„Wozu hat der liebe Gott eigentlich die Schatten erschaffen?“ / „Why Did the Good Lord Actually Create the Shadows?“

Tagebuch eines Schattenlosen/2: Bei den Dunkelmännern/8 / Diary of a Shadowless Man/2: Among the Disciples of Darkness/8

In einem Gespräch mit Lina diskutiert Theo über den Sinn und Zweck von Schatten: Welche Funktion erfüllen sie im Alltag? Und lebt man besser mit oder ohne Schatten?

In a conversation with Lina, Theo discusses the sense and purpose of shadows: What function do they fulfil in everyday life? And is it better to live with or without shadows?

Montag, 18. September

Ein schöner Spätsommerabend. Ich stehe mit Lina am Fenster ihrer Kammer, gemeinsam träumen wir hinaus in die untergehende Sonne. Als ich mich umdrehe und mein Blick auf den schattenlosen Boden vor mir fällt, sage ich halb im Scherz: „Sag mal, wozu hat der liebe Gott eigentlich die Schatten erschaffen? Es lebt sich doch auch prima ohne sie!“
Lina schmunzelt, zögert aber keinen Moment mit ihrer Antwort. Offensichtlich hat sie sich mit der Frage schon häufiger beschäftigt. „Ich würde sagen, der Schatten verortet dich in der Welt – wie der Anker eines Schiffes. Er gibt dir Halt, kann dich aber auch festhalten, dir also …“
„Du meinst, er kann mich in meiner Entwicklung beschränken?“ führe ich ihren Gedanken weiter. „Also sozusagen das Schiff daran hindern, in See zu stechen?“
Lina nickt. „Ja, das natürlich auch. Ich hatte aber eher eine andere Art von Beschränkung im Sinn. Der Schatten gibt gewissermaßen deiner dunklen Seite eine Form …“
Da sie zögert, um ihre Worte sorgfältig abzuwägen, frage ich: „Aber ist das nicht eher positiv? Sobald etwas Gestalt annimmt, ist es doch auch weniger bedrohlich. Was eine Form hat, kann angeschaut und geistig durchdrungen werden. Nur das Gestaltlose kann die Seele verunstalten, dachte ich immer.“
„Ja, schon“, bestätigt Lina. „Aber was ist, wenn die schöne Form trügerisch ist? Vergiss nicht, dass der Schatten dir deine dunkle Seite immer so zeigt, wie sie an dem jeweiligen Ort gesehen wird – denn er ist ja gerade die Wurzel, die dich mit diesem Ort verbindet. Wenn dort aber das Formlose zur Norm erhoben wird, gaukelt dir dein Schatten möglicherweise eine perfekte Ordnung vor, während in Wirklichkeit die Welt aus den Fugen geraten ist. In so einem Fall kannst du dich nur dadurch von der Fessel des Bösen befreien, dass du dich von deinem Schatten löst und eine eigene Form für deine dunkle Seite findest.“
„Aber“, wende ich ein, „für uns Schattenlose hat das ‚Böse‘, wie du es nennst, doch überhaupt keine Form. Müssten wir ihm dann nicht erst recht zum Opfer fallen?“
Lina seufzt. Anscheinend ist ihr das Thema gar nicht so angenehm – oder es strengt sie an, darüber zu reden. „Vielleicht hätte ich nicht vom ‚Bösen‘ sprechen sollen“, räumt sie ein. „Der Begriff ist in der Tat missverständlich. Die dunkle Seite eines Menschen bezeichnet für mich zunächst schlicht, ganz wertneutral, all das, was in seinem Alltag keine zentrale Rolle für ihn spielt – für ihn also ‚im Dunkeln‘ liegt. Etwas Böses kann daraus erst entstehen, wenn die Energie der dunklen Seite sich verselbständigt. Das ist immer dann der Fall, wenn ihr im alltäglichen Leben kein Ventil geboten wird. Sobald dies geschieht, verliert die dunkle Seite auch ihren bedrohlichen Charakter. Im Idealfall verbindet sie sich dann sogar mit der hellen Seite zu einer organischen Einheit.“
Lina kommt mir viel schöner vor als früher, jetzt, wo sie diesen blitzenden Ernst in ihren Augen hat. Aus Sympathie möchte ich ihr in allem Recht geben. Andererseits reizt es mich auch, ihr zu widersprechen, um das heilige Feuer in ihrem Blick noch ein wenig anzufachen.
Also frage ich bewusst provozierend: „Aber würdest du so nicht gewissermaßen das Böse durch das Böse austreiben? Nehmen wir zum Beispiel die Aggression, die ja wohl fraglos der dunklen Seite des Menschen zuzurechnen ist: Hältst du es da etwa auch für sinnvoll, den Gewaltimpulsen ein Ventil zu bieten – die Energie also einfach unkontrolliert fließen zu lassen?“
Lina schüttelt unwillig den Kopf. „Erstens habe ich doch gar nicht gesagt, dass man die Energie einfach ‚fließen lassen‘ soll. Das Entscheidende ist ja gerade, dass du die Art und Weise, wie die Energie umgesetzt wird, selbst wählst, anstatt dich dabei von unkontrollierten Impulsen leiten zu lassen. Und zweitens ist Gewalt doch gerade ein Beispiel für fehlgeleitete Energie – für eine Energie, die zerstört, anstatt aufzubauen, die Leid statt Lust bringt.“
„Du willst also behaupten, dass es keine Lust am Töten gibt?“ hake ich nach.
Sie seufzt erneut. „Auch da hast du mich falsch verstanden! Mir ging es um die objektiven Auswirkungen gewalttätiger Handlungen. Auf der subjektiven Ebene sieht die Sache selbstverständlich anders aus. Da gibt es natürlich diese fatale Verbindung von Lust und Töten. Ich würde sogar sagen, dass die Lust am Töten potenziell immer da ist, selbst wenn wir persönlich dem Bösen keine neue Kraft zuführen. Die Fehllenkung der inneren Energie bezieht sich ja nicht nur auf ein einziges Menschenleben. Das ist ein Prozess, der schon seit Jahrhunderten andauert – letztlich seit Eintreten des Menschen in die Geschichte. Eben deshalb ist es auch so schwer, das Böse zu besiegen: Es hat tiefe Wurzeln geschlagen in unserer Welt.“
Pointierend frage ich: „Dann ist also der Mensch der große Bösewicht der Schöpfung – derjenige, der das Böse in die Welt gebracht hat?“
Lina überhört meinen Sarkasmus und entgegnet ernst: „So würde ich das nicht sagen. Nicht der Mensch selbst ist das Problem, sondern die Art und Weise, wie er seine innere Energie auslebt. Dadurch, dass diese bei ihm nicht an den Instinkt gebunden ist, hat er eine viel größere Freiheit beim Ausleben der Energie. Das eröffnet neue Möglichkeiten, bedingt aber auch eine größere Verantwortung für das große Ganze. Und dieser Verantwortung wird der Mensch leider umso weniger gerecht, je mehr er seine eigene Geschichte schreibt und mit dieser Geschichte die Entwicklung dieses Planeten bestimmt.“
„Aber können nicht auch Tiere Lust am Töten empfinden?“ wende ich ein. „Und zeigt das nicht, dass das Böse schon vor dem Menschen in der Welt gewesen sein muss?“
„Als Möglichkeit, ja“, gesteht Lina mir zu. „Das Tier bleibt aber immer in das Ganze der Natur eingebunden. Selbst wenn es in seinem Tun von destruktiven Trieben gelenkt wird, haben diese in der Summe doch einen produktiven Sinn. Die konkrete Existenz des Bösen verdankt sich allein dem Menschen, der es ernährt, indem er ihm einen Teil seiner Existenz als Beute überlässt.“
Ich lächle sie herausfordernd an. „Das klingt, als wäre das Böse eine Bestie, die im Dunkeln lauert, um den armen, unschuldigen Menschen zu überfallen.“
Gänsehaut zittert auf Linas Armen. Nachdem die Sonne untergegangen ist, weht ein kühler Wind zum Fenster herein. Mühelos durchdringt er das dünne Sommerkleid, das Lina an dem Tag trägt.
Lina schließt das Fenster und geht zum Bett, wo sie sich in eine Decke einwickelt. Gegen die Wand gelehnt, sinniert sie: „Natürlich sind das alles nur Bilder. Aber sie enthalten doch einen wahren Kern.“
„Und der wäre?“ frage ich, während ich mich neben ihr auf das Bett setze.
„Du kannst es dir als chemischen Prozess vorstellen“, erläutert Lina, noch immer fröstelnd. „Das Böse ist wie ein chemischer Stoff, der durch bestimmte Reaktionen einzelner Teilchen entstanden ist und nun wie jeder andere chemische Stoff in seiner Gesamtheit die Tendenz hat, sich auszubreiten. Gleichzeitig neigen die einzelnen Teilchen, aus denen er sich zusammensetzt, dazu, sich mit bestimmten anderen Stoffen zu verbinden. Deshalb muss es unser Ziel sein, uns stets so zu verhalten, dass wir dem Bösen keine Nahrung bieten und es so daran hindern, sich in uns und durch unser Verhalten in der Welt auszubreiten.“
„Aber es könnte doch auch sein“, gebe ich zu bedenken, „dass ich dem Bösen objektiv diene, während ich subjektiv das Gefühl habe, seiner Ausbreitung entgegenzuwirken. Wie kann ich also erkennen, wann das der Fall ist und wann ich dem Bösen in der Tat Energie wegnehme, indem ich dieser, wie du sagst, ein unbedenkliches Ventil biete?“
Lina zieht ihre nackten Arme unter der Decke hervor und schlingt sie um ihre Knie. „Dafür gibt es nur ein Mittel: Du musst dir immer selbst misstrauen.“
Mit ihren melancholischen Augen und ihren ausdrucksstarken Händen, deren Finger gedankenverloren miteinander spielen, sieht sie viel zu schön aus, als dass ich den Abend nur mit philosophischen Diskussionen zubringen wollte. Also rutsche ich zu ihr herüber und lege den Arm um sie: „Meinst du nicht, dass wir unsere Energie auch gerade in die falsche Richtung strömen lassen?“
Sie schmunzelt, obwohl ich ihre Gedanken damit ein wenig ins Lächerliche ziehe. Ich bin ihr dankbar, dass sie nicht auf einer Fortsetzung unseres Gesprächs besteht. Vielleicht hatte sie ja auch selbst noch Lust auf ein wenig Kommunikation der anderen Art. Unser Kuss ist der Auftakt zu einem himmlischen Schäferstündchen – auch wenn das Bett mit dem quietschenden Lattenrost nicht gerade das ist, was ich ein „Liebesnest“ nennen würde.

English Version

„Why did the good Lord actually create the shadows?“

Monday, September 18

A beautiful late summer evening. I am standing with Lina at the window of her chamber, together we are dreaming out into the setting sun. When I turn around and look at the shadeless floor in front of me, I say half jokingly: „Tell me, why did the good Lord actually create the shadows? People can live just as well without them!“
Lina smiles, but doesn’t hesitate for a moment with her answer. Obviously she has already thought about this question many times. „I would say the shadow locates you in the world – like the anchor of a ship. It gives you support, but it can also restrain you so that you …“
„You mean it can put restrictions on my personal development?“ I continue her thought. „So to speak, prevent the ship from setting sail?“
Lina nods. „Yes, that too, of course. But I had rather a different kind of restriction in mind. In a way, the shadow gives a sort of shape to your dark side …“
As she hesitates, carefully weighing her words, I ask: „But isn’t that rather positive? As soon as something takes shape, it is also less threatening, isn’t it? Things that have a form can be looked at and grasped mentally. Only the formless can deform the soul – don’t you agree?“
„Yes, you’re right,“ Lina confirms. „But what if the beautiful form is deceptive? Don’t forget that the shadow always shows you your dark side as it is seen in a specific place – it is precisely the root that connects you to that place. If the formless is made the norm there, your shadow may make you believe in a perfect order, while in reality the world is out of joint. In such a case, you can only free yourself from the shackles of evil by detaching yourself from your shadow and finding your own form for your dark side.“
„But“, I object, „for us who live without a shadow, ‚evil‘, as you call it, has no form at all. Wouldn’t we then have to fall victim to it all the more?“
Lina sighs. Apparently she is not at all comfortable with the subject. „Perhaps I shouldn’t have spoken of ‚evil‘,“ she concedes. „The term is indeed misleading. For me, the dark side of people means, first of all, quite neutrally, everything that does not play a central role for them in their everyday life – in other words, things that are ‚in the dark‘ for them. Something evil can only arise from it when the energy of the dark side takes on a life of its own. This is regularly the case when it is not given an outlet in everyday life. As soon as this happens, the dark side loses its threatening character. Ideally, it then even connects with the bright side to form an organic unity.“
Lina seems much more beautiful to me than in the past, now that she has this gleaming earnestness in her eyes. Out of sympathy, I want to agree with everything she says. On the other hand, it also tempts me to contradict her, to fan the holy fire in her gaze a little more.
So I ask in a deliberately provocative way: „But wouldn’t you in a way be exorcising evil through evil then? Let’s take aggression, for example, which is undoubtedly part of the dark side of human beings. Do you think it makes sense to give violent impulses an outlet – to let the energy flow uncontrolled?“
Lina shakes her head disapprovingly. „First of all, I didn’t say that you should just ‚let the energy flow‘. The important thing is that you yourself choose the way in which the energy is implemented, instead of letting yourself be guided by uncontrolled impulses. And secondly, violence is precisely an example of misdirected energy – energy that is destructive rather than creative, that brings suffering rather than pleasure.“
„So you’re saying that there is no pleasure in killing?“ I continue inquiring.
She sighs again. „You misunderstood me once more! I was talking about the objective effects of violent actions. On the subjective level, things look different. There, of course, this fatal connection between pleasure and killing does exist. I would even say that the desire to kill is potentially always there, even if we personally do not supply evil with new power. The misdirection of our inner energy is not just related to a single human life. It is a process that has been going on for centuries – ultimately since man entered history. That is precisely why it is so difficult to defeat evil: it has taken deep roots in our world.“
Deliberately exaggerating, I ask: „So man is the great villain of creation – the one who brought evil into the world?“
Lina overhears my sarcasm and replies seriously: „I wouldn’t put it that way. It is not man himself who is the problem, but the way we use our inner energy. The fact that it is not bound to our instincts gives us much more freedom to act it out. This opens up new possibilities, but also implies a greater responsibility for the whole of life. Unfortunately, the more man writes his own history and determines the development of this planet with this history, the less he lives up to this responsibility.“
„But can’t animals also feel pleasure in killing?“ I object. „And doesn’t that show that evil must have been in the world before humans?“
„As a possibility, yes,“ Lina approves. „But the animal always remains integrated into the whole of nature. Even if it is guided in its actions by destructive drives, these still have a productive meaning in the aggregate. The concrete existence of evil is owed solely to man, who nourishes it by surrendering to it a part of his existence as prey.“
I smile challengingly at her. „That sounds like evil is a beast lurking in the dark to attack the poor, innocent human being.“
Goosebumps tremble on Lina’s arms. After the sun has set, a cool wind blows in through the window. It effortlessly penetrates the thin summer dress Lina is wearing that day.
Lina closes the window and goes to the bed, where she wraps herself in a blanket. Leaning against the wall, she muses: „Of course, these are all just pictures. But they do contain a kernel of truth.“
„And what would that be?“ I ask as I sit down next to her on the bed.
„You can imagine it as a chemical process,“ Lina explains, still shivering. „The evil is like a chemical substance that was created by certain reactions of individual particles and that now, like any other chemical substance, has the tendency to expand. At the same time, the individual particles of which it is composed tend to combine with certain other substances. Therefore, our aim must always be to behave in such a way that we do not provide nourishment for the evil and thus prevent it from spreading in us and in the world through our behaviour.“
„But couldn’t it also be“, I point out, „that I objectively contribute to the spread of evil, while subjectively I have the impression that I am counteracting its expansion? So how can I tell when that is the case and when I am in fact taking energy away from evil by giving it, as you call it, an unobjectionable outlet?“
Lina pulls her bare arms out from under the blanket and wraps them around her knees. „There is only one remedy for that: you must always distrust yourself.“
With her melancholic eyes and her expressive hands, whose fingers play with each other lost in thought, she looks far too beautiful for me to waste the whole evening on philosophical discussions. So I move over to her and put my arm around her: „Don’t you think we’re letting our energy flow in the wrong direction right now, too?“
She smirks, though I somewhat ridicule her thoughts this way. To my relief, she doesn’t insist on continuing our conversation. Perhaps she herself was in the mood for a little communication of a different kind. Our kiss is the prelude to a heavenly romantic hour – even if the bed with its squeaky slatted frame is not exactly what I would call a „love nest“.

Bilder / Images: Edvaldo LL Souza: Schattenkämpfe / Shadow Battles (Wikimedia commons; Ausschnitt, leicht verändert / detail, slightly modified); Viki B.: Silhouette eines Paares / Silhouette of a couple (Pixabay; Ausschnitt / detail)

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