Ein Alptraum / A Nightmare

Tagebuch eines Schattenlosen/2: Gefängnistagebuch, 7. Eintrag / Diary of a Shadowless Man/2: Prison Diary, Seventh Entry

Mitten in der Nacht wacht Theo auf und blickt in das Gesicht einer Schlange. Ist es ein Traum? Oder doch Wirklichkeit?

In the middle of the night, Theo wakes up and looks into the face of a snake. Is it a dream? Or is it reality after all?

Noch kein neues Datum? – Mein Tag-Nacht-Rhythmus scheint ja mittlerweile völlig durcheinandergeraten zu sein …
Aber was spielt es in meiner Lage auch für eine Rolle, ob es nun früher Nachmittag, später Abend oder mitten in der Nacht ist!

Bin soeben aus einem seltsamen Traum hochgeschreckt: Ich sitze im Büro an meinem Schreibtisch, da spüre ich plötzlich etwas wie ein Kribbeln an meinem rechten Bein. Ich denke, dieses ewige Sitzen, ich müsste mal wieder Sport treiben! Da wird das Kribbeln stärker, und ich fühle ganz deutlich, wie etwas in mein Hosenbein schlüpft und sich vom Knöchel an aufwärts windet.
Ich möchte mich bücken, nachschauen, was da los ist, aber meine Hände sind wie festgeklebt an der Tischplatte, ich kann mich nicht bewegen. Der Druck auf mein Bein wird immer stärker, ich möchte um Hilfe rufen, aber ich bringe die Lippen nicht auseinander. Schließlich habe ich gar kein Gefühl mehr in dem Bein, es hängt wie abgestorben herunter.
Als Nächstes sehe ich mich aufwachen und mein Bein schütteln. Das ist das ganze Problem, denke ich, es war eingeschlafen, daher der komische Traum! Aber nachdem ich mich – alles noch im Traum – wieder hingelegt habe, fängt das Kribbeln von neuem an. Diesmal strahlt es aber von meiner Lendengegend aus, von wo es langsam höher steigt, über den Bauch bis zum Hals, der erst anschwillt wie bei einer allergischen Reaktion und dann so zusammengeschnürt wird, dass ich keuche und nach Atem ringe.
Immer fester wird der Druck, bis ich schließlich gar keine Luft mehr bekomme und meine Zunge wie einen toten Fisch aus meinem Mund quellen fühle. Da schnellt etwas unter meiner Decke hervor, und meine hervortretenden Augen blicken in das Gesicht einer Schlange, die mich mit ihren Augen fixiert. Aber ihre Augen sind leer, es sind nur zwei schwarze Löcher, die sich immer mehr erweitern und mich mit unwiderstehli¬cher Kraft in sich hineinsaugen.

Schreiend fuhr ich von meiner Strohmatte hoch. Eine Zeit lang saß ich schweißgebadet da und wagte nicht, mich zu rühren. Ich wurde das Gefühl nicht los, noch immer zu träumen, fürchtete aber gleichzeitig, ich könnte mich irren, und die Schlange würde wirklich und wahrhaftig in der Kammer herumschleichen.
Erst als ich den Laptop eingeschaltet und seine kurze Begrüßungsmelodie vernommen hatte – das einzige Geräusch außer dem beständigen Tropfen, das hier zu hören ist –, war ich mir sicher, nur geträumt zu haben. Aber auch jetzt noch kommt es mir so vor, als würde mir etwas die Kehle zudrücken, und meine Zunge fühlt sich wund und geschwollen an.

English Version

A Nightmare

Still no new date? – My day-night rhythm seems to be completely confused by now …
But after all, what does it matter in my situation whether it’s early afternoon, late evening or midnight!

I just woke up from a strange dream: I’m sitting at my desk in the office, and suddenly I feel something like a tingling sensation on my right leg. I blame it on the constant sitting and think to myself, I should do some sport again! Then the tingling gets more pronounced and I feel clearly something slipping into my trouser leg and winding its way up from the ankle.
I want to bend down and see what’s going on, but my hands are glued to the tabletop, I can’t move. The pressure on my leg is getting stronger and stronger, I want to call for help, but I can’t get my lips apart. Finally, I have no feeling left in the leg, it hangs down as if dead.
The next thing I see is me waking up and shaking my leg. That’s the whole problem, I think, it had gone numb, hence the weird dream! But after I have lain down again – all still in the dream –, the tingling starts all over again. This time, however, it radiates from my lumbar region, from where it slowly rises higher, over my stomach to my neck, which first swells up like in an allergic reaction and then becomes so constricted that I wheeze and gasp for breath.
The pressure gets increasingly firmer until I finally can’t breathe and feel my tongue coming out of my mouth like a dead fish. Then something jumps out from under my blanket, and my protruding eyes look into the face of a snake that fixes me with its eyes. But its eyes are empty, they are just two black holes that widen more and more and suck me into them with irresistible force.

Screaming, I got up from my straw mat. For a while I sat there drenched in sweat, not daring to move. I couldn’t shake the feeling that I was still dreaming, but at the same time I feared that I might be wrong and that the snake was really and truly prowling around in the dungeon.
It was only when I switched on the laptop and heard its short welcoming melody – the only sound here apart from the constant dripping – that I was sure I had only been dreaming. But even now it feels like something is squeezing my throat, and my tongue feels sore and swollen.

Bilder /Images: Emsalgado: Medusa (Pixabay); Ractapopulous: Fantasie-Drachen / Fantasy dragon (Pixabay; Ausschnitt / detail)

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