Der Zauber des Wortes „Schalom“ / The Magic of the Word „Shalom“

Hevenu shalom aleychem!

Musikalischer Adventskalender, 14. Tür / Musical Advent Calendar, 14th Door

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„Schalom“ ist mehr als nur ein Wort. Wenn wir es tanzen, können wir den Frieden unmittelbar erfahren. Wagen wir also ein Tänzchen zum Jahreswechsel!

Hevenu shalom aleychem!
Hevenu shalom aleychem!
Hevenu shalom, schalom,
shalom aleychem!

Möge Frieden herrschen auf Erden!
Möge Frieden herrschen auf Erden!
Möge Frieden herrschen auf Erden!
Möge Frieden, Frieden,
Frieden mit euch sein!

May there be peace in the world!
May there be peace in the world!
May there be peace in the world!
May there be peace, peace,
peace all over the world.

Barcelona Gipsy Klezmer Orchestra: Shalom alechem (aleychem/aleckem) Album: Imbarca (2013)

Getanzter Frieden

Bedeutungsfülle von „Schalom“

Wesenszüge der Klezmer-Musik

Die Klezmorim – bewundert und verachtet

„Krekhts“ – Wenn Jauchzen und Schluchzen verschmelzen

Berühungspunkte von Klezmer- und Roma-Musik

Links

Getanzter Frieden

Wie? Das ist der ganze Text? Ja – und selbst diese wenigen Worte werden vom Barcelona Gipsy Klezmer (heute: balKan) Orchestra, das am letzten Tag des Jahres für uns aufspielt, ausgespart.
Dies liegt zunächst einmal daran, dass die Band das Lied mit Klezmerklängen unterlegt. Die Klezmermusik aber ist überwiegend für Instrumentalstücke gedacht.
Angesichts des Bekanntheitsgrades des Liedes kann zudem davon ausgegangen werden, dass viele es bereits bei den ersten Tönen erkennen – und dann natürlich auch den Text im Ohr haben. Dies vorausgesetzt, entfaltet das Lied gerade in der heiter-euphorischen Instrumentalvariante, in der die Band es darbietet, seine volle Wirkung.
Der Frieden kann dann nicht nur herbeigesungen, sondern mit dem ganzen Körper herbeigetanzt werden. Eben deshalb scheint mir das Lied auch für die Feier des Jahreswechsels besonders geeignet zu sein.

Bedeutungsfülle von „Schalom“

Hinzu kommt allerdings, dass es sich bei dem Wort „schalom“ nicht um irgendein x-beliebiges Wort handelt. Wer es ausspricht, öffnet damit einen ganzen Sinnhorizont, ein ganzes Buch an Bedeutungen. „Schalom“ ist nur scheinbar ein einzelnes Wort. In Wahrheit ist es der Kern aller anderen Texte, gewissermaßen das Urwort, aus dem alle anderen Worte entspringen.
Entscheidend ist dabei, dass „schalom“ nicht einfach nur „Frieden“ bedeutet. Das Wort ist vielmehr eng verwandt mit „schalem“ – vollkommen. So beschreibt es den Frieden nicht nur als Abwesenheit von Gewalt, sondern als vollkommenen Zustand, in dem die Gegensätze versöhnt sind. Dies betrifft materielle Gegensätze ebenso wie entgegengesetzte Gemütszustände und Seinsweisen.
Eine Welt, die von einem so verstandenen „Schalom“ bestimmt ist, kennt somit keine Gewalt, aber auch keine Bereicherung auf Kosten anderer und kein Leben, dass von der Angst vor dem Tod bestimmt ist. Stattdessen verfügen in der Schalom-Welt alle über die materiellen und geistigen Voraussetzungen, um ein Leben im Einklang mit sich selbst führen zu können. Dies schließt die Harmonie mit dem Universum bzw., religiös gesprochen, die Teilhabe am Reich Gottes mit ein, in dem alle Menschen über den Tod hinaus beheimatet sein werden.

Wesenszüge der Klezmer-Musik

Klezmer-Musik ist ihrem Ursprung nach für weltliche, nicht-liturgische Zwecke gedacht. Vorläufer dieser Musik gab es natürlich schon in biblischer Zeit. In der heutigen Form ist die Klezmer-Musik allerdings stark von der Folklore des Balkans geprägt, insbesondere der Bessararabiens, wo sich die Stilrichtung im 19. Jahrhundert entwickelt hat.
Was die Etymologie anbelangt, so handelt es sich bei dem Begriff „Klezmer“ um eine Zusammensetzung aus den hebräischen Worten „kli“ (Werkzeug/Gefäß) und „zemer“ (Melodie/Lied). Dies lässt sich zunächst auf die Musizierenden – die Klezmorim – beziehen, die der Begriff anfangs auch bezeichnete. Sie sind ja in der Tat das „Werkzeug“, das die Melodie zum Klingen bringt.
Darüber hinaus passt der Begriff aber auch gut zu der Eigenart der Klezmer-Musik, die menschliche Stimme und ihre – nonverbalen – Regungen zum Klingen zu bringen. Wie die Stimme das „Werkzeug“ für den Ausdruck von Stimmungen ist und sich dabei selbst in ein Instrument verwandeln kann, ist die Klezmer-Musik das „Gefäß“, in das sich die menschliche Stimme ergießt, um jenseits der Sprache zum Klingen gebracht zu werden.

Die Klezmorim – bewundert und verachtet

Die Klezmer-Musik wurde ursprünglich von umherreisenden Gruppen gespielt, die wie alles fahrende Volk am Rande der Gesellschaft standen. Sowohl von den jeweiligen staatlichen Behörden als auch vom weltlichen und geistlichen jüdischen Establishment wurde ihnen mit Misstrauen begegnet.


Die Auftritte der einzelnen Musikgruppen waren dementsprechend streng reglementiert. Dies bezog sich auch auf die Art der Instrumente, die gespielt werden durften. Damit die Musik nicht zu laut war und damit eine zu große Präsenz im öffentlichen Raum erhielt, mussten die Klezmer-Gruppen sich anfangs auf Streichinstrumente – vor allem die Violine („Fiddl“) – und die dem Hackbrett verwandte Tsimbl beschränken. Später kamen das Akkordeon und „zahmere“ Blasinstrumente wie die Klarinette hinzu. Dies prägt die Musik bis heute.

„Krekhts“ – Wenn Jauchzen und Schluchzen verschmelzen

Vor diesem Hintergrund erhält auch die Sehnsucht nach „Schalom“ noch einmal eine neue, auf die konkrete soziale Realität bezogene Bedeutungsdimension. Denn die Utopie einer vollkommenen inneren und äußeren Harmonie, wie sie das Wort „Schalom“ bezeichnet, war für Menschen am Rande der Gesellschaft, die sich nur mit Mühe durchs Leben schlagen konnten und nirgends zu Hause waren, in noch weiterer Ferne als für andere.
Umso leidenschaftlicher wird diese Utopie allerdings in der Klezmer-Musik beschworen. Das entscheidende Mittel sind dafür jene Klänge, die lautmalerisch als „krekhts“ bezeichnet werden. Das Wort bedeutet im Jiddischen „Schluchzer“ und scheint so zunächst den Schmerz über die Unerreichbarkeit der Utopie anzudeuten.
Die entsprechenden Laute lassen in der Klezmer-Musik allerdings das Jauchzen mindestens ebenso stark wie das Schluchzen anklingen. Dies entspricht dem ambivalenten Charakter dieser Musik, die von dem Schmerz über die Unvollkommenheit des irdischen Lebens ausgeht, eben deshalb aber das Glück des Augenblicks umso überschwänglicher feiert.

Berühungspunkte von Klezmer- und Roma-Musik

Als sozial marginalisierte, gleichwohl aber bei Festen gern gesehene Gruppe ergab sich für die Klezmer-Musikanten eine natürlich Verbindung zu den Roma. Auch musikalisch gab es hier eine enge Verwandtschaft. Denn die Musik der Roma war ebenfalls stark von den Traditionen des Balkans geprägt, wo Angehörige dieser Volksgruppe sich seit dem 14. Jahrhundert angesiedelt hatten.
So lag es nahe, dass beide Gruppen auch gemeinsam musizierten und reisten. Auf diese Weise kam es zu einer gegenseitigen musikalischen, aber auch sprachlichen Beeinflussung. Roma-Wörter fanden auf diesem Weg etwa Eingang in die jiddische Sprache.
Die gleichzeitige Verwurzelung der Klezmer-Musik in der Roma-Kultur und der nicht-liturgischen jüdischen Festkultur spiegelt auch das Barcelona Gipsy Klezmer Orchestra wider. Die Band ist 2012 aus der Zusammenkunft von elf Musizierenden anlässlich der Feier des Internationalen Roma-Tags (8. April) entstanden. Der ursprüngliche Name wurde dabei 2015 in Barcelona Gipsy balKan Orchestra umgewandelt, was die gemeinsamen Wurzeln von weltlich-jüdischer und Roma-Musik in der Folklore des Balkans zusätzlich betont.

Zur Klezmer-Musik: Roten, Hervé: Die Klezmer: Musik von gestern und heute. Hintergrundartikel auf der Website des Institut Européen des Musique Juives.

Broschüre zur Musik der Roma: dROMa 19/2008: Roma, Musik, Traditionen (PDF)

Zur Etymologie des Wortes „Schalom“ / Schalom Aleychem als Friedensgruß: Hoffman, Joel M.: Glamour of Grammar: Shalom aleichem. Jerusalem Post, 18. Oktober 2007.

Barcelona Gipsy Klezmer Orchestra; photo from: Mago, Samuel: Lašo drom, Schalom! Eine Melodie; nunu.at, December 3, 2015 [about a performance of the Barcelona Gipsy Klezmer Orchestra (BGKO) in Vienne / über einen Auftritt von BGKO in Wien]

English Version

The Magic of the Word „Shalom“

Hevenu Shalom Aleychem!

„Shalom“ is more than just a word. When we dance it, we can experience peace firsthand. So let’s dare to dance a little for peace on New Year’s Eve!

Hevenu shalom alychem!
Hevenu shalom aleychem!
Hevenu shalom, schalom,
shalom aleychem!

Möge Frieden herrschen auf Erden!
Möge Frieden herrschen auf Erden!
Möge Frieden herrschen auf Erden!
Möge Frieden, Frieden,
Frieden mit euch sein!

May there be peace in the world!
May there be peace in the world!
May there be peace in the world!
May there be peace, peace,
peace all over the world.

Barcelona Gipsy Klezmer Orchestra: Shalom alechem (aleychem/aleckem) Album: Imbarca (2013)

Danced Peace

„Shalom“: a Cornucopia of Meanings

Characteristics of Klezmer Music

The Klezmorim – Admired and Disdained

„Krekhts“ – When Shouts of Joy and Sobs Unite

Mutual Connections of Klezmer and Roma Music

Links

Danced Peace

That is the whole text? Yes – and even these few words are left out by the Barcelona Gipsy Klezmer (now: balKan) Orchestra, which performs for us on the last day of the year.
First of all, this is because the band underlays the song with klezmer sounds. And klezmer music is mostly meant for instrumental pieces.
Moreover, given the song’s popularity, it can be assumed that many will recognize it from the first notes – and then, of course, have the lyrics in their ears. This presupposed, the song unfolds its full effect especially in the cheerful-euphoric instrumental variant in which the band presents it.
Peace can then not only be sung, but danced with the whole body. That is why the song seems to me particularly suitable for the celebration of the New Year.

„Shalom“: a Cornucopia of Meanings

Furthermore, „shalom“ is not just a simple word. Whoever pronounces it, opens a whole panorama of meanings, a whole book of significances. „Shalom“ is only ostensibly a single word. In truth, it is the core of all other texts, in a sense the primordial word from which all other words originate.
The crucial point is that „shalom“ does not simply mean „peace“. Rather, the word is closely related to „shalem“ – perfect/complete. Thus, it describes peace not only as the absence of violence, but as a perfect state in which all opposites are reconciled. This applies to material opposites as well as to opposing states of mind and ways of being.
A world that is determined by „shalom“ understood in this way thus neither knows any violence, nor any enrichment at the expense of others, nor a life that is determined by the fear of death. Instead, in the shalom world, all individuals have the material and spiritual conditions to live a life in harmony with themselves. This includes harmony with the universe or, religiously speaking, participation in the Realm of God, in which all people will be at home beyond death.

Characteristics of Klezmer Music

Klezmer music, according to its origin, is intended for secular, non-liturgical purposes. Of course, precursors of this music already existed in biblical times. In its present form, however, klezmer music is strongly influenced by the folklore of the Balkans, especially that of Bessarabia, where the style developed in the 19th century.
As for etymology, the term „klezmer“ is a compound of the Hebrew words „kli“ (tool/jar) and „zemer“ (melody/song). This can first be related to the musicians – the „klezmorim“ – whom the term initially referred to. They are indeed the „tool“ that makes the melody sound.
Beyond that, however, the term fits well with klezmer music’s peculiarity of making the human voice and its – nonverbal – stirrings resound. Just as the voice is the „tool“ for the expression of moods and can thereby transform itself into an instrument, klezmer music is the „vessel“ into which the human voice pours in order to resound beyond language.

The Klezmorim – Admired and Disdained

Klezmer music was originally played by itinerant groups who, like all traveling folk, were on the fringes of society. They were met with suspicion both by the respective state authorities and by the secular and spiritual Jewish establishment.


Thus, the performances of the individual music groups were strictly regulated. This also applied to the type of instruments that they were allowed to play. In order to prevent the music from being too loud and thus having too great a presence in public spaces, the klezmer groups initially had to limit themselves to stringed instruments – especially the violin („fiddle“) – and the tsimbl, an instrument related to the dulcimer.
Later, the accordion and „tamer“ wind instruments such as the clarinet were included. This setting still shapes the music today.

„Krekhts“ – When Shouts of Joy and Sobs Unite

Against this background, the longing for „shalom“ once again takes on a new dimension of meaning, this time related to concrete social reality. For the utopia of perfect inner and outer harmony, as denoted by the word „shalom,“ was even more inaccessible for people on the fringes of society, who could only make their way through life with difficulty and were nowhere at home, than it was for others.
But precisely of this, this utopia is evoked all the more passionately in klezmer music. The decisive means for this are those sounds that are onomatopoetically called „krekhts“. In Yiddish, the word means „sob“ and thus initially seems to indicate the pain over the unattainability of the utopian dreams.
In klezmer music, however, the respective sounds evoke rejoicing at least as strongly as sobbing. This corresponds to the ambivalent character of this music, which is based on the sorrow about the imperfection of earthly life, but for this very reason celebrates the happiness of the moment all the more exuberantly.

Mutual Connections of Klezmer and Roma Music

As a socially marginalized group that was nevertheless welcome at festivals, the klezmer musicians had a natural connection to the Romanies. Musically, too, there was a close relationship. For the Roma music was also strongly influenced by the traditions of the Balkans, where members of this ethnic group had settled since the 14th century.
So it was only natural that both groups also made music together and travelled as joint groups. In this way, a mutual musical, but also linguistic influence developed. As a result, Roma words found their way into the Yiddish language.
The simultaneous rooting of klezmer music in Roma culture and non-liturgical Jewish festive culture is also reflected in the Barcelona Gipsy Klezmer Orchestra. The band was formed in 2012 when eleven musicians came together to celebrate International Roma Day (April 8). The original name was changed to Barcelona Gipsy balKan Orchestra in 2015, which further emphasizes the common roots of secular Jewish and Roma music in Balkan folklore.

Klezmer Music: Roten, Hervé: Klezmer Music: From the Past to the Present. Background article on the website of the Institut Européen des Musique Juives.

Roma Music: Dijk, Pancras: Roma Rhapsody. National Geographic, March 4, 2014.

Etymology of the word „shalom“ / Shalom Aleychem as a greeting of peace: Hoffman, Joel M.: Glamour of Grammar: Shalom aleichem. Jerusalem Post, Oktober 18, 2007.

Bilder /Images: Roger David Servais: Hasidic Jewish Fiddler; Homage to Daniel Ahaviel / Chassidischer jüdischer Geiger; Hommage an Daniel Ahaviel (2010); Wikimedia commons ;Scene from the film Yiddle with his fiddle, Poland 1936 / Szene aus dem Film yidl mitn Fidl, Polen 1936 (Wikimedia commons);


4 Antworten auf „Der Zauber des Wortes „Schalom“ / The Magic of the Word „Shalom“

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