Die Suche nach dem Mädchen mit den grünen Augen / In Search of the Girl with the Green Eyes

Tagebuch eines Schattenlosen, Teil 17 / Diary of a Shadowless Man, Part 17

English Version

Samstag, 22. Juli

Mädchen mit den grünen Augen: Wer bist du? Was hast du mit mir gemacht? Wo wohnst du? Gibt es dich überhaupt?
Das müssen die Fragen gewesen sein, die mir damals, am Tag nach meiner Begegnung mit der geheimnisvollen Fremden, durch den Kopf gegangen sind. Allerdings … Wenn ich daran zurückdenke, wie ich mich damals auf die Suche nach ihr gemacht habe, habe ich eher den Eindruck, dass das halb unbewusst geschehen ist. Wie etwas, das so selbstverständlich ist, dass es gar keiner bewussten Entscheidung bedarf – das aber gleichzeitig so absonderlich ist, dass man es nur in einer Art Trance-Zustand tun kann.

Geschichte eines Schattenverlusts: 12. Die Suche nach dem Mädchen mit den grünen Augen

Es muss so gegen sieben Uhr abends gewesen sein. Ich spazierte zwischen den Plastiktüten tragenden Massen hindurch, ohne recht zu wissen, wohin ich mich wenden soll­te. Das Wetter war umgeschlagen, während ich bewusstlos auf dem Bett gelegen hatte. Ein feiner, aber dichter Regenstaub glitzerte in den Lichtkegeln der Straßenlampen. Da ich vergessen hatte, einen Schirm mitzunehmen, sickerte der Regen unablässig durch meine Haare und sammelte sich als dünnes Rinnsal auf meiner Kopfhaut.
Nach einer Weile gelangte ich zu dem großen Platz, der an dieser Stelle die City vom Rest der Stadt abgrenzt. Ich überquerte die Hauptstraße, begab mich zur Haltestelle in der Mitte der Fußgängerinsel und lös­te eine Fahrkarte für den Nahbereich. Ich wusste jetzt, wohin ich wollte. Kurz darauf kam die Straßenbahn und brachte mich zum Bahnhof.
Ich hatte Glück und musste nicht lange auf den Zug warten. Um kurz nach acht war ich in Hadderstetten. Die meisten Geschäfte hatten schon geschlossen, die übliche Grabesstille des späteren Abends breitete sich in der Fußgängerzone aus. Natürlich – das Hafenviertel, wohin ich meine Schritte wenden wollte, würde jetzt erst richtig zum Leben erwachen. Die zumeist männlichen Besucher schätzen eben den Schutz der Dunkelheit.
Durch die verwaisten Straßen von Hadderstetten ging ich auf den Park zu, den ich am vorigen Abend verfehlt hatte. Es regnete un­aufhörlich, so dass meine Haare bald völlig durchnässt waren. Nicht lange, und ich befand mich wieder an der breiten Straße und der Unterführung, durch die ich am Vortag in das Hafenviertel gelangt war.
Es dauerte eine Weile, bis ich die Gasse fand, die mich in der vergangenen Nacht in den Rotlichtbezirk geführt hatte. In dem dichten Nebel hatte al­les ganz anders ausgesehen. Die Konturen der Dinge waren miteinander verschwommen und hatten dadurch irgendwie weicher, gedämpfter gewirkt.
Jetzt konnte ich diese Empfindung gar nicht mehr nachvollziehen. Wie hatte ich das rote Leuchten der Lustmeile nur als einladend empfinden können? Als rettendes Licht, das dem verirrten Wanderer den Weg nach Hause weist? Nun erinnerte es mich eher an das bedrohliche Funkeln von Dämonenaugen. Tausendfach wurde es von dem nassen Kopfsteinpflaster und den zahlreichen kleinen Pfützen, die sich zwischen den unregelmäßig gesetz­ten Steinen gebildet hatten, reflektiert. Aufdringlich brannten sich die Leuchtreklamen in meine Augen.
Wegen des Regens drückten die Liebesdienerinnen sich eng an die Häuserwände, manche hatten auch kleine Schirme aufgespannt. Andere verbargen sich in den Hauseingängen, aus denen sie mich als körperlose Stimmen an­raunten, wenn ich an ihnen vorüberging. Ich bemühte mich, wie ein unbeteilig­ter, mehr zufällig in dieses Viertel vorgedrungener Pas­sant zu wirken, um möglichst unbehelligt die Reihen der Häuser abgehen zu können.
Dies gelang mir allerdings nur schlecht. Denn ich durfte ja den Blick nicht von den Häusern abwenden – vor allem nicht von der linken Häuserzeile, wo ich das Holzhaus und das Mädchen mit den teichgrünen Augen vermutete. Außerdem musste ich in alle Hauseingänge hineinspähen. Schließlich war es durchaus möglich, dass auch meine geheimnisvolle Fremde sich dort untergestellt hatte.
Endlich gelangte ich an die Stelle, wo nach meiner Berechnung das Holzhaus sein musste. Leider befand sich dort aber nur eine Lücke zwischen zwei anderen Häusern. Dem beißenden Geruch nach zu urteilen, der mir in die Nase stieg, diente der Ort als öffentliches Klo. Gerade trat ein Mann, der noch an seinem Hosenschlitz herumnestelte, von dort auf mich zu.
Hatte ich mich vielleicht in der Gasse geirrt? Oder an der falschen Stelle gesucht? Hatte das Haus vielleicht doch auf der anderen Straßenseite gestanden?

English Version

Saturday, July 22

Where are you, my green-eyed girl? What have you done to me? Where do you live? Do you even exist at all?

These must have been the questions that went through my mind back then, the day after my encounter with the mysterious girl. However, when I think back to how I set out to find her the day after, I have the impression that it was done rather unconsciously. Like something that is so self-evident that it doesn’t even need a conscious decision – but at the same time so outlandish that you can only do it in a kind of trance.

Story of a Shadow Loss: 12. In Search of the Girl with the Green Eyes

It must have been around seven in the evening. I walked among all the people carrying shopping bags, not quite knowing where to go. The weather had changed while I had been lying unconscious on the bed. A fine but dense rain dust glistened in the cones of light from the street lamps. Since I had forgotten to take an umbrella with me, the rain seeped incessantly through my hair and gathered as a thin trickle on my scalp.
After a while, I arrived at the large square that separates the center from the rest of the town. I crossed the main street, went to the stop in the middle of the pedestrian island and bought a ticket for the local area. Now I knew where I wanted to go. Shortly after, the tram came and took me to the station.
Fortunately, I didn’t have to wait too long for the train. Some minutes past eight I arrived at Hadderstetten. Most of the stores had already closed, so the usual late-evening sepulchral silence spread through the pedestrian zone. Of course, the harbour district, where I wanted to turn my steps, would only now come to life – the mostly male visitors just appreciate the protection of darkness.
I walked through the deserted streets of Hadderstetten towards the park I had missed the previous evening. It was raining incessantly, so that my hair was soon completely soaked. It wasn’t long before I found myself back at the broad street and the underpass through which I had entered the harbour district the day before.
It took me a while to find the alley that had led me into the red light district the previous night. In the thick fog, everything had looked very different. The contours of things had blurred together and thus somehow seemed softer, like behind frosted glass.
Now I could no longer comprehend this sensation. Had I really found the red glow of the entertainment district to be welcoming – as a saving light that shows the lost wanderer the way home? Now it reminded me more of the ominous flickering of demon eyes. It was reflected a thousand times by the wet cobblestones and the numerous small puddles that had emerged between the irregularly placed stones. Intrusively, the neon signs burned into my eyes.
Due to the rain, the love-selling ladies pressed themselves tightly against the walls of the houses. Some even ducked under small umbrellas, while others hid in the doorways, from which they murmured to me as disembodied voices when I passed them. I tried to look like an uninvolved passer-by who had entered the district accidentally, so as to walk along the rows of houses as unmolested as possible.
However, I was not very successful in this. The problem was that I couldn’t take my eyes off the houses – especially not from the left row of houses, where I suspected the wooden house and the girl with the pond-green eyes. Moreover, I had to look into all the entrances. After all, it was quite possible that my lost love had also sought shelter there.
Finally, I reached the place where I expected the wooden house to be. Unfortunately, however, I only found a gap between two other houses there. Judging by the acrid smell that came up my nose, the place served as a public toilet. Just as I got there, a man who was still fiddling with his fly approached me from the dark.
Had I possibly been mistaken about the alley? Was I looking in the wrong place? Or was the house simply on the other
side of the alley?

Bild: Yatheesh Gowda: Zerrbild, Mädchen (Pixabay); Tyler Kelley (tylrr): Nächtliche Straße (Pixabay)

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