„Schattenlosigkeit bedeutet für jeden etwas Anderes“ / „Shadowlessness means something different for everyone“

Interview mit Ilka Hoffmann zu ihrem Roman Tagebuch eines Schattenlosen / Interview with Ilka Hoffmann on her novel Diary of a Shadowless Man

Interview mit Ilka Hoffmann

Über die Autorin

Über dieses Buch

Textausschnitt

English Version

Interview with Ilka Hoffmann

About the author

About this book

Excerpt from the text

Ilka Hoffmanns Tagebuch eines Schattenlosen haben wir vor zwei Jahren schon einmal als Reihe von Einzelposts veröffentlicht. Dass wir dies nun nach relativ kurzer Zeit wiederholen, hat zwei Gründe:
Erstens haben wir damals keine englische Übersetzung beigefügt. Diese soll nun ergänzt werden.
Zweitens könnte aber die Coronakrise auch den Blick auf das Buch verändert haben. Denn das Motiv des Schattenverlusts wird darin stark mit der sozialen Verwurzelung und dem Zusammenhang zwischen sozialem und persönlichem Ich verknüpft. Beide Aspekte haben durch die Coronakrise eine verstärkte Aufmerksamkeit und eine neue Akzentuierung erhalten.
Die Veröffentlichungsreihe beginnt am kommenden Sonntag und wird insgesamt 42 Einzelposts umfassen. Jeden Tag wird es einen neuen Tagebucheintrag geben. Wer lieber alles auf einmal lesen möchte, kann auf die Analogveröffentlichung zurückgreifen oder sich das E-Book herunterladen, das nächste Woche erscheinen wird.
Zur Einstimmung hier noch einmal das Interview mit der Autorin:

Interview mit Ilka Hoffmann zu ihrem Roman Tagebuch eines Schattenlosen

Literaturplanet: Das Tagebuch eines Schattenlosen basiert auf dem ersten Teil des Romans Der Schattenhändler, der schon vor über zehn Jahren erschienen ist. Warum jetzt diese Neuausgabe?

Ilka Hoffmann: Es hat mich einfach gereizt, mich einmal an einem literarischen Online-Projekt zu versuchen. Der erste Teil des Schattenhändlers ist dafür besonders geeignet, weil hier viel mit dem in sich widersprüchlichen Ineinanderfließen von intimem Tagebuchschreiben und der Selbstentblößung im Netz gespielt wird – also mit etwas, das auch für die heutigen sozialen Medien charakteristisch ist.

LP: Aber ist der Stoff nach so langer Zeit nicht trotzdem irgendwie veraltet?

I.H.: Das sehe ich nicht so. Zentrale Themen des Buches sind die subtile Manipulation der Menschen in der modernen Gesellschaft, digitale Kontrolle oder auch die soziale Ausgrenzung. Beides hat in den vergangenen Jahren eher noch an Brisanz zugenommen. Die Anpassungen, die ich vorgenommen habe, betreffen eher Details des Alltagslebens oder auch den Aufbau der einzelnen Tagebucheinträge. Die Einleitungen sind teilweise speziell für die Neuausgabe geschrieben worden.

LP: Befürchtest du nicht, dass das phantastische Motiv des Schattenverlusts der Aktualität des Textes, wie du sie eben beschrieben hast, schaden könnte?

I.H.: Für mich ist eher das Gegenteil der Fall. Im Alltag ist für uns vieles ganz selbstverständlich, weil wir eben Tag für Tag damit umgehen. Viele Probleme fallen uns deshalb gar nicht mehr auf. Erst die Verfremdung, wie sie durch das Motiv der Schattenlosigkeit eingeführt wird, ermöglicht es dann wieder, die Dinge klarer zu sehen.

LP: Wie bist du eigentlich darauf gekommen, auf das Motiv des Schattenverlusts zurückzugreifen?

I.H.: Das kann ich dir auch nicht sagen. Das war einfach plötzlich da. Es war so ein bestimmter Empfindungskomplex, der sich dann quasi ein Bild gesucht hat, sich darin manifestiert hat. Sozusagen die Keimzelle des ganzen Projekts.

LP: Entspricht dieser Zustand der Schattenlosigkeit also auch deinem eigenen Daseinsgefühl?

I.H.: Dafür müssten wir erst einmal klären, was mit „Schattenlosigkeit“ gemeint ist. Aber ich denke, dass alle Lesenden das Bild wieder anders, ganz individuell verstehen werden. Das ist ja gerade der Reiz einer solchen literarischen Flaschenpost: Wer sie aus dem Meer fischt, wird immer etwas ganz Eigenes daraus machen. Das Tagebuch-Selbst vervielfältigt sich beim Lesen des Buches. Wer sich mit ihm identifiziert, erschafft etwas Neues. Es gibt also genauso viele Arten von Schattenlosigkeit wie es Leser gibt.

LP: Das Tagebuch-Ich ist bei dir ja nun ein Mann. Wäre es für dich als Frau nicht naheliegender gewesen, das Ganze aus der Perspektive eines weiblichen Ichs zu erzählen?

I.H.: Naheliegender schon. Aber gerade deshalb hat es mich gereizt, die männliche Perspektive zu wählen. Wie heißt es so schön bei LiteraturPlanet?: „Literatur ist eine Reise in ein anderes Universum.“ Und welches Universum könnte für eine Frau fremder sein als das männliche?

LP: Planst du eigentlich für die übrigen Teile des Schattenhändlers auch eine Online-Veröffentlichung?

I.H.: Ich habe daran gedacht, ja. Aber noch ist nichts spruchreif. Wenn du wissen willst, wie es weitergeht, musst du also fürs Erste doch wieder in die analoge Welt eintauchen.

LP: Wie gemein!

I.H.: Tja – so bin ich halt.

Über die Autorin

Ilka Hoffmann, Jahrgang 1964, betreut bei LiteraturPlanet die Website und organisiert die Messeauftritte. Sie lebt abwechselnd in St. Wendel und in Frankfurt am Main, wo sie als Gewerkschafterin tätig ist. Als promovierte Erziehungswissenschaftlerin veröffentlicht sie auch regelmäßig pädagogische Fachartikel. Ein Schwerpunktthema, dem sie sich sowohl in ihren Publikationen als auch in ihrer Gewerkschaftsarbeit widmet, ist das Problem der sozialen Ausgrenzung. Das Tagebuch eines Schattenlosen ist ihre zweite Veröffentlichung bei LiteraturPlanet. Es handelt sich dabei um eine überarbeitete und erweiterte Neuausgabe des ersten Teils ihres 2008 in unserem Verlag erschienenen Romans Der Schattenhändler.

Über dieses Buch

Theo C. kann es zuerst gar nicht glauben: Sein Schatten ist ihm abhanden gekommen! Wie soll er jetzt weiterleben? Ein Mensch ohne Schatten wird doch überall Anstoß erregen! Da kommt ihm das Angebot einer Firma für Ersatzschatten gerade recht. Aber kann er dem obskuren Schattenhändler vertrauen?

Textausschnitt

„Von dem Schuhschränkchen, dem davor stehenden Paar Gummi­stiefel, ja sogar von meinem alten Trenchcoat, der seit dem letzten Winter unbe­rührt an der Garderobe hing, nahm das Licht Notiz. Nur mich sparte es aus, als handelte es sich bei meiner Existenz um ein peinliches Versehen, das der Welt verschwiegen werden müsse.“

English Version

Two years ago, we published Ilka Hoffmann’s Diary of a Shadowless Man as a serialised story. There are two reasons why we are now repeating this after a relatively short time:
First, we did not include an English translation back then – which will be done this time.
Secondly, the Corona crisis may have changed the view of the book. After all, the motif of the shadow loss is strongly linked in it to social rootedness and the connection between the social and the individual self. Both aspects have received increased attention and a new emphasis as a result of the Corona crisis.
The sequel will start next Sunday and will contain a total of 42 single posts. Each day a new diary entry will be released. Those who prefer to read the whole story at once can download the e-book, which will be available next month.
As a prelude to the book, let’s first talk to the author today:

Interview with Ilka Hoffmann on her novel Diary of a Shadowless Man

Literaturplanet: The Diary of a Shadowless Man is based on the first part of the novel Der Schattenhändler (The Shadow Dealer), which was published over ten years ago. Why this new edition now?

Ilka Hoffmann: I was simply tempted to try my hand at an online literary project. The first part of the Shadow Dealer is particularly suitable for this, because it is much about the contradictory confluence of intimate diary writing and self-exposure on the net – something that is also characteristic of today’s social media.

LP: But after all this time, isn’t the story somehow outdated?

I.H.: I don’t think so. The central themes of the book are the subtle manipulation of people in modern society, digital control and social exclusion. If anything, all this has become even more topical in recent years. The adaptations I have made relate more to details of everyday life or to the structure of the single diary entries. Some of the introductions were written especially for the new edition.

LP: Aren’t you afraid that the fantastic motif of the shadow loss could run counter to the topicality of the text as you have just described it?

I.H.: For me, rather the opposite is the case. In everyday life, we take a lot of things for granted because we deal with them day by day. That’s why we don’t even notice many problems any more. To see things more clearly again, we need to gain distance. This can be achieved by the means of alienation, as brought about by the motif of the shadow loss.

LP: How did you actually come to resort to the motif of the shadow loss?

I.H.: That‘ s something I can’t tell you either. It was just there all of a sudden. There was a certain complex of feelings that then sought out an image, so to speak, and manifested itself in it. The germ cell of the whole project, you could say.

LP: Does this state of shadowlessness also correspond to your own sense of life?

I.H.: For that we would first have to make clear what is meant by „shadowlessness“. But I think that every reader will understand the image quite differently, quite individually. That is the very charm of such a literary message in a bottle: whoever fishes it out of the sea will make something entirely unique out of it. The diary self multiplies itself while the book is being read. Whoever identifies with it creates something new. So there are as many kinds of shadowlessness as there are readers.

LP: Another question that suggests itself, given the fact that your diary self is a man: Wouldn’t it have been more obvious for you as a woman to tell the whole story from the perspective of a female self?

I.H.: Yes, of course. But that’s precisely why it appealed to me to choose the male perspective. As it says so well on LiteraturPlanet: „Literature is a journey to a different universe“. And what universe could be more alien to a woman than the male one?

LP: Are you actually planning an online publication for the other parts of the Shadow Dealer?

I.H.: I have thought about it, yes. But it’s not definite yet. If you want to know what happens next, you’ll have to dive back into the analogue world for the time being.

LP: How mean!

I.H.: Well – that’s how I am.

About the author

Ilka Hoffmann, born in 1964, is in charge of the website at LiteraturPlanet and organises the trade fair presentations. She lives alternately in St. Wendel and in Frankfurt am Main, where she works as a trade unionist. As an educational scientist, she also regularly publishes articles on pedagogical issues. One of the main topics she focuses on, both in her publications and in her trade union work, is the problem of social exclusion. The Diary of a Shadowless Man is her second publication with LiteraturPlanet. It is a revised and expanded edition of the first part of her novel Der Schattenhändler (The Shadow Dealer), released by our publishing house in 2008.

About this book

Theo C. can’t believe it at first: he has lost his shadow! How is he supposed to go on living now? After all, a person without a shadow will cause offence everywhere! So the offer of a company for replacement shadows comes just at the right time. But can he trust the obscure shadow dealer?

Excerpt from the text

„The light took note of the shoe cupboard, the pair of rubber boots in front of it, even of my old trench coat, which had been hanging untouched next the door since last winter. Only I was left out, as if my appearance was an embarrassing oversight that had to be concealed from the world.“

Bilder / Pictures: Cocoparisienne: Spaziergänger / Walker (Pixabay); Ilka Hoffmann (Privat)

2 Antworten auf „„Schattenlosigkeit bedeutet für jeden etwas Anderes“ / „Shadowlessness means something different for everyone“

  1. Pingback: Ilka Hoffmann: Tagebuch eines Schattenlosen – LiteraturPlanet

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