Ilona Lays Gedicht Versunken / Ilona Lay’s Poem Immersed

Mit einem Kommentar der Autorin / With a Commentary by the Author

English Version

Heute gibt es am Poetry Day mal wieder ein Gedicht von Ilona Lay. Dieses Mal haben wir die Autorin dafür gewinnen können, einen kurzen Kommentar zu ihren Versen zu schreiben.

Versunken

Du, lautloses Erleuchten,
Taktstock des Herzens und Rauschen der Au,
du Beben in des Himmels Blau,
du Lösendes.

Du, glühendes Verglimmen,
Traum eines Strandes und Zepter der Flut,
du Gleichtakt in der Winde Wut,
du Bindendes.

Du, zähmendes Erzürnen,
Wehmut der Weite und Lächeln des Leids,
du Keimen in der Leere Geiz,
du Kreisendes.

Du, drängendes Gedulden,
Jagd eines Flusses und Auge der Nacht,
du Mondschein auf des Meeres Macht,
du Stillendes.

Du, bindendes Entblättern,
Heimweh der Blüte und Frühling der Frucht,
du Wurzel in der Wolken Flucht,
du Bergendes.

Kommentar von Ilona Lay zu dem Gedicht

Das Göttliche: unnennbar und unvorstellbar

Von Gott, so heißt es in der Bibel, sollen wir uns „kein Bildnis“ machen. In der orthodoxen, reformierten und anglikanischen Kirche ist dies sogar ein Teil der Zehn Gebote.
Diese verbieten uns darüber hinaus auch, den Namen Gottes zu missbrauchen. Im Judentum vermeiden streng Gläubige es deshalb sogar ganz, den Namen Gottes auszusprechen, um ihn nicht versehentlich in den Schmutz zu ziehen.
In beiden Fällen wird in einen Regelkodex übersetzt, was im Grunde nur eine Folge der Annahme eines göttlichen Wesens ist. Wenn ein solches existiert, muss sein Wesen zwangsläufig die menschliche Vorstellungskraft übersteigen.

Was ist das Göttliche?

Das Göttliche ist das kleinste Elementarteilchen ebenso wie das gesamte Universum. Es ist jene geheimnisvolle dunkle Energie, die das Universum dazu antreibt, sich immer weiter auszudehnen – zugleich aber auch das, was in einer für uns unvorstellbar fernen Zukunft dazu führen wird, dass das Universum wieder in sich zusammenfallen und hernach ein neues Universum aus sich hervorbringen wird.
Das Göttliche ist nicht nur das Alpha und das Omega. Es ist auch das Ende, das dem Anfang innewohnt, und der Anfang, der dem Ende innewohnt. Es ist nicht nur das eine wie das andere, sondern zugleich auch das eine im anderen und das andere im einen. Es ist sein eigener Gegensatz wie die Versöhnung der Gegensätze.

Mystische Versenkung in das Göttliche

So ist es für einen Menschen gar nicht möglich, sich ein Bild eines göttlichen Wesens machen. Jedes Bild wird notwendigerweise auf der eng umgrenzten menschlichen Erfahrungswelt beruhen und deshalb das göttliche Wesen verfehlen.
Aus demselben Grund ist es auch nicht sinnvoll, das Göttliche beim Namen zu nennen. Denn wie die Bilder sind auch alle Begriffe an die menschliche Vorstellungswelt gebunden. Und wie jene wecken sie ganz bestimmte Assoziationen, die alle an den menschlichen Erfahrungshorizont gebunden sind und es deshalb erschweren, sich dem göttlichen Wesen zu nähern.
Der einzige Weg, dem Göttlichen gerecht zu werden, ist folglich das sprachlose Sich-Versenken in das göttliche Wesen. Dies ist der Weg aller Mystik, in der sich, so Jan van Ruusbroec (1293 – 1391), die Meditierenden bewusst in der „ewige[n] Namenlosigkeit“ des Göttlichen „verlieren“.

Ein Versuch, das Unaussprechliche auszusprechen

Nun ist es auf der anderen Seite aber ein zentrales Kennzeichen des Menschseins, Dinge zu versprachlichen. Was wir nicht in Begriffe kleiden, existiert für uns nicht. Worüber wir nicht sprechen können, das hat für uns keine Konturen, und darüber können wir uns auch nicht austauschen. Eigene Erfahrungen, die womöglich auch für andere bedeutsam sind, können wir dann nicht miteinander teilen.
So ist mein Gedicht der paradoxe Versuch, Worte für etwas zu finden, für das es keine Worte geben kann. Anders ausgedrückt: Ich spreche über das Unaussprechliche, damit es in Schweigen übersetzt werden kann.

Ruusbroec-Zitat entnommen aus: Huizinga, Johan: Herbst des Mittelalters (nld. 1919, Ausgabe letzter Hand 1941, dt. zuerst 1923), S. 318. Stuttgart 1975: Kröner

English Version

Ilona Lay’s Poem Immersed

With a Commentary by the Author

On our Poetry Day, we present another poem by Ilona Lay today. This time we have asked the author to write a short commentary on her verses.

Immersed

You, nightborn enlightenment,
baton of the heart and murmur of the meadow,
you, trembling in the sky’s azure,
silently redeeming.

You, glowing expiration,
dream of the beach and scepter of the sea,
you, harmony in the roaring storm,
silently uniting.

You, taming infuriation,
wistful vastness and smiling sorrow,
you, germinating in the void’s hollow,
silently circling.

You, impatient perseverance,
hunt of a river and eye of the night,
you, moonbeam on the ocean’s rage,
silently appeasing.

You, leafy defoliation,
homesickness of the blossom and spring in the fruit,
you, root in the escaping clouds,
silently embracing.

Commentary by Ilona Lay on the Poem

The Divine: Unnameable and Unimaginable

Of God, the Bible says, we are to make „no graven image“. In the Orthodox, Reformed and Anglican Churches, this is even part of the Ten Commandments.
These also forbid us to abuse the name of God. In Judaism, strict believers therefore even avoid uttering the name of God altogether, so as not to inadvertently bring it into disrepute.
Both practices translate into a code of rules what is basically only a consequence of the assumption of a divine being. If such a being exists, its essence must necessarily transcend human imagination.

What is the Divine?

The Divine is the smallest elementary particle as well as the entire universe. It is that mysterious dark energy that drives the universe to expand ever further – but at the same time that which, in a future unimaginably distant for us, will cause the universe to collapse in on itself again and subsequently bring forth a new universe from within itself.
The Divine is not only the Alpha and the Omega. It is also the end that is inherent in the beginning and the beginning that is inherent in the end. It is not only one thing as well as its opposite, but simultaneously one thing as part of its opposite. It is its own opposite as well as the reconciliation of opposites.

Mystical Immersion in the Divine

Thus there is no way at all for a human being to form an image of a divine being. Any image will necessarily be based on the limited world of human experience and will therefore miss the essence of the Divine.
For the same reason, it does not make sense to call the Divine by name. For like images, all concepts are bound to the human imagination. And like images, they evoke very specific associations, all of which are bound to the human horizon of experience and therefore make it difficult to get closer to the divine being.
Consequently, the only way to do justice to the Divine is to immerse oneself in it in a speechless way. This is the approach of all mysticism, in which, according to Jan van Ruusbroec (1293 – 1391), meditators consciously „lose themselves“ in the „eternal namelessness“ of the Divine.

An Attempt to Find Words for the Inexpressible

On the other hand, however, it is a central characteristic of human existence to verbalise things. What we do not put into words practically does not exist for us. What we cannot talk about has no contours for us, and we cannot exchange ideas about it. We then cannot share our own experiences, which may also be meaningful for others.
Thus, my poem is the paradoxical attempt to find words for something for which there can be no words. Or, to put it another way: I speak about the unspeakable so that it can be translated into silence.

Ruusbroec quote taken from: Huizinga, Johan: Herbst des Mittelalters (The Autumn / Waning of the Middle Ages; Dutch 1919, final version 1941, German first 1923, English 1924), p. 318. Stuttgart 1975: Kröner.

Bilder /Images: Johannes Plenio: Milchstraße und Ozean / Milky Way and Ocean (Pixabay); Johannes Plenio: Sonnenuntergang an einem nebligen See / Sunset on a misty lake (Pixabay)

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