Eine ganz spezielle Messe/2 / A Very Special Worship Service/2

Tagebuch eines Schattenlosen/2: Bei den Dunkelmännern/12 / Diary of a Shadowless Man/2: Among the Disciples of Darkness/12

Im zweiten Teil der großen Jahresmesse stehen die Fürbitten im Vordergrund. Dabei enthüllt sich für Theo auch der tiefere Sinn der Messe.

The second part of the great annual worship service focuses on the intercessions. On this occasion, Theo also finds out about the deeper meaning of the mass.

Samstag, 30. September

Glaubenserinnerungen

In meiner Jugend hatte ich einmal eine ziemlich religiöse Phase. Ich trug ein goldenes Kreuz um den Hals, hatte einen Jesus-lebt-Sticker auf meinem Schulranzen und war Mitglied in einer christlichen Jugendgruppe.
Im Rückblick frage ich mich allerdings, ob ich wirklich religiös war in meiner religiösen Phase. Was mich an der Gruppe angezogen hat, war wohl eher dieses Gefühl eines unbedingten Aufgehobenseins in einer Gemeinschaft. Kaum etwas macht die geistige Verbindung zu anderen so unmittelbar erlebbar wie das gemeinsame Sich-Versenken in den Urgrund des Seins.
Mir hat das damals zu einem tieferen Bewusstsein meiner selbst verholfen. Denn mein Ich hatte sich ja keinesfalls aufgelöst in der Gemeinschaft. Ich wurde mir darin nur meiner Wurzeln bewusst und ihrer geheimen Verzweigungen mit anderem Seienden.
Wie gesagt – es war eine rein geistige Gemeinschaft. Nie hätte ich beim Friedensgruß oder bei der Austeilung der Hostien eine körperliche Regung empfunden. Und doch sind aus unserer Gemeinschaft Paare hervorgegangen, die ihren Bund nicht nur auf geistiger Ebene besiegelt haben.
Besonders intensiv ließ sich die Gemeinschaft natürlich im gemeinsamen Gebet erfahren. Gerade die rituellen Gebete, bei denen der Sinn der Worte durch die immer gleiche Abfolge der Worte verblasst, haben das unsichtbare Band zwischen uns immer wieder neu geknüpft. Es war, als würde unser gemeinschaftliches Murmeln einen geistigen Windhauch erzeugen, in den sich unmerklich der Atem eines höheren, allumfassenden Geistes mischte.
Eine ähnliche Erfahrung habe ich auch bei der Jahresmesse mit George gemacht – und doch war diese Erfahrung zugleich ganz anders als alles, was ich seinerzeit in meiner christlichen Jugendgruppe erlebt hatte.

2. Fürbitten

Die Stille, die auf seine Predigt gefolgt war, beendete George nach einer Weile mit den rituellen Worten: „Lasset uns beten!“
Wie alle anderen kniete daraufhin auch ich mich nieder und faltete, in Erwartung der priesterlichen Zwiesprache mit Gott, die Hände. Gleich bei den ersten Worten, die George sprach, zuckte ich jedoch heftig zusammen. Denn das Gebet, dessen gleichmäßig-weihevoller Strom jetzt den Raum erfüllte, offenbarte mir mit einem Mal den Sinn dieser Versammlung. Anscheinend war ich, so durchfuhr es mich, doch mit zu großer Naivität an die Messe herangegangen.
George verließ nun die Kanzel und stellte sich aufrecht vor uns hin. Die Arme vor der Brust verschränkt, sprach sie mit geschlossenen Augen die Worte: „Ehre und Lobpreis sei dir, Satan, du weisester und schönster der Engel, du Fürst des Exils und Zuflucht der Verbannten! Du, der du mit dem Tod, deiner alten und starken Geliebten, die Hoffnung zeugst, schillernder König der unterirdischen Dinge, vertrauter Heiler der menschlichen Ängste, wir bitten dich: Lass unsere Seele eines Tages unter dem Baum der Erkenntnis bei dir sich ausruhen, wenn über deiner Stirn seine Zweige wie ein neuer Tempel sich ausbreiten werden!“
In die Schlussworte des Gebets, die anscheinend einer vorgegebenen Formel folgten, stimmte die Gemeinde in monotonem Gemurmel ein: „O Satan, erbarme dich unseres langen Elends!“
Ich verspürte den heftigen Impuls, wegzulaufen, irgendwohin, nur fort von diesem Ort, an den mich – wie ich jetzt wieder dachte – offenbar ein paar Verrückte verschleppt hatten. Dass ich dem Impuls nicht nachgegeben habe, lag wohl in erster Linie an meiner Angst vor dem, was auf meinen Fluchtversuch gefolgt wäre.
Außerdem aber war ich trotz allem neugierig auf den Fortgang dieser merkwürdigen Messe. Ich beruhigte mich damit, dass weder die Predigt noch das von George gesprochene Gebet so recht zu meiner Vorstellung von Schwarzen Messen passten. Wahrscheinlich handelte es sich, so sagte ich mir, bei der Satansanbetung um etwas rein Äußerliches – eine seltene Art von Abbitte oder irgendein frühchristliches Ritual, das George in seiner Vorliebe für Exzentrisches wieder ausgegraben hatte.
Als Nächstes waren die Fürbitten an der Reihe. Ausgewählte Mitglieder der Gemeinde begaben sich nacheinander nach vorn und trugen dort ihre vorbereiteten Texte vor. Auch diese folgten offenkundig einem festen Schema, von dem nur geringfügig abgewichen werden durfte.
Die erste Fürbittensprecherin war Yvonne. Die Aufregung war ihr deutlich anzumerken, auch wenn sie sichtlich darum bemüht war, souverän zu wirken. Sie stellte sich direkt neben George, die mit gefalteten Händen an ihrem Platz stehen geblieben war, und sprach mit zitternder Stimme: „Du, der du mit deiner Liebe selbst den einsamsten Parias den Weg ins Paradies weist, wir bitten dich: Sei bei den Heimatlosen und den Armen dieser Welt, und gib ihnen den Mut und den Stolz, sich nicht schuldig zu fühlen an ihrem Elend!“
Hierauf antwortete die Gemeinde erneut mit den Worten: „O Satan, erbarme dich unseres langen Elends!“
Während Yvonne sich wieder zu ihrem Platz zurückbegab, trat ein junger Mann nach vorn, den ich noch nicht näher kennengelernt hatte. Es war mir jedoch aufgefallen, dass er für einen Mann außergewöhnlich weiche, fast schon engelsgleiche Gesichtszüge hatte. So wunderte es mich nicht, dass George ihn des Öfteren nach dem Abendbrot in ihre Kammer einlud. Eigentlich hieß er Herbert. George hatte ihn jedoch auf den Namen Hervé getauft – wahrscheinlich, weil das mehr nach „amour“ klingt.
Der blonde Schönling wirkte ähnlich aufgeregt wie Yvonne, sprach seine Fürbitte aber viel lauter und pathetischer als diese: „Du, der du dem Verurteilten jenen stolzen Blick gibst, der eine ganze Volksmenge rund um ein Schafott zum Schweigen bringt, wir bitten dich: Gib uns die Kraft zum Widerstand gegen das Unrecht dieser Welt!“
Darauf setzte wieder der Murmelchor ein: „O Satan, erbarme dich unseres langen Elends!“
Nun war Schorsch an der Reihe. Er war der Einzige, bei dem die Fürbitte nicht recht glaubhaft wirkte. Obwohl er mit seinem Stoppelhaarschnitt weit besser in die Kartoffelsackkutte passte als Yvonne mit ihren langen Locken, signalisierte er mit seinem Grinsen eine weit größere Distanz zu dem Geschehen um ihn her. Hinzu kam, dass die von ihm gesprochene Fürbitte zu kaum jemandem weniger gepasst hätte als zu dem geborenen Selbstdarsteller Schorsch: „Du, der du dein Zeichen setzt auf die Stirn des selbstsüchtigen und eitlen Krösus, wir bitten dich: Gib uns die Kraft, der Habgier und der Ruhmsucht zu widerstehen!“
Die Gemeinde übersah das distanzierte Grinsen Schorschs und reagierte auf die Fürbitte nicht anders als auf die zuvor gesprochenen: „O Satan, erbarme dich unseres langen Elends!“
Die letzte Fürbittensprecherin war Lina. Es war deutlich zu erkennen, dass sie nicht das erste Mal für diesen Dienst ausgewählt worden war. Sie schaffte es sogar, ihre Stimme genau auf die Akustik des Raumes einzustellen, so dass sie weder schrill noch dumpf klang: „Du, der du in das Herz der Dirnen die Liebe zu den Gefallenen legst, wir bitten dich: Schenke uns die Kraft und die Liebe, dich zu finden in der Nähe zum anderen.“
Ich hoffte, dass sie mich nach diesen Worten anschauen würde, doch Linas Blick blieb auch dann noch ins Ungefähre gerichtet, als sie sich wieder an ihren Platz zurückbegab. Auf ihre Fürbitte hin erklang nicht das vorherige Gemurmel, sondern eine neue, offenbar ebenfalls ritualisierte Antwort, die das Ende dieses Teils der Zeremonie anzeigte: „Denn alles, was Gott geschaffen hat, ist gut, und nichts ist verwerflich, wenn es mit Dankbarkeit genossen wird.“

Georges Gebet, der jeweils erste Teil der Fürbitten (Anrufung des Satans) und der Antwortchor sind freie Übertragungen von Versen aus Charles Baudelaires Litanies de Satan (1857).

Die abschließende Gebetsformel entstammt dem ersten Brief des Apostels Paulus an Timotheus (1 Tim 4,4).

English Version

A Very Special Worship Service/2

Saturday, September 30

Faith Memories

When I was young, I once went through quite a religious phase. I wore a golden crucifix around my neck, had a “Jesus lives“ sticker on my school satchel and was a member of a Christian youth group.
In retrospect, though, I wonder if I was really religious in my religious phase. What attracted me to the group was probably more this feeling of being unconditionally accepted into a community. Hardly anything makes the spiritual connection to others so immediately tangible as the common immersion in the primordial ground of being.
At that time, this experience helped me to gain a deeper awareness of myself. After all, my ego had by no means dissolved in the community. I simply gained a sense of my roots and their secret ramifications with other beings.
In fact, it was a purely spiritual communion. I would never have felt any physical emotion during the greeting of peace or the distribution of the hosts. And yet couples emerged from our community who sealed their covenant not only on a spiritual level.
Most intensively, the community could be experienced in common prayer. Especially the ritual prayers, in which the meaning of the words fades through the constant repetition of the words, re-established the invisible bond between us time and again. It was as if our communal murmuring produced a spiritual breeze into which the breath of a higher, all-embracing spirit imperceptibly mingled.
At the worship service with George, I had a similar experience – and yet, at the same time, this experience was completely different from anything I had witnessed in my Christian youth group back then.

2.Intercessions

The silence that had followed her sermon was ended by George after a while with the ritual words: „Let us pray!“
Like everyone else, I knelt down and folded my hands in anticipation of the priestly dialogue with God. At the very first words George spoke, however, I winced sharply. For the prayer, whose even, solemn flow now filled the vault, revealed to me all at once the meaning of this gathering. Apparently, I had approached the mass with too much naivety.
George left the pulpit and stood upright in front of us. Crossing her arms in front of her chest, she spoke with closed eyes the words: „Glory and praise be to you, Satan, wisest and most beautiful of the angels, prince of exile and shelter of the banished! You who beget hope with Mother Death, your ancient and strong beloved, dazzling king of subterranean things, trusted healer of human fears, we beseech you: Let our soul rest with you one day under the tree of knowledge, when over your brow its branches spread like a new temple!“
The final words of the prayer, which seemed to follow a ritual formula, were murmured in monotone by the whole congregation: „O Satan, take pity on our long misery!“
I felt a strong urge to run away, no matter where, only away from this place to which – as I now thought again – some obviously insane people had dragged me. The fact that I didn’t give in to this impulse was probably primarily due to my fear of what would have followed my attempt to escape.
However, despite everything, I was still curious about the progress of this strange worship service. I reassured myself with the fact that neither the sermon nor the prayer spoken by George really fitted in with my idea of black masses. Probably, I said to myself, the Satan worship was something purely external – a rare kind of atonement or some early Christian ritual that George had dug up in his penchant for excentric things.
Then it was time for the intercessions. One by one, selected members of the congregation went to the front and recited the texts they had prepared. These apparently also followed a fixed pattern, from which only slight deviations were allowed.
The first to speak was Yvonne. Her excitement was clearly noticeable, even though she was trying to appear confident. She stood right next to George, who had remained in her place with her hands folded, and proclaimed in a trembling voice: „You, who with your love show even the loneliest pariahs the way to paradise, we beseech you: Be with the homeless and the poor of this world, and give them the courage and pride not to feel guilty about their misery!“
To this the congregation responded again with the words: „O Satan, take pity on our long misery!“
While Yvonne went back to her place, a young man stepped forward whom I had not yet got to know better. However, I had noticed that he had unusually soft, almost angelic features for a man. So I wasn’t surprised that George often invited him to her room in the evening. His real name was Herbert. However, George had named him Hervé – probably because that sounds more like „amour“.
The blond beau seemed similarly excited as Yvonne, but spoke his intercession much louder and more pathetically than the latter: „You who give the condemned that proud look that silences a whole crowd around a scaffold, we beseech you: Give us the strength to resist the injustice of this world!“
Thereupon the murmur chorus resounded again: „O Satan, take pity on our long misery!“
Now it was Shorsh’s turn. He was the only one whose intercession did not seem very credible. Although his stubble haircut made him fit into the potato sack frock far better than Yvonne with her long curls, his grin indicated a far greater distance from what was happening around him. In addition, the intercession he spoke would hardly have suited anyone less than the born self-promoter Shorsh: „You who put your mark on the forehead of the selfish and vain Croesus, we ask you for the strength to resist greed and the addiction to glory!“
The congregation overlooked Shorsh’s aloof grin and reacted to the intercession no differently than to those spoken before: „O Satan, take pity on our long misery!“
The last intercessor was Lina. It was clear to see that this was not the first time she had been chosen for this service. She even managed to adjust her voice precisely to the acoustics of the vault, so that it sounded neither shrill nor muffled: „You who sow love for the fallen in the heart of the harlots, we beseech you: Give us the strength and the love to find you in the closeness to one another!“
I hoped that she would look at me after these words, but Lina kept looking into space even as she returned to her place. In response to her intercession, there was not the previous murmur, but a new answer, apparently also ritualised, indicating the end of this part of the ceremony: „For everything created by God is good, and nothing is reprehensible if it is enjoyed with gratitude.“

George’s prayer, the first part of each intercession (invocation of Satan) and the responding chorus are free adaptations of verses from Charles Baudelaire’s Litanies de Satan (1857); different English translations listed on fleursdumal.org.

The concluding prayer formula is taken from the first letter of Saint Paul to Timothy (1 Tim 4:4); different English versions listed on biblehub.com.

Bilder / Images: Ausschnitte / Details: Stefan Keller: Engel / Angel (Pixabay; Ausschnitt / detail) / Johannes Plenio: Sonnenuntergang (Pixabay)

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