Die Welt als Spiegelkabinett Gottes / The world as God’s hall of mirrors

23. Türchen des musikalischen Adventskalenders: Jean-Louis Murat: Cheyenne Autumn

English Version

Wer Gott treffen möchte, kann natürlich in die Kirche gehen. Er kann aber auch einen Waldspaziergang machen.

Nur noch ein Tag bis Heiligabend! Höchste Zeit für ein Gebet, um den Höchsten gnädig zu stimmen – und ihn die richtigen Geschenke unter dem Weihnachtsbaum platzieren zu lassen …
Mein Gebet entnehme ich dem Lied Cheyenne Autumn des aus der Auvergne stammenden französischen Chansonniers Jean-Louis Murat. Dies scheint auf den ersten Blick etwas unpassend zu sein. Denn Murat steht dem Buddhismus nahe – mit Weihnachten dürfte er also nicht allzu viel am Hut haben.
Hinzu kommt, dass in dem Lied auch kein christlicher Gott angebetet wird. Adressat des gebetsartigen Textes ist vielmehr die Sonne. Sie ist es, die darum gebeten wird, Pflanzen und Tieren durch die Kraft ihrer Wärme Leben zu schenken. Im „Kommen und Gehen“ ihrer Liebe spiegelt sich auch eher der Kreislauf des Werdens und Vergehens wider als das Wirken Gottes. Dass sie nah und fern zugleich ist, ist ein Mysterium, das in ihrem Wesen als Millionen Kilometer entfernter Lebensquell begründet ist, lässt sich also – anders als das göttliche Mysterium – logisch auflösen.
Auf der anderen Seite erscheint auch im Sonnengesang des Franz von Assisi der Leben spendende Lichtquell als „Bruder Sonne“ („die“ Sonne ist im Italienischen männlich: il sole). Zwar wird die Sonne dabei den „Geschöpfen“ Gottes zugerechnet, ist dabei aber – ebenso wie „Schwester Mond“ (la luna), „Bruder Wind“, „Schwester Wasser“ und „Bruder Feuer“ – eine Art intermediäre Instanz, durch die das Wirken Gottes erfahrbar wird. Dies ist im Kern eine animistische Form von Religiosität. Dennoch käme wohl niemand auf die Idee, dem Heiligen Franziskus die Verwurzelung im christlichen Glauben abzusprechen.
Überhaupt stellt sich die Frage, ob wir uns mit der üblichen konfrontativen Gegenüberstellung von göttlichem Geist und Natur einen Gefallen tun. Zunächst einmal erscheint dies unlogisch. Denn wir unterstellen damit ja, dass Gott die Natur zwar erschaffen, sie dann aber quasi links liegen gelassen hat. Dabei lässt es die komplexe Entwicklungsdynamik des naturhaften Geschehens weitaus plausibler erscheinen, dass die Schöpfung ein andauernder Prozess ist, Gottes Wirken also auch in der Natur und ihren immer neuen Verwandlungen erfahrbar ist.
Dieser Gedanke liegt auch der Unterscheidung in „natura naturata“ (erschaffene Natur) und „natura naturans“ (schaffende, schöpferische Natur) zugrunde, einem zentralen Konzept in der Philosophie des niederländischen Denkers Baruch (de) Spinoza (1632 – 1677). Das göttliche Wirken ist dabei sowohl über das dynamische Prinzip, das die Schöpfung in Gang hält, erfahrbar als auch durch das Erschaffene – das, was zu einem bestimmten Zeitpunkt als konkretes Seiendes erfahrbar ist.
Hieran hat später auch Friedrich Wilhelm Joseph Schelling (1775 – 1854) in seiner Naturphilosophie angeknüpft. Er hat dabei auch auf die Gefahren hingewiesen, die es mit sich bringt, wenn wir die vergängliche Natur stets nur als Antithese zum unvergänglichen Geist wahrnehmen. Durch unsere implizite Identifikation mit Letzterem führt dies zu einer Entfremdung von der Natur und damit – weil wir selbst ein Teil von dieser sind – auch von uns selbst. Das Ergebnis ist eine verächtliche, ausbeuterische Haltung gegenüber der Natur, durch die wir uns nun schon jahrhundertelang selbst sukzessive unserer Lebensgrundlagen berauben.
Schelling plädierte vor diesem Hintergrund dafür, Natur und Geist nicht als Gegensätze wahrzunehmen, sondern als harmonisch miteinander wechselwirkende Kräfte, die so eng aufeinander bezogen sind, dass eine nicht ohne die andere vorstellbar ist. An die Stelle von Unterwerfungsanspruch und Ausbeutungsstreben tritt dadurch eine demütige Haltung gegenüber der Natur, die gekennzeichnet ist von „Andacht, Frömmigkeit gegen die Natur, Religion, unbedingte[r] Unterwerfung unter die Wirklichkeit und die Wahrheit, wie sie in der Natur ausgesprochen und mit der Natur selbst eins ist“ (SW VII: 109 f.).

Nachweise

Franz von Assisis Sonnengesang (ital. Cantico delle Creature – Loblied auf alle Geschöpfe) ist im Winter 1224/25, zwei Jahre vor dem Tod des später heilig gesprochenen Bettelmönchs, entstanden. Franziskus war damals schwer erkrankt und wurde zudem von einem Augenleiden geplagt, durch das er fast vollständig erblindet war (Näheres zu den Hintergründen des Cantico im oben verlinkten Beitrag von Bruder Peter Fobes auf der Website der deutschen Franziskaner).

Schelling-Zitat entnommen aus: Schelling, Friedrich Wilhelm Joseph: Sämtliche [Sämmtliche] Werke (einzelne Bände bei zeno.org verfügbar). 14 Bände, herausgegeben von Karl Fried­rich August Schelling, Bd. 7, S. 109 f. Stuttgart und Augsburg 1856 – 1861: Cotta; Werke teilweise bei verfügbar.

Ausführliches Essay zu der Thematik: Natur und Geist. Wie wir lernten, die Natur zu verachten

Jean-Louis Murat: Cheyenne Autumn; aus: Cheyenne Autumn (1989)

Liedtext

Übersetzung

Cheyenne Autumn
(Titel eines Westerns aus dem Jahr 1964, in Deutschland unter dem Titel Cheyenne erschienen; hier wohl im Sinne von „Indian Summer“ zu verstehen)

Komm, sanfte Sonne,
lass deine Strahlen mich umweben,
durchdringe diese Bienenwelt,
die ungeduldig zittert
in der Tiefe des Waldes.

Weck aus ihrem langen Schlaf
die schlummernden Fischotter
bei den Stromschnellen,
wo lautlos verliebte Fische
gegen die Strömung ankämpfen.

Deine Liebe geht,
deine Liebe kommt,
deine Liebe …
Wie weit deine Liebe doch weg ist …
Sehnsucht …

Über Jean-Louis Murat

Jean-Louis Murat ist der Künstlername des 1952 geborenen Jean-Louis Bergheaud. Nach unsteten Jugendjahren, mit einer frühen Heirat, Scheidung und wechselnden Jobs in französischen Urlaubsorten, ist er 1977 in seine Heimat in der Auvergne zurückgekehrt. Seine Verwurzelung dort brachte er 1981 dadurch zum Ausdruck, dass er sich nach dem Ort benannte, in dem er einen Großteil seiner Kindheit verbracht hatte: Murat-le-Quaire. Seit den 1990er Jahren erreicht seine Musik ein breiteres Publikum. Der dem Buddhismus nahe stehende Chansonnier ist bekannt für seine poetischen Texte und für seinen Arbeitseifer, der sich sowohl in einer hohen Anzahl von Alben als auch in häufigen Tourneen niederschlägt. Er ist auch als Schauspieler in Erscheinung getreten.

Mehr poetische Chansons aus Frankreich: Chansons poétiques. Ein Blick auf die französischen ChansondichterInnen

English Version

The world as God’s hall of mirrors

23rd door of the musical Advent Calendar: Jean-Louis Murat: Cheyenne Autumn

Whoever wants to meet God can of course go to church. But he can also go for a walk in the forest.

Only one day left until Christmas Eve! High time for a prayer to make the Most High have mercy on us – and let him place the right presents under the Christmas tree …
My prayer is taken from the song Cheyenne Autumn by the French singer-songwriter Jean-Louis Murat. At first glance, this seems somewhat inappropriate. After all, Murat is close to Buddhism – so he shouldn’t have too much affinity with Christmas.
In addition, no Christian god is worshipped in the song. The addressee of the prayer-like text is rather the sun. It is the sun that is asked to give life to plants and animals through the power of its warmth. And the „coming and going“ of its love rather reflects the cycle of becoming and passing away than the work of God. Finally, the fact that the sun is near and far at the same time is a mystery that is rooted in her being a source of life millions of kilometres away. Unlike the divine mystery, it can therefore be resolved logically.
On the other hand, even in the Canticle of the Sun by Francis of Assisi, the life-giving source of light appears as „Brother Sun“ („the“ sun is masculine in Italian: il sole). Although the sun is referred to as one of God’s „creatures“, it is – like „sister moon“ (la luna), „brother wind“, „sister water“ and „brother fire“ – a kind of intermediary instance through which God’s activity can be experienced. This is essentially an animistic form of religiosity. Nevertheless, no one would probably think of denying St. Francis‘ rootedness in the Christian faith.
In general, the question arises whether we are doing ourselves a favour with the usual confrontational juxtaposition of divine spirit and nature. First of all, this seems illogical. For we are assuming with this that God created nature but then left it to its own devices. Yet the complex developmental dynamics of natural processes make it seem far more plausible that creation is an ongoing process, that God’s work can also be experienced in nature and its ever new transformations.
This idea also underlies the distinction between „natura naturata“ (created nature) and „natura naturans“ (creating / creative nature), a central concept in the philosophy of the Dutch thinker Baruch (de) Spinoza (1632 – 1677). The divine activity here can be experienced both through the dynamic principle that keeps creation going and through the created nature – that which can be experienced as a concrete being at a certain moment.
These thoughts were taken up later by Friedrich Wilhelm Joseph Schelling (1775 – 1854) in his philosophy of nature. He also pointed out the dangers inherent in perceiving transient nature as the antithesis of the imperishable spirit. Through our implicit identification with the latter, this leads to an alienation from nature and thus – because we ourselves are a part of nature – also from ourselves. The result is a contemptuous, exploitative attitude towards nature, through which we have been successively depriving ourselves of our livelihoods for centuries now.
Against this background, Schelling argued that nature and spirit should not be perceived as opposites, but as harmoniously interacting forces being so closely related to each other that one cannot be imagined without the other. The claim to subjugation and the striving for exploitation is thus replaced by a humble attitude towards nature, which is characterised by „devotion, piety towards nature, religion, unconditional submission to reality and truth as they are expressed in nature and are one with nature itself“.

Notes

Francis of Assisi’s Canticle of the Sun (Italian: Cantico delle Creature – Canticle of Praise to All Creatures) was written in the winter of 1224/25, two years before the death of the mendicant monk later canonised. At that time, Francis was seriously ill and was also plagued by an eye complaint that made him almost completely blind.

Schelling quote: Schelling, Friedrich Wilhelm Joseph: Sämtliche [Sämmtliche] Werke [Complete Works; partly available at zeno.org; German]. 14 vols., edited by Karl Friedrich August Schelling, vol. 7, p. 109 f. Stuttgart and Augsburg 1856-1861: Cotta.

Jean-Louis Murat: Cheyenne Autumn; from: Cheyenne Autumn (1989)

Song

Lyrics

Translation

Cheyenne Autumn
(title of a western from 1964; here probably to be understood in the sense of „Indian Summer“)

Come, gentle sun,
let your rays weave around me,
penetrate this bee world
that trembles impatiently
in the depths of the forest.

Wake from their long sleep
the slumbering otters
at the rapids,
where enamoured fishes fight
silently against the current.

Your love goes,
your love comes,
Your love…
How far away your love is …
Longing …

About Jean-Louis Murat

Jean-Louis Murat is the stage name of Jean-Louis Bergheaud, born in 1952. After a „wild“ youth, with an early marriage, divorce and changing jobs in French holiday resorts, he returned to his homeland – Auvergne – in 1977. Emphasising his roots there, he named himself in 1981 after the place where he had spent much of his childhood: Murat-le-Quaire. Since the 1990s, his music has reached a wider audience. The chansonnier, who is close to Buddhism, is known for his poetic lyrics and for his dedication to work, which is reflected in both a high number of albums and frequent tours. He has also performed as an actor in films.

Der gesamte musikalische Adventskalender als PDF / The complete musical Advent Calendar as PDF

Bilder / Pictures: Johannes Plenio. Sonne im Wald / sunlight in the forest (Pixabay); APB11: Jean-Louis Murat, beim “Festival de Carcassonne”, Juli 2010 (Wikimedia)

3 Antworten auf „Die Welt als Spiegelkabinett Gottes / The world as God’s hall of mirrors

  1. Renate

    Dieser Text hat mich besonders angesprochen. Wenn wir Menschen so auf die Natur schauten, dann müssten wir ums weniger Sorgen um unseren Planeten machen. Leider hat die „Klimaschutzbewegung“ auch keine Achtung und keine Liebe zur Natur. Der Druck, den Naturschutz immer weiter einzudämmen kommt vor allem aus der grünen Ecke. Wo das herkommt, diese Begeisterung für die totale Naturbeherrschung, ist wirklich beeindruckend in Ihrem
    Essay „Geist und Natur“ dargelegt. Letzteres ist allerdings recht anspruchsvoll. Ich habe es mehrfach lesen müssen, was sich aber gelohnt hat. Das Lied von Murat gefällt mir sehr. So hat man den ganzen Tag im
    Urlaub geistige Anregung 😉

    Gefällt 1 Person

  2. Miss Katherine White

    Frohe Weihnachten und einen guten Rutsch ins neue Jahr.
    Ich wünsche euch frohe und besinnliche Weihnachten. Bleibt Gesund und Munter. Freut euch über jeden einzelnen Tag und denkt nicht an Morgen. Denn jeder Tag ist ein Geschenk. Trinkt, Lacht und beschenkt euch reichlich! Wir haben es uns verdient.
    Lasset die Korken fliegen und die Gläser klirren. Fühlt euch gesegnet in dieser schwierigen Zeit!
    Ich wünsche mir für euch, dass ihr voller Freude, Zuversicht, Geduld und Mut in ein wunderschönes neues Jahr Startet. Mögen sich all eure Wünsche erfüllen und eure Sorgen verblassen. Kommt gut und gesund ins neue Jahr.

    Mit gesegneten Grüßen
    Miss Katherine White
    Work – Life – Balance
    https://www.miss-katherine-white.com

    Gefällt 1 Person

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