Die Kündigung / The Dismissal

Tagebuch eines Schattenlosen, Teil 1 / Diary of a Shadowless Man, Part 1

English Version

Wie bereits angekündigt, beginnt heute die Fortsetzungsreihe zu Ilka Hoffmanns Tagebuch eines Schattenlosen. Jeden Tag wird einer der insgesamt 42 Tagebucheinträge freigeschaltet. Um die Illusion der Tagebuchrealität nicht zu zerstören, werden wir als Literaturplanetarier uns in den kommenden Wochen vornehm im Hintergrund halten.
Hiermit übergeben wir also das Wort an Theo C. – den Mann, der seinen Schatten verlor und der danach allerlei merkwürdige Dinge erlebt hat:

Samstag, 1. Juli

Heute ist die Kündigung gekommen. Ich habe zuerst gedacht, es handle sich um Werbung, weil auf dem Briefumschlag der neue, englische Name der Firma aufgedruckt war: Securitas – International Insurance Company. Klingt irgendwie albern, aber wer weltweit operieren möchte, kommt um solche Namensspielchen wohl nicht herum.
Sicher, die Kündigung war mit mir abgesprochen – aber getroffen hat sie mich trotzdem. Ob wohl Methode dahinter steckt, dass man sie mir ausgerechnet an einem Samstag zustellt? So ist der Empfänger ja praktisch gezwungen, sich erst einmal zu beruhigen, ehe er sich eventuell doch noch gegen die Entscheidung zur Wehr setzt. – Ach was, das ist denen doch ganz egal!
Wenn ich wenigstens jemanden hätte, mit dem ich über die ganze Sache reden könnte! Ich habe das Ge¬fühl, ich müsste mir alles noch einmal in Ruhe durch den Kopf gehen lassen, aber allein komme ich irgendwie nicht weiter. Dafür fehlt mir einfach die Distanz zu dem Erlebten. Andererseits scheue ich aber auch davor zurück, mich anderen in meiner Nacktheit – so zumindest empfinde ich meinen Zustand – zu offenbaren.
So ist fürs Erste der Computer mein einziges Gegenüber – eine etwas einseitige Kommunikation, auch wenn Kollege Computer vielleicht einen ganz guten Beichtvater abgibt.
Aber wenn ich ehrlich bin, ist mir diese Form von Selbstbespiegelung nicht nur keine Hilfe, sondern verstärkt eher meine Hilflosigkeitsgefühle. Be¬sonders das Blinken des Cursors kann ich kaum ertragen. Es erinnert mich an das Herzklopfen, nachts, wenn man aus einem Alptraum erwacht und den eigenen Herzschlag zunächst für das Geräusch näher kommender Schritte hält. Ich sollte das lassen – es hat ja doch keinen Zweck.

Samstag, 1. Juli, abends

Jetzt bin ich doch froh, dass ich mich heute Morgen fürs Abspeichern entschieden habe. Immerhin ist damit ein Anfang gemacht, und jetzt, wo ich keiner geregelten Arbeit mehr nachgehen werde, kann das alltägliche Tippen am Computer meinen Tagen vielleicht einen neuen Rhythmus geben. Natürlich bleibt fraglich, ob das zu etwas führt – aber einen Versuch ist es wert.
Den Tag heute habe ich völlig sinnlos vertrödelt. Ich kann mich kaum noch daran erinnern, was ich wann gemacht habe. Wie soll es mir da gelingen, diese ganze Geschichte zu rekonstruieren, die doch viel weiter in die Vergangenheit zurückreicht? Vielleicht mache ich mir zuerst mal ein paar Notizen. Dann könnte ich auch diesem nervtötenden Blinken des Cursors eine Zeit lang entkommen.

English Version

As already announced, the sequel to Ilka Hoffmann’s Diary of a Shadowless Man will start today. Each day, one of the 42 diary entries will be released. In order not to destroy the illusion of the diary’s reality, we as literary planetarians will remain in the background for the next few weeks.
So herewith we pass the floor to Theo C. – the man who lost his shadow and experienced all kinds of strange things afterwards:

Saturday, July 1

Today I received the notice of termination. At first, I thought it was an advertisement, because the new English name of the company was printed on the envelope: SOS – Safety • Order • Security. International Insurance Company. Sounds kind of silly, but if you want to operate worldwide, you probably can’t avoid such name games.
Of course, the dismissal was agreed with me – but it hit me anyway. I wonder if they deliberately delivered it to me on a Saturday of all days. So the recipient is practically forced to calm down before possibly taking measures against the decision. But in fact they probably don’t care.
If only I had someone to talk to about the whole thing! I need to think it all over again, but I just can’t get anywhere on my own. For this, I simply lack the distance to what I have experienced. On the other hand, I also shy away from revealing myself to others in my nakedness – at least that’s how I feel about my condition.
So for now, the computer is my only counterpart – a somewhat one-sided communication, even if the mute monitor might be a pretty good father confessor.
But if I am honest, I have to admit that this form of self-reflection is not only no help to me, but rather increases my feelings of helplessness. I can hardly stand the blinking of the cursor. It reminds me of the heartbeat, at night, when you wake up from a nightmare and initially mistake your own heartbeat for the sound of approaching footsteps. I should stop doing that – it’s no use after all.

Saturday, July 1, evening

Now it has proven worthwhile after all that I decided to save my words this morning. At least it’s a start, and now that I won’t be doing any regular work, maybe typing on the computer every day can give my days some sort of rhythm. Of course, it remains questionable whether this will lead to anything – but it’s worth a try.
Today I frittered away much of the day completely pointlessly. I can hardly remember what I have done. So how will I be able to reconstruct this whole story, which goes back much further into the past? Maybe I should take some notes first. Then I could also escape this annoying blinking of the cursor for a while.

Bilder /Pictures: Mohamed Hassan: Programmierer /Programmer (Pixabay); Free-Photos: Laptop (Pixabay)

3 Antworten auf „Die Kündigung / The Dismissal

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