Die Freiheit: eine eigenwillige Pflanze / Freedom: a self-willed plant

English Version

22. Türchen des musikalischen Adventskalenders: Reza Yazdani: Geramafon (Der Plattenspieler)

Mit der Freiheit ist es ähnlich wie mit der Stromversorgung: Erst wenn sie einem abgedreht wird, weiß man sie richtig zu schätzen.

Wenn Gärtner eine Pflanze rascher zum Blühen bringen wollen, wenden sie oft Trick 17 an: Sie entziehen ihr Licht. Durch die Verknappung dieses Lebenselixiers strengt sich die Pflanze an, ihr Lebensziel – die Ausbreitung ihrer Art – schneller zu erreichen. Ihr Leben wird dadurch beschwerlicher, gleichzeitig aber auch intensiver.
Dieser Mechanismus erinnert mich immer wieder an den menschlichen Geist. Lässt man ihm seine Freiheit oder bemisst man seine Freiräume zumindest so großzügig, dass die Gitterstäbe seines Käfigs nicht zu sehen sind, so neigt er zur Trägheit. Legt man ihm aber Fesseln an, so schlägt er trotzig mit den Flügeln, wie ein Vogel, den man an den Füßen festhält.
Analog hierzu wird die relative geistige Freiheit in westlichen Gesellschaften nicht selten dazu genutzt, sich von Netflix-Serien und dem Endlosgeraune der Talkshows berieseln zu lassen. Und die politischen Freiheiten dienen lediglich dazu, alle vier Jahre die Stimme an der Wahlurne „abzugeben“ – anstatt sie für die aktive Einmischung in den politischen Diskurs zu nutzen.
In autoritären Staaten wird dagegen jeder Krümel, der vom Kuchen des Geistes zu erhaschen ist, andächtig genossen. Verbotene Bücher werden von Hand kopiert und im Geheimen weitergereicht. Gedichte und Lieder, die die Zensur nicht passiert haben, werden auswendig gelernt und in gut getarnten kulturellen Nischen vorgetragen. Und natürlich gedeihen unter diesen Bedingungen auch die Träume von einer Gesellschaft, in der dem Geist keine Ketten angelegt werden und politische Entscheidungen nicht dekretiert, sondern breit diskutiert werden.
Eine solche Situation herrscht gegenwärtig im Iran. Das Gebot, an die Stelle der Feier des Lebens die Anbetung der Mullahs zu setzen, hat dazu geführt, dass das Leben dort, wohin der gestrenge Blick der Mullahs nicht reicht, nur umso intensiver gefeiert wird. Im Bemühen, die Zensur zu umgehen, entwickelt die Kunst – begleitet von einer entsprechenden künstlerischen Sensibilität des Publikums – immer raffiniertere Ausdrucksformen. Und schließlich können auch die immer neuen Repressionswellen nicht verhindern, dass es im Land eine lebendige politische Opposition gibt, die Pläne für eine Gesellschaft jenseits der derzeitigen Theokratie entwickelt.
Natürlich muss man bei all dem äußerst behutsam vorgehen. Konspirative Treffen müssen an geheimen Orten stattfinden, und es müssen sprachliche Codes entwickelt werden, die der Zensurbehörde unverfänglich erscheinen.
Beides ist in dem Lied Geramafon (Der Plattenspieler) des persischen Singer-Songwriters Reza Yazdani deutlich zu erkennen. Scheinbar handelt es sich bei dem Song lediglich um eine harmlose Träumerei: Jemand hört Musik und lässt sich dabei im Geiste „in eine unbekannte Gasse entführen“. Im Traum tanzt er mit irgendjemandem Walzer auf „den Lichtwellen des Mondes“, dann endet der Traum so plötzlich, wie er begonnen hat.
Oberflächlich betrachtet, könnte man den Song für ein Liebeslied halten, bei dem jemand sich nachts in die Arme einer fernen Geliebten träumt. Bei genauerem Hinsehen enthält das Lied jedoch unverkennbar Andeutungen einer die repressive Gegenwart überschreitenden Utopie. So ist von den „Grenzen“ die Rede, die im Traum überwunden werden, von einer „ferne[n] Vergangenheit“, in der ein Leben in Freiheit möglich ist, und von einer Zukunft, die sichtbar wird, „bevor sie beginnt“.
Hinzu kommt, dass der Text auch klar identifizierbare Orte außerhalb der Hauptstadt benennt, in denen die Überwachung weniger lückenlos ist. Damit wird hier auch auf den Widerstandswillen der Bevölkerung angespielt, die im Privaten jene Freiheiten auszuleben versucht, die ihr in der Öffentlichkeit verwehrt werden.
Dass der utopische Tanz im Mondschein sich am Ende in grauen Regenschleiern auflöst, entspricht der Realität, in der die Menschen im Iran leben müssen. Gleichzeitig macht das Lied jedoch klar, dass die Utopie hiervon unberührt bleibt: Sie lebt in einer Zeit außerhalb der Zeit, in einer Vergangenheit, die zugleich Zukunft ist und
von keiner noch so harten Repression ausgelöscht werden kann.
Yazdanis Musik weist zwar Anklänge an orientalische Traditionen auf, öffnet sich jedoch gleichzeitig für die befreiende Kraft der Rock-Musik. Auf diese Weise ist es dem Künstler gelungen, im Iran zu einem Idol zu werden, ohne dass das Regime in ihm einen Gegner sehen würde. Seine Konzerte sind stets ausverkauft, und seine Fans nennen ihn ehrerbietig „King Reza“. Für sie ist er ein lebendiger Gegenentwurf zur der unterdrückerischen Herrschaft der Mullahs.

Reza Yazdani: Geramafon; aus: Khaterat-e-Mobham (Unbestimmte Erinnerungen, 2013)

Liedtext mit englischer Übersetzung

Freie Übertragung aus dem Englischen

Der Plattenspieler

Der Mond tanzt auf dem Plattenspieler
in der Sinfonie der Nacht, während meine Traumbitten
mich in eine unbekannte Gasse entführen.
Dort vorne ist das Meer
in ungetrübter Schönheit,
sogar Gott hat sich eingefunden.

Wir tanzen Walzer mit den Lichtwellen des Mondes,
der Wind trägt uns hinaus
über die Grenzen des Schlafzimmers,
wir lösen uns im Nebel auf
und entschwinden in eine ferne Vergangenheit,
in der wir vagabundierend fliegen
von Tajrisch nach Darband.*

Eine Schneebar in Bame Tehran**
nimmt uns in sich auf,
Worte schwirren durch die Luft,
Regen zieht auf
am Horizont.

Wir tanzen Walzer …

Der Mond tanzt auf dem Plattenspieler,
du tanzt allein auf dem Balkon
und gleitest fort nach Tajrisch.
Du siehst die Zukunft, bevor sie beginnt.

Dann aber endet dieses Traumkapitel
und Regen setzt ein, Regen setzt ein …

* Tayrisch, Darband: Stadtteile von Teheran
** Bame Tehran: Wander- und Skigebiet in den Bergen oberhalb von Teheran

English Version

Freedom: a self-willed plant

22nd door of the musical Advent calendar: Reza Yazdani: Geramafon (The Record Player)

Freedom is similar to electricity: Only when it is cut off do you really learn to appreciate it.

When gardeners want to make a plant flourish more quickly, they often use a trick: They deprive it of light. By reducing the supply of this elixir of life, they make the plant strive to achieve its goal in life – the propagation of its species – more quickly. Its life thus becomes more arduous, but at the same time more intense.
This phenomenon sometimes reminds me of the human mind. If it is given enough freedom – or at least enough space so that the bars of its cage are not visible –, it tends to be sluggish. But if you put shackles on it, it flaps its wings defiantly, like a bird that is held by its feet.
Similarly, the relative intellectual freedom in Western societies is not infrequently used to be lulled by Netflix series and the endless chatter of talk shows. And political freedom is merely used to „give (away) one’s vote“ at the ballot box every four years – instead of using it to actively intervene in political discourse.
In authoritarian states, by contrast, every crumb that can be snatched from the spirit’s cake is devoutly enjoyed. Banned books are copied by hand and passed on in secret. Poems and songs that have not passed the censors are memorised and recited in well-disguised cultural niches. And of course, dreams of a society in which the mind is not chained and political decisions are not decreed but widely discussed also flourish under these conditions.
A similar situation currently prevails in Iran. The commandment to replace the celebration of life with the worship of the mullahs has resulted in life being celebrated all the more intensely where the mullahs‘ stern gaze does not reach. In an effort to circumvent censorship, art – accompanied by a corresponding artistic sensibility on the part of the public – is developing ever more sophisticated forms of expression. And finally, even the ever new waves of repression cannot prevent the existence of a lively political opposition, which is developing plans for a society beyond the current theocracy.
Of course, people have to proceed with great caution in all of this. Conspiratorial meetings have to take place in secret places, and linguistic codes have to be developed that appear innocuous to the censorship authorities.
Both aspects are clearly recognisable in the song Geramafon (The Record Player) by the Persian singer-songwriter Reza Yazdani. At first glance, the song seems to be nothing more than a harmless reverie: someone listens to music and is „carried away into an unknown alley“ in his mind. In his dream, he waltzes with someone on „the light waves of the moon“, then the dream ends as suddenly as it began.
On the surface, the song could be taken for a dream in which someone drifts off at night into the arms of a distant lover. On closer inspection, however, the text contains unmistakable hints of a utopia that transcends the repressive present. For example, it alludes to the „borders“ that are overcome in the dream, to a „distant past“ in which a life of freedom is possible, and to a future that becomes visible „before it begins“.
In addition, the text also names clearly identifiable places outside the capital where surveillance is less comprehensive. This also points to the people’s will to resist, to their attempt of living out in private the freedom that is denied to them in public.
The fact that the utopian dance in the moonlight dissolves into grey veils of rain at the end corresponds to the reality in which people in Iran have to live. At the same time, however, the song emphasises that the utopia remains unaffected by this: it lives in a time outside of time, in a past that is tantamount to the future and that cannot be erased by any repression, no matter how harsh it may be.
Yazdani’s music has echoes of oriental traditions, but at the same time opens up to the liberating power of rock music. In this way, the artist has managed to become an idol in Iran without the regime considering him an opponent. His concerts are always sold out, and his fans reverently call him „King Reza“. For them, he is a living antithesis to the oppressive rule of the mullahs.

Reza Yazdani: Geramafon; from: Khaterat-e-Mobham (Vague Memories, 2013)

Song

Lyrics

Free English adaptation

The record player

The moon is dancing on the record player
in the symphony of the night, while my dream pleas
carry me away to an unknown alley.
Over there the ocean spreads its wings
in unclouded beauty,
even God has come.

We are waltzing with the light waves of the moon,
the wind carries us away,
beyond the borders of the bedroom.
We vanish in the mist
and disappear into a distant past,
where we fly vagrantly
from Tajrish to Darband.*

A snow bar in Bame Tehran**
takes us in,
words are buzzing through the air,
clouds are gathering
on the horizon.

We are waltzing …

The moon is dancing on the record player …
You dance alone on the balcony
and glide away to Tajrish.
You see the future before it begins.

But then this dream chapter comes to an end
and rain sets in, rain sets in …

*Tayrisch, Darband: districts of Tehran
** Bame Tehran: hiking and skiing area in the mountains above Tehran.

Bilder: Myriam: Tanzendes Paar / dancing couple (Pixabay); Mahraz Kassi: Reza Yazdani

4 Antworten auf „Die Freiheit: eine eigenwillige Pflanze / Freedom: a self-willed plant

  1. Elias

    Das klingt wirklich paradox. Warum nutzen die Menschen ihre Freiheit nicht für ihre geistige Weiterentwicklung???- In der DDR wurde auch mehr gelesen und in Russland auch. Konsum tötet den Geist wohl schneller als Unfreiheit. Das Lied ist sehr schön und verträumt. Es zeichnet auch ein neues und anderes bild des Iran. Danke für die feine Anregung!

    Gefällt 1 Person

  2. Spinnradl-Sabine

    Ein wunderschönes Lied.
    Da ist was wahres dran. Manchmal denke ich auch, viele Menschen sind übersättigt mit allem.
    Doch wenn ich hier in manchen Blogs lese – so zeigt sich doch, dass es auch andere Geister gibt.
    Ein nachdenkenswerter Text – danke dir.
    Liebe Grüße
    Sabine vom 🕷 🕸

    Gefällt 1 Person

  3. Pingback: Der persische Singer-Songwriter Reza Yazdani – LiteraturPlanet

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