsozialisten.
Auch 1917, zur Entstehungszeit des Herostrates, stand dem Dichter das Vernichtungspotenzial des Nationalismus bereits deutlich vor Augen. Denn damals dauerte der Erste Weltkrieg, der letztlich die äußerste Konsequenz eines aggressiven Nationalismus in ganz Europa war, bereits seit drei Jahren an.
Vor diesem Hintergrund ist wohl auch das zuerst 1921 in der Zeitschrift Skamander veröffentlichte Gedicht Modlitwa (Gebet) zu sehen, das diesem Beitrag vorangestellt ist. Es lässt sich auf zwei verschiedene Arten lesen.

Verschiedene Deutungsmöglichkeiten von Modlitwa

Der Traum vom „Ertrinken“ im Meer Gottes und von der Auflösung in dessen Nebeln kann zunächst schlicht als eine Variante des mystischen Traums von der Heimkehr der Seele zu Gott verstanden werden. Das Gedicht wäre dabei selbst eine Form jener kontemplativen Versenkung in das Göttliche, durch die ein solcher Zustand zu erreichen ist.
Angesichts der kriegerischen Ereignisse zur Entstehungszeit des Gedichts ist allerdings auch noch eine andere Deutung möglich. Dabei wäre das Gebet eine Bitte an den Schöpfer, seine „müden Kinder“ vor sich selbst zu schützen, indem er sie zu sich zurückführt.
Auch dies kann wiederum auf zweierlei Weise verstanden werden. Zum einen könnte der Gedanke darauf bezogen werden, dass der Mensch seinen Sinn wieder Gott zuwenden soll, um zur Besinnung zu kommen und von seinen unchristlichen Taten im Krieg Abstand zu nehmen. Zum anderen ließe sich die Auflösung des Menschen in Gott aber auch in einem radikaleren Sinn verstehen – nämlich so, dass nur durch das vollständige Verschwinden des Menschen von der Erde wieder jener Frieden zurückgewonnen werden kann, von dem die Schöpfung einst ausgegangen war.
Der Pessimismus, der aus solchen Gedanken spricht, hat Lechoń durch sein gesamtes Leben begleitet. Er wohl auch mit ein Grund dafür, dass er sich 1956 in New York das Leben genommen hat.

Jan Lechońs Gedicht Herostrates wurde zuerst 1917 in der Zeitschrift Pro Arte et Studio veröffentlicht. Es findet sich in dem 1920 erschienenen Gedichtband Karmazynowy poemat (Das karmesinrote Gedicht).

English Version

Longing for self-dissolution

The poem Modlitwa (Prayer) by the Polish poet Jan Lechoń

In 1920, precisely during the nationalist rebirth frenzy of the resurrected Polish state, the Polish poet Jan Lechoń warned against excessive nationalism. As his poem Modlitwa (Prayer) shows, however, he was at the same time aware of the futility of such anti-nationalist appeals.

Prayer

You who sow stars and anchor moons in the ether,
Lord of the whispering rain and the rolling thunder!
Cover your weary children with your heavens
and imbue us with the magic of your silence!

Let us drown in the depths of your worlds,
let us glitter as silvery stars, dissolved in your sea,
poured out in the purity of the Azure,
an echo that fades into the eternal.

Let us vanish with the morning mists,
lazily drift through the noon as clouds,
sink on the earth in the evening as a black veil.
Let our souls, released, save us from ourselves!

Jan Lechoń: Modlitwa (Prayer); From: Srebrne i czarne (Silver and Black, 1924)

An Anti-nationalist Appeal

Shaking off the Shackles of One’s Own History

Cosmopolitanism vs. Nationalist Aggression

Basic Pessimistic Attitude

Different Interpretations of Modlitwa

An Anti-nationalist Appeal

Release me from the royal Łazienki Palace in Warsaw!
Demolish all the statues and columns,
smash them until their traces are erased!

With these verses, the then 18-year-old Jan Lechoń (real name Leszek Józef Serafinowicz) formulated his rejection of a nationalist return to Polish history in 1917. At the time, this was quite astonishing. Poland had not existed as a state since 1795. The Polish partitions had led to the country being divided between Prussia, Austria and Russia. Only in the course of the reorganisation of Europe after the First World War did an independent Polish state emerge again.
Thus, the Polish people had good reasons to remember their own roots and to intensively cultivate their own language and culture. After all, there were strong assimilation efforts from the part of Prussia and Russia in particular, as a result of which the Polish language was massively suppressed and the resettlement of members of the hegemonic nations in Polish areas was strongly promoted.

Shaking off the Shackles of One’s Own History

Lechoń was well aware that with his rejection of an exaggerated nationalism, he was putting himself on the sidelines. This is reflected in the title of the poem in question. The poet called it Herostrates – after Herostrat(-us/-os), the archetype of all heretics, who set fire to the Temple of Artemis in Ephesus in the fourth century BC. Because the perpetrator was thought to have been motivated by a desire for fame, he was punished with a penalty that went beyond death – the condemnatio memoriae, an erasure of the memory of the person concerned.
Nevertheless, Lechoń insisted in the poem on not perceiving everything through the lens of national emotions: He wanted to see the butterflies glistening in the sun in summer, cry with the winds in the „half-naked bushes“ in autumn, and „in spring (…) see spring, not Poland“.
What bothered Lechoń most about the nationalism of his time was its backward-looking tendency. Poland, it says in Herostrates, is currently like „a poor man living on the memory of his former wealth“.
Lechoń saw clearly that the Poland of the 20th century had to be different from the one that had broken apart in 1795. In his view, the fixation on the past led to the martyr-like image of a Poland „with a crown of thorns“.

Jan Lechoń (before 1933); Wikimedia Commons

Cosmopolitanism vs. Nationalist Aggression

Lechoń’s criticism of this self-image, which a large part of his compatriots cultivated at the time, was quite clairvoyant. After all, after 1918, the orientation towards the glorious past was an essential reason for the belligerent attitude with which the newly created Polish state under Józef Piłsudski confronted the neighbouring countries. Ukraine and Lithuania in particular suffered from Poland’s willingness to restore its former national greatness by all means – including violence.
Lechoń, however, was anything but unpatriotic. He only opposed the one-sided orientation towards the old, vanished Poland, which – as it says in Herostrates – „blocks the view of the way ahead“. In the field of literature, this was reflected in the poetry group Skamander, which he co-founded and whose central characteristic was its openness to diverse programmatic ideas and novel approaches in literature.
On the political level, Lechoń served his country in various functions. He represented his country as Polish cultural attaché in France and later, after emigrating to the USA as a result of the Nazi occupation of Poland, founded the Polish National Institute in New York.

Basic Pessimistic Attitude

In the course of his life, Lechoń had to painfully experience the destructive power of excessive nationalism time and again. This applies to the imperialist tendencies of the newly created Polish state as well as – in an even more aggressive form – to the expansionist drive of the German Reich under the National Socialists.
As early as 1917, when Herostrates was written, the poet was clearly aware of the destructive potential of nationalism. For at that time, the First World War, which was the ultimate consequence of aggressive nationalism throughout Europe, had already been going on for three years.
The poem that precedes this article – Modlitwa (Prayer), first published in the journal Skamander in 1921 – can also be seen against this background. It can be read in two different ways.

Different Interpretations of Modlitwa

The dream of „drowning“ in the sea of God and of dissolving in its mists can first be understood simply as a variant of the mystical dream of the soul’s homecoming to God. The poem would then itself be a form of contemplative immersion in the divine, through which such a state of mind can be achieved.
In view of the warlike events at the time the poem was written, however, another interpretation is also conceivable. In this case, the prayer would be a request to the Creator to protect his „weary children“ from themselves by leading them back to him.
Again, this can be understood in two ways. On the one hand, the idea could be related to the fact that humans should turn their minds back to God in order to come to their senses and refrain from their unchristian deeds in war. On the other hand, the dissolution of man in God could also be understood in a more radical sense – namely, that the peace from which creation once emerged can only be regained through the complete disappearance of human beings from the earth.
The pessimism that speaks from such thoughts accompanied Lechoń throughout his life. It was probably also one of the reasons why he committed suicide in New York in 1956.

Jan Lechoń’s poem Herostrates was first published in 1917 in the magazine Pro Arte et Studio. It can be found in the poetry collection Karmazynowy poemat (The Crimson Poem), published in 1920.

Bilder /Images: Johannes Plenio: Sonnenuntergang / Sunset (Pixabay); Johannes Plenio: Dämmerung / Twilight (Pixabay)

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