Robinson

English Version

Heute zu Gast im literarischen Corona-Tagebuch: Lady Loneliness – jene Dame, die sich während der Corona-Krise  insbesondere bei vielen älteren Menschen als ungebetener Gast einquartiert hat.

Eigentlich kannst du dich nicht beklagen. Auf deiner Insel fehlt es dir an nichts. Regelmäßig werden dir Nährstoffe zugeführt, deine Ruhezeiten werden geachtet, du hast genügend Platz, um dich deinen Bedürfnissen gemäß auszubreiten, selbst der Wechsel aus Sonnenbestrahlung und schattigeren Stunden ist situationsgerecht optimiert worden. Wärest du eine Pflanze, so würdest du in reicher Blüte stehen.
Sogar einen Spiegel haben sie dir auf deine Insel gestellt. So bleibt dir wenigstens die Brücke in dein äußeres Ich erhalten, wenn schon sonst alle Brücken zu dir abgebrochen worden sind.
Manchmal verharrst du minutenlang vor dem Spiegel und liest in deinem Gesicht, als wäre es das Gesicht eines Fremden. In diesen Faltenkämmen und Runzeltälern, die zu dir sprechen wie vergilbte Urlaubsfotos.
Diese kleine Narbe da: Ist das nicht ein Souvenir aus jenem Sommer, als du dich das erste Mal auf den steilen Hügel an deinem südlichen Urlaubsort hinaufgewagt und dir in der Macchia einen Dorn eingerissen hast? Und dort unten, die Einkerbung neben der linken Unterlippe: Hat sie sich nicht in jenem Hades-Herbst in deine Haut geritzt, als du deinen besten Freund verloren hast? Ist sie nicht fast schon eine Art Autogramm von ihm, als hätte er sich bei seinem Abschied für immer in dich eingeschrieben?
Wie Baumringe fließen die Lianen deiner grauen Locken um dein Gesicht. Jeder Ring erzählt die Geschichte eines ganzen Lebensjahres.
Ja, du könntest dich ganz in deine Vergangenheit hüllen. Tage-, wochen-, monatelang könntest du im Wald deiner Erinnerungen spazieren gehen, ohne dass es dir langweilig würde. Wie zu Beginn deines Lebens, als du auf dem Speicher in den Erinnerungen deiner Großeltern gewühlt hast, gäbe es immer wieder Dinge zu entdecken, die dir in ihrer Verwurzelung in alten, längst vergessenen Selbstverständlichkeiten und Vorlieben ganz fremdartig erscheinen. Auch die Vergangenheit ist ein unbekannter Kontinent.
So reizvoll derartige Entdeckungsreisen in das gelebte Leben aber auch sein mögen: Es bleiben doch Reisen in einem geschlossenen Raum, in einem Reservat, dessen Zäune mit keiner Kraft der Welt aufgebrochen werden können. Deshalb gehst du oft an den Rand deiner kleinen Insel und tauchst deine Füße ins Meer, um den freien, ewig unberechenbaren Pulsschlag des Lebens zu spüren.
Dann suchst du mit den Blicken den Horizont nach vorüberziehenden Schiffen ab. Wann immer du eines erspähst, stellst du dir vor, du stündest selbst darauf: Du spürst den Tanz der Wellen unter deinen Füßen, du versuchst, in ihrem Rhythmus mitzuschwingen, dich hineinzufühlen in ihren Takt, der dich in neue, unbekannte Welten trägt. Jeder Augenblick ist wie der Anfang deiner ersten Tanzstunde, in jedem Moment legt sich ein neues Element aus dem unerschöpflichen Füllhorn der Rhythmen um deine Glieder.
Manchmal geschieht es auch, dass eines der großen Schiffe ein Beiboot zu Wasser lässt, das deine Insel ansteuert. Meistens geht das Boot aber einige Meter vor dem Strand vor Anker. Nur schemenhaft erkennst du dann durch den Schleier des Sonnenlichts eine Gestalt, die dir zuwinkt. Ob sie dir wohl vertraut ist? Steht sie dir vielleicht sogar besonders nahe? Lächelt sie dir zu? Und warum schweigt sie? Oder werden ihre Worte nur vom Rauschen der Brandung verschluckt?
Noch bevor du Antworten auf deine Fragen findest, dreht das Boot wieder um. Während es in den Dunst der Ferne eintaucht, verschwimmen auch in dir die Grenzen der Wahrnehmung: Hast du nur von der Begegnung geträumt? War sie nur eine Halluzination, ein Lichtspiel am Baum deiner Erinnerungen? Oder hat sie wirklich stattgefunden?
Kurz darauf umgibt dich wieder die blaue Leere. Undurchdringlich erstreckt sie sich von einer Seite des Horizonts zur anderen, wie eine Leinwand, auf die deine weltentwöhnten Augen die Bilder deiner Sehnsucht zeichnen können, nur ab und an betupft von dem geisterhaften Reigen der Schiffe.

English Version

Today’s special guest in the literary Corona diary: Lady Loneliness – the lady who has moved in as an uninvited guest during the corona crisis, especially with many elderly people.

Actually, you can’t complain. On your island you lack for nothing. You are regularly supplied with nutrients, your rest periods are respected, you have enough space to spread out according to your needs, even the alternation between sunshine and shady hours has been adapted to your individual life rhythm. If you were a plant, you would be in full bloom.
Even a mirror has been placed on your island. So you can at least preserve the bridge to your outer self, now that all other bridges to you are severed.
Sometimes you stay in front of the mirror for minutes and read in your face as if it were the face of a stranger. In these crests of folds and wrinkled valleys that speak to you like yellowed holiday photos. That little scar there: isn’t it a souvenir from that summer when you first dared to climb up the steep hill at your southern holiday resort and were injured by a thorn in the macchia? And down there, the furrow next to your left lower lip: wasn’t it carved into your skin in that Hades autumn when you lost your best friend? Isn’t it almost like an autograph from him, as if he had written himself into you eternally on his farewell?
Like tree rings the lianas of your grey curls flow around your face. Each ring tells the story of an entire year of your life.
You could indeed immerse yourself completely in your past. For days, weeks, months you could walk in the forest of your memories without getting bored. Just like at the beginning of your life, when you were digging in your grandparents‘ memories in the attic, there would always be things to discover. With their roots in old, long-forgotten habits and preferences, they seem quite alien to you. The past too is an unknown continent.
But as appealing as such expeditions into past life may be: they are journeys in a closed space, in a reservation whose fences cannot be broken by any force in the world. That is why you often go to the edge of your little island and dip your feet in the sea to feel the free, unforeseeable pulse of life.
Shielding your eyes from the sunlight, you scan the horizon for passing ships. Whenever you catch sight of one, you imagine yourself standing on it: you feel the dance of the waves under your feet, you try to swing along with their rhythm, to attune to their beat, which carries you away into new, unknown worlds. Every moment is like the beginning of your first dance lesson, in every moment a new element from the inexhaustible cornucopia of rhythms wraps itself around your limbs.
Sometimes it might even happen that one of the big ships launches a dinghy to your island. Most of the time, however, the boat will drop anchor a few meters from the beach. So you can only discern the outlines of a figure waving at you through the veil of sunlight. Is it a familiar person? Maybe even someone particularly close to you? Does the shadow smile at you? And why doesn’t he speak to you? Or are the words just swallowed up by the surf?
Before you can find the answers to your questions, the boat sets out to sea again. As it plunges into the mists of the distance, the boundaries of your perception become blurred: Have you only dreamed of the encounter? Was it just a hallucination, a play of light on the tree of your memories? Or did it really happen?
Shortly afterwards the blue emptiness surrounds you again. Impenetrably it stretches from one side of the horizon to the other, like a canvas on which your world-weaned eyes can draw the pictures of your longing, only now and then dabbed by the ghostly roundelay of ships.

Bilder: Caspar David Friedrich: Der Mönch am Meer (1808-1810); Candid Shots: alter Mann (Pixabay)

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