Das Vorstellungsgespräch / The Job Interview

Tagebuch eines Schattenlosen/2: Gefängnistagebuch, 6. Eintrag / Diary of a Shadowless Man/2: Prison Diary, Sixth Entry

Bald nach der Rückkehr in die Normalität hatte Theo sich um eine Stelle beworben. Dank der speziellen Eigenschaften seines neuen Schattens hatte er den Job problemlos erhalten.

Soon after returning to normality, Theo had applied for a job. Thanks to the special qualities of his new shadow, he had received it without any problems.

Samstag, 12. August

Jetzt treffen die Erinnerungen ein wie verspätete Gäste auf einer Party – zum Beispiel, wie ich damals im Besprechungsraum gesessen habe, nachdem ich mich um die Stelle als Vertriebsberater beworben hatte.
Natürlich war mir die Tatsache dieses Vorstellungsgesprächs auch in den vergangenen fünf Jahren immer irgendwie präsent gewesen – so, wie man weiß, dass man irgendwann mal zur Schule gegangen ist, mit bestimmten Personen befreundet war oder irgendeine Sportart betrieben hat. Aber die Erinnerung an dieses Ereignis war sozusagen leblos, oder vielmehr: sie war deaktiviert, sie bedeutete mir nichts.
Wer einen Schul- oder Berufsabschluss in seiner Biographie aufführt, verbindet damit in dem Moment ja auch nur das abstrakte Zeugnis, nicht aber die Angst und die Demütigung, die die Prüfungssituation damals vielleicht bedeutet hat. Erst wenn irgendwann wieder eine ähnliche Situation auftaucht, öffnet sich der Speicher, auf dem die Gefühle von damals lagern, und der dumpfe Geruch ferner Vergangenheit sickert in die Seele ein.

Es war wie immer bei solchen Gesprächen: Der Delinquent ist ganz auf sich allein gestellt, aber die Gegenseite hat sich Verstärkung mitgebracht – für den Fall, dass die Autorität und die Machtfülle des Hauptverantwortlichen nicht ausreichen sollten, um den Bewerber einzuschüchtern.
Rechts und links neben dem Personalchef saßen zwei Frauen. Die eine wurde mir als Leiterin der Abteilung, der die zu vergebende Stelle zugeordnet war, vorgestellt. Bei der anderen handelte es sich um die persönliche Referentin des Personalchefs vorgestellt wurde. Neben Letzterer hatte die Vertreterin des Betriebsrats Platz genommen. Von ihr war jedoch – weil sie in Personalunion Frauenbeauftragte war – keine Unterstützung für mich zu erwarten.
Neben der Abteilungsleiterin saß noch ein junger Mann, an dessen Funktion ich mich nicht mehr genau erinnere. Ich weiß nur noch, dass er andauernd irgendetwas in sein Notebook tippte, während wir uns unterhielten. Wahrscheinlich war er eine Art Praktikant.
Der kreisrunde Tisch, um den wir saßen, suggerierte zwar Offenheit und demokratische Umgangsformen. Der äußere Eindruck kontrastierte jedoch entschieden mit der Sitzordnung, die sich fast von selbst so ergeben hatte: Neben mir waren rechts und links je zwei Plätze frei, wodurch die Unternehmensriege mir fast frontal gegenübersaß.
Nach dem üblichen Vorgeplänkel kam der Personalchef gleich zur Sache, indem er mit der tückischsten Frage einstieg: Warum hätte ich mich eigentlich gerade bei diesem Unternehmen beworben? Dabei beugte er sich angriffsbereit nach vorn.
Natürlich hatte ich mich gut auf die Frage vorbereitet: Ich hatte die Homepage des Unternehmens angeklickt, mir im Internet alle möglichen Informationen zusammengesucht und das Unternehmensprofil mit dem anderer Unternehmen verglichen. In dem Augenblick aber verschwammen all die mühsam gesammelten Detailinformationen in meinem Kopf zu einem chaotischen Mosaik, in dem ich mich nicht mehr zurechtfinden konnte.
Ich habe dann, glaube ich, irgendetwas vom „hervorragenden Ruf“ des Unternehmens gestammelt und davon, wie gut meine beruflichen Erfahrungen zu dem Stellenprofil passen würden. Außerdem habe ich, wenn ich mich recht erinnere, das gute Arbeitsklima gelobt, das die Homepage mir angeblich vermittelt hätte.
Kurz: Ich verlor mich in Allgemeinplätzen, wo konkrete Antworten verlangt waren, und redete mich auf diese Weise – so schien es mir – um Kopf und Kragen.
Zu meiner Überraschung reagierte der Personalchef aber keineswegs konsterniert oder ärgerlich auf meine Ausführungen. Stattdessen lächelte er mich wohlwollend an und lehnte sich entspannt auf seinem Stuhl zurück.
Auch die drei anwesenden Damen schienen meiner Bewerbung sehr aufgeschlossen gegenüberzustehen. Ich meinte ich sogar eine Art Blitzen in ihren Augen wahrzunehmen, als hätte ich gerade einen Flirt mit ihnen angefangen. Dies erschien mir in der Situation zwar recht unpassend, stimmte mich aber dennoch hoffnungsvoll.
So fühlte ich mich schon viel sicherer, als der Personalchef seine nächste Frage stellte: Was ich denn verändern würde, wenn man mir die ausgeschriebene Stelle geben sollte?
Eine Fangfrage, die in 99 Prozent aller Fälle dazu führt, dass man auf die eine oder andere Weise ins Fettnäpfchen tritt. Ich weiß nicht mehr genau, was ich damals geantwortet habe, sehe aber noch genau die Gesichter des Personalchefs und der drei Damen vor mir: Ihre Blicke ruhten nun fast schon schwärmerisch auf mir!
Als ich meine Ausführungen beendet hatte, war eine Zeit lang nichts zu hören als das leise Hämmern, mit dem der Praktikant die Tastatur seines Notebooks traktierte.
Dann geschah etwas, das für derartige Gespräche durchaus ungewöhnlich ist: Die Referentin des Personalchefs beugte sich zu diesem hin und flüsterte ihm etwas ins Ohr. Der Personalchef nickte zustimmend und eröffnete mir dann, dass in meinem Fall das Gespräch wohl abgekürzt werden könne. Man werde mich in nächster Zeit über den Ausgang des Bewerbungsverfahrens unterrichten.
Das freundliche Lächeln, das er dabei aufsetzte, und der fast schon warmherzige Abschied täuschten mich nicht: Zwei Tage später erhielt ich einen Brief, in dem mir mitgeteilt wurde, dass ich die Stelle zum Beginn des kommenden Monats antreten könne.
Erst später brachte ich den unerwartet positiven Verlauf des Vorstellungsgesprächs mit dem neuen Schatten in Verbindung, den ich von Shadow Colours erhalten hatte. Dunkel erinnerte ich mich an die Worte, mit denen der Schattenhändler diesen „De-Luxe-Schatten“ bei seinem Verkaufsgespräch angepriesen hatte – Worte, die ich damals als reines Werbegeplänkel abgetan hatte.
Hatte er damals nicht etwas von „proskinetischer Vibration“ gefaselt? Davon, dass das Schattenmodell „De Luxe“ einen für das Gegenüber als Spiegelbild seines eigenen Ideals erscheinen lasse – und dass es deshalb bei der Partnersuche ebenso hilfreich sei wie beim beruflichen Aufstieg?

English Version

The Job Interview

Saturday, August 12

Now the memories arrive like late guests at a party – for example, how I sat in the meeting room after I had applied for the job as a sales consultant.
Of course, the fact of that job interview had always been present in my mind in some way over the past five years – just as you know that you went to school in childhood, that you were friends with certain people or that you practised some kind of sport. But the memory of this event was, so to speak, lifeless, or rather: it was deactivated, it meant nothing to me.
In principle, it’s like listing a school or vocational qualification in your biography. At that moment, you only associate the abstract certificate with it, but not the fear and humiliation that the exam situation may have meant at the time. Only when a similar situation comes up again does the storehouse with the feelings from that time open up, and the muffled smell of the distant past seeps into the soul.

It was like it always is in such talks: The delinquent is left to his own devices, but the other side has brought along reinforcements – in case the authority and power of the main person in charge are not enough to intimidate the applicant.
To the right and left of the personnel manager sat two women. One was introduced to me as the head of the department to which the vacant position was assigned. The other was the personal assistant of the personnel manager. Next to the latter sat the representative of the works council. Since she was simultaneously the women’s representative, I could not expect any support from her.
Next to the head of department sat a young man whose function I no longer remember exactly. I only recall that he was constantly typing something into his notebook while we were talking. Probably he was some kind of trainee.
The circular table around which we sat suggested openness and democratic manners. The outward impression, however, contrasted sharply with the seating arrangement, which had almost automatically come about: There were two empty seats to my right and two empty seats to my left, which meant that the company representatives were sitting almost frontally opposite me.
After the usual preliminary banter, the personnel manager got straight to the point by starting with the most insidious question: Why had I actually just applied to this company? Ready to attack, he leaned forward.
Of course, I had prepared myself well for the question: I had clicked on the company’s homepage, looked up all kinds of information on the internet and compared the company’s profile with that of other companies. At that moment, however, all the detailed information I had painstakingly collected blurred in my head into a chaotic mosaic in which I could no longer find my way around.
I think I stammered something about the company’s “excellent reputation” and how well my professional experience would fit the job profile. In addition, as far as I remember, I praised the good working atmosphere that the homepage had allegedly conveyed to me.
In short: I lost myself in generalities where concrete answers were required, and in this way – so it seemed to me – ruined all prospects of a successful application.
To my surprise, however, the personnel manager did not react at all in consternation or annoyance to my remarks. Instead, he smiled benevolently at me and leaned back in his chair.
The three ladies present also seemed very open to my application. I even noticed a kind of flash in their eyes, as if I had just started a flirt with them. This seemed rather inappropriate in the situation, but nevertheless gave me new hope.
So I felt much more confident when the personnel manager asked his next question: What would I change if they gave me the job?
A trick question that in 99 percent of all cases leads to putting one’s foot in it one way or another. I don’t remember exactly what I answered at the time, but I can still see the faces of the personnel manager and the three ladies in front of me: their gazes were now almost rapturously resting on me!
When I had finished what I had to say, nothing could be heard for a while but the quiet hammering with which the trainee was maltreating the keyboard of his notebook.
Then something happened that is quite unusual for this kind of conversation: the manager’s assistant leaned over to her boss and whispered something in his ear. The personnel manager nodded in agreement and then told me that the interview could probably be cut short in my case. I would be informed about the outcome of the application process in the near future.
His friendly smile and almost cordial farewell did not promise too much: two days later I received a letter telling me that I could start the job at the beginning of next month.
Only later did I connect the unexpectedly positive course of the interview with the new shadow I had received from Shadow Colours. Vaguely, I remembered the words with which the shadow dealer had praised this “De Luxe Shadow” during his sales pitch – words that I had shrugged off at the time as mere advertising platitudes.
Hadn’t he been talking about “proskinetic vibration” back then? About how the shadow model “De Luxe” makes you appear to other persons as a reflection of their own ideal – and that it is therefore just as helpful in finding a partner as it is in career advancement?

Bilder /Images: Mohamed Hassan: Meeting; Händeschütteln / Handshakes (Pixabay)

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