Schattenverlusterfahrungen / Experiences of Shadow Loss

Tagebuch eines Schattenlosen/2: Bei den Dunkelmännern/7 / Diary of a Shadowless Man/2: Among the Disciples of Darkness/7

Abends sitzt Theo mit anderen bei einem Glas Wein zusammen. Alle erzählen von dem Tag, an dem sie ihren Schatten verloren haben.

In the evening, Theo meets with others for a glass of wine. During the conversation, the day they lost their shadows comes up.

Sonntag, 17. September

Schorschs Geschichte

Gestern nach dem Abendessen noch gemütliches Beisammensein bei „Schorsch“. Ob er sich aus Bewunderung für George so nennt, ist nicht ganz klar. Er behauptet aber, schon immer so gerufen worden zu sein.
Wir haben uns zu sechst um den viel zu kleinen Tisch seiner Kammer versammelt. Schorsch hat Wein besorgt – von dem er selbst allerdings wegen seiner chronischen Magenschmerzen nur sparsam trinkt –, auf dem Tisch flackern zwei Kerzen.
Schorsch ist die typische Frohnatur – zumindest ist dies das Bild von sich, das er nach außen hin vermittelt. Als nach drei Flaschen Rotwein die Stimmung vertraulicher wird und das Gespräch darauf kommt, wie man zu den Dunkelmännern gekommen sei, berichtet er von seinem Schattenverlust so, als würde er uns einen guten Witz erzählen: „Ich war an dem Tag in einem von diesen Fresspalästen, wo man für ’nen Hunderter drei Salatblätter serviert bekommt, und war gerade mal zum Urinieren abgetreten.“
Das Wort „urinieren“ betont er genüsslich, so dass man noch nachträglich die Erleichterung verspürt, die er beim Wasserlassen empfunden haben muss.
Grinsend fährt er fort: „Da stehe ich also in diesem Toilettentempel, ihr wisst ja, wie raffiniert diese Örtchen heutzutage ausgeleuchtet sind, und plötzlich bemerke ich, wie mich die beiden Männer neben mir ganz offen anstarren. Ich denke noch: Nirgendwo ist man vor diesen Voyeuren mehr sicher! Da sehe ich, dass die zwei gar nicht auf meine edlen Teile glotzen, sondern auf den Boden unter mir.“
Schorsch hält inne und blickt auffordernd in die Runde. Als endlich einer von uns das erlösende „Und dann?“ gesagt hat, erzählt er mit ungebremstem Schwung weiter: „Ich blicke also unter mich, in der Annahme, dass vielleicht der Pisspott vor mir ein Loch hat und ich gerade auf die noblen Kacheln pinkle. Es dauert eine Weile, bis mir auffällt, dass an meinem Platz der Boden ganz jungfräulich weiß ist, während die Männer neben mir von ihrem Schatten umrundet werden, der von den Deckenstrahlern sternförmig um ihre Bodys geworfen wird.“
Noch einmal eine kurze Pause, während der Schorsch sich wie zum Nachdenken durch sein streichholzkurzes Haar fährt. Aber dieses Mal setzt er seinen Bericht fort, ohne dass wir ihn dazu auffordern müssen: „Als ich dem Typen neben mir gerade ins Gesicht schaue, um ihn zu zwingen, den Blick von mir abzuwenden, stammelt er: ‚Entschuldigen Sie, ich hatte nur den Eindruck … Aber nein, das ist ja ganz unmöglich!‘ – Und ich darauf: ‚Nein-nein, Sie haben ganz richtig beobachtet – ich nehme meinen Schatten nie mit ins Restaurant.'“
Alle lachen, obwohl uns natürlich bewusst ist, dass Schorsch die Geschichte stark abgewandelt oder sie überhaupt erfunden hat. Was sie erzählt, ist eigentlich eher eine innere Wahrheit. Sie handelt von dem Versuch der Bewältigung eines traumatischen Erlebnisses, wobei unklar bleibt, ob es sich um eine echte Bewältigung oder nur um deren Vorspiegelung handelt. Schorschs chronisches Magenleiden – er hat sogar immer Notfalltropfen bei sich – lässt eher auf Letzteres schließen.
Das Trauma des eigenen Schattenverlusts und die Sympathie für Schorsch bedingen aber, dass niemand nach dem Wahrheitsgehalt seiner Geschichte fragt. Alle identifizieren sich bereitwillig mit der Leichtigkeit, mit der er das Trauma – zumindest nach außen hin – angeht.

Yvonnes Geschichte

Nicht allen gelingt es so gut wie Schorsch, den Amputationsschmerz zu überspielen. Das wird deutlich, als Yvonne zu ihrer Geschichte ansetzt. Sie erzählt, sie habe den Verlust ihres Schattens bemerkt, als sie an einem Sommerabend nach der Arbeit noch ins Freibad gegangen sei.
„Ich war gerade dabei“, berichtet sie, „meine Decke auszubreiten, da sehe ich aus den Augenwinkeln, wie einige Typen, aber auch ein paar Frauen ungeniert in meine Richtung schauen. Ich denke, na klar, mein neuer Badeanzug ist ja auch ziemlich sexy. Dann aber stelle ich fest, dass die Blicke sich gar nicht auf mich richten, sondern auf die Stelle neben mir, auf die Leere, die dort statt meines Schattens gähnt.“
Mit einem bemühten Lächeln beendet sie ihre Geschichte: „Und ich hatte mir schon einen von den Jungs zum Flirten ausgeguckt!“
Yvonnes Versuch, ihrer Erzählung einen heiteren Anstrich zu geben, misslingt gründlich. Zu deutlich ist zu erkennen, dass sie damit vor einem Schmerz zu fliehen versucht, den sie offenbar noch immer nicht überwunden hat. Ein peinliches Schweigen tritt ein, und schlie߬lich bringt irgendjemand ein anderes Thema auf – die Beichtstunde ist zu Ende.
Mir fällt auf, dass in solchen Fällen immer nur von dem eigentlichen Schattenverlust die Rede ist – nie aber von dem, was danach passiert ist. Shadow Colours und die Schattenermittlungsstelle sind tabu – obwohl doch sicher die meisten von uns in irgendeiner Weise mit ihnen zu tun hatten. Wahrscheinlich bin ich nicht der Einzige, der sich auf unrühmliche Formen der Zusammenarbeit eingelassen hat und dieses Thema deshalb ganz gern ausspart.
Der Verlust des Schattens ist dagegen zwar auch für alle mit schmerzhaften Erinnerungen verbunden, aber er hat doch auch etwas Gemeinschaftsstiftendes. Er ist so etwas wie das Urerlebnis, das wir alle miteinander teilen, eine Prüfung, die ein jeder in ähnlicher Form durchgemacht hat und die ihn direkt oder auf Umwegen hierher geführt hat.
Während ich solchen Gedanken nachhänge und mich dabei aus dem Gespräch ausklinke, verlässt Schorsch kurz das Zimmer. Als er sich wieder an den Tisch setzt, bemerke ich, wie die Unterhaltung verstummt und alle mit einer Mischung aus Erschrecken und Mitleid in meine Richtung starren.
Diesen Blick, der sich auf einen Punkt direkt hinter mir an der Wand richtet, kenne ich zwar sehr gut. Unter den gegebenen Umständen weiß ich ihn aber nicht recht einzuordnen. Also drehe ich mich um, folge den auf die Wand hinter mir gerichteten Augenpaaren – und zucke gehörig zusammen, als ich dort ein schwarzes Etwas sehe, mit den typisch flatternden Bewegungen eines vom Kerzenschein bewegten Schattens.
Ich blicke in die Runde, alle schauen an die Wand, dann in mein Gesicht – bis der Erste mit den Mundwinkeln zuckt und schließlich losprustet, woraufhin auch die anderen in das allgemeine Gelächter einfallen. Schorsch steht auf und hält das Mobile an, das er, von mir unbemerkt, an die Wand hinter mir gehängt hat. Ich mache gute Miene zum bösen Spiel und lache mit. Als Novize muss ich mir solche Scherze wohl gefallen lassen.

English Version

Experiences of Shadow Loss

Sunday, September 17

Shorsh’s Story

Yesterday, after dinner, we had a cosy get-together in Shorsh’s chamber. Whether he chose his name out of admiration for George is not entirely clear. He himself, however, claims that he has always been called that way.
Six of us have gathered around the much too small table in his room. Shorsh has organised some wine – which he himself drinks sparingly because of his chronic stomach pains –, two candles flicker on the table.
Shorsh is what you would call a happy-go-lucky person – at least this is the image of himself that he conveys to others. As the mood becomes more intimate and the conversation turns to how he got to the Disciples of Darkness, he speaks about his shadow loss as if he were telling a good joke: “I was in one of those food palaces that day, where they serve you three lettuce leaves for a hundred bucks, and I had just gone to urinate.“
He emphasises the word „urinate“ with relish, so that the relief he must have felt when passing water can still be felt.
With a grin, he continues: „So I’m standing in this temple of toilets – you know how cleverly these places are illuminated nowadays – and suddenly I notice how the men next to me are staring at me from top to bottom with no compunction at all. I think to myself: nowhere is safe from these voyeurs! Then I see that they are not looking at my noble parts, but at the ground below me.“
Shorsh pauses and gazes expectantly at us. After one of us has finally said the redeeming „And then?“, he continues with unrestrained verve: „So I look below me, assuming that maybe the piss pot in front of me has a hole and I’m just peeing on the posh tiles. It takes me a while to realise that where I’m standing, the floor is all virgin white, while the men next to me are circled by their shadows cast in stars around their bodys by the ceiling spotlights.“
Another short silence falls, during which Shorsh runs his hand through his matchstick-short hair as if in thought. But this time he continues his report without us having to ask him: “ As I look straight into the face of the guy next to me to make him take his eyes off me, he stammers: ‚Excuse me, I just had the impression … But no, that’s quite impossible!‘ – And I reply: Don’t worry, you’ve observed quite correctly – I never take my shadow with me when I go out.“
Everyone laughs, although we are of course aware that Shorsh has heavily modified the story or invented it altogether. What it tells is actually more of an inner truth. It is about the attempt to overcome a traumatic experience, whereby it remains unclear whether it is a real overcoming or only a feigning of it. Shorsh’s chronic stomach ailment – he even carries emergency drops with him at all times – rather suggests the latter.
The trauma of losing one’s own shadow and the sympathy for Shorsh ensure, however, that no one disputes the veracity of his story. Everyone readily identifies with the ease the trauma is supposedly dealt with here.

Yvonne’s Story

Not everyone succeeds as well as Shorsh in masking the pain of amputation. This becomes clear when Yvonne starts telling her story. She says she noticed the loss of her shadow when she went to the outdoor pool one summer evening after work.
„I was just about to spread out my blanket,“ she recounts, „when out of the corner of my eye I see some guys, but also a few women, staring at me quite unabashedly. I think, sure, my new swimsuit is pretty sexy. But then I realise that their eyes are not fixed on me at all, but on the spot next to me, on the emptiness yawning there instead of my shadow.“
She finishes her story with a forced smile: „And I had already picked out one of the boys to flirt with!“
Yvonne’s attempt to give her story a cheerful air fails thoroughly. It is too obvious that she is trying to flee from a pain that she has obviously not yet overcome. An awkward silence ensues, and finally someone brings up another subject – the hour of confession is over.
Interestingly, in such cases only the actual loss of the shadow is mentioned – but never what happened afterwards. Shadow Colours and the Shadow Investigation Agency are taboo – although I don’t doubt that most of us have had to do with them in some way. I am probably not the only one who has been involved in inglorious forms of cooperation and is therefore quite happy to leave this subject out.
The loss of the shadow, on the other hand, is of course associated with painful memories for everyone – but it can also create a sense of community. It is something like the primordial experience that we all share, an ordeal that everyone has gone through in a similar form and that has led us here directly or in a roundabout way.
While I am immersed in such thoughts and disengage from the conversation, Shorsh leaves the room for a moment. When he sits down at the table again, I notice how the conversation falls silent and everyone stares in my direction with a mixture of fright and compassion.
This look, directed at a spot right behind me on the wall, is one I know very well. But under the circumstances I don’t quite know how to interpret it. So I turn around, follow the pairs of eyes directed at the wall behind me – and wince when I see a black something there, with the typical fluttering movements of a shadow moved by candlelight.
I look around, everyone stares at the wall, then at my face – until the first one twitches his mouth and finally laughs, whereupon the others join in the general laughter. Shorsh stands up and removes the paper silhouette he has hung on the wall behind me, without me noticing it. I pull myself together and laugh with the others. As a novice, I probably have to put up with such jokes.

Bilder / Images: Dr StClaire (Matryx): Schatten und Rauch / Shadows and smoke (Pixabay); Augusto De Luca: Silhouette eines Kopfes am Castel dell’Ovo, Neapel / Silhouette of a head at Castel dell’Ovo, Naples/Italy (Wikimedia commons, 1986; Ausschnitt / detail)

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