Der venezolanisch-kolumbianische Joropo

Mit einer Nachdichtung des Liedes Alma llanera

Tanz aus der Krise, Teil 7 der musikalischen Sommerreise 2020

Die Berichte aus Venezuela und Kolumbien werden von autoritären Machthabern, Koka-Anbau und Kämpfen zwischen Guerilla und Militär überschattet. In der Tat ist der Alltag der Menschen dort auch hiervon geprägt. Ihre Kultur ist jedoch viel reicher, als es durch die aktuellen Konflikte erscheint. Hiervon vermittelt der Blick auf den Joropo und seine bekannteste Liedvariante Alma llanera einen kleinen Eindruck.

Zur politischen Lage in Venezuela
Kolumbien: zerstörte Friedenshoffnungen
Llanos und Llaneros
Kurzporträt des Joropo
Alma llanera: ein Lied über die venezolanische Seele
Rafael Bolívar Coronado (Text) / Pedro Elías Gutiérrez (Musik): Alma llanera
Links
 

Zur politischen Lage in Venezuela

Casa_de_los_Llanos_VenezolanosIn Venezuela und Kolumbien dürfte den Menschen derzeit kaum nach Tanzen zumute sein. Das liegt nicht nur an der Corona-Krise.
In Venezuela ist Hugo Chávez‘ Vision eines „Sozialismus des 21. Jahrhunderts“ zu einer Steinzeit-Diktatur erstarrt, die mit sozialistischen Idealen in etwa so viel zu tun hat wie ein stalinistischer Gulag mit einem Freizeit-Camp. Schon vor der Corona-Krise herrschte eine solche Knappheit an lebenswichtigen Gütern, das die Menschen in Scharen nach Kolumbien geflohen sind – wo sie freilich auch nur ein Leben als zähneknirschend geduldete Flüchtlinge erwartet hat.
Diese Situation hat sich durch die Corona-Pandemie noch einmal verschärft. Die in der Hauptstadt Caracas kürzlich erlassene verschärfte Ausgangssperre trifft die Menschen besonders hart. Sie sind darauf angewiesen, ihre Wohnungen zu verlassen, um die allernötigsten Grundnahrungsmittel zu beschaffen. Hilfsgüter werden vom Regime nach Wohlverhaltenskriterien verteilt.
Hinzu kommt, dass Präsident Nicolás Maduro zu jenen Autokraten gehört, die die Krise nutzen, um ihre Kontrollbefugnisse zu erweitern und die Opposition kleinzuhalten. Auch dies ist bereits vor Ausbruch der Corona-Pandemie geschehen, als Maduro eine Verfassunggebende Versammlung einberufen ließ, um das Parlament zu entmachten. Nun aber lassen sich die Einschränkungen der politischen Freiheiten unter Verweis auf die zum Schutz der Gesundheit nötigen Maßnahmen viel leichter rechtfertigen.

Kolumbien: zerstörte Friedenshoffnungen

In Kolumbien ist der vom ehemaligen Präsidenten Juan Manuel Santos angestoßene Friedensprozess, für den dieser 2016 mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet worden ist, praktisch zum Erliegen gekommen. Die mit den Friedensverhandlungen verbundenen Zugeständnisse an die FARC-Guerilla waren in der Bevölkerung von Anfang an umstritten. Unter dem Einfluss von Santos‘ Vorgänger Álvaro Uribe, der die Guerilla militärisch besiegen wollte, war der Friedensvertrag in einer Volksabstimmung sogar abgelehnt worden. Erst im zweiten Anlauf erteilte das Parlament einer modifizierten Vorlage, für die kein Referendum mehr einberufen wurde, im November 2016 seine Zustimmung.
Santos‘ Nachfolger Iván Duque, ein politischer Ziehsohn Uribes, tut seit seinemErythroxylum_coca_-_Köhler–s_Medizinal-Pflanzen-204 Amtsantritt im Jahr 2018 jedoch alles, um den Friedensvertrag zu torpedieren. Viele ehemalige Guerilleros fühlen sich vor diesem Hintergrund getäuscht. Wenn sie den bewaffneten Kampf nicht wieder aufnehmen, sehen sie sich zumindest in die kriminellen Geschäfte – insbesondere den Drogenhandel – zurückgedrängt, mit dem der bewaffnete Kampf einst finanziert worden war.
Hinzu kommt, dass sich auch ein entscheidender Konstruktionsfehler des Friedensvertrags zunehmend negativ bemerkbar macht. Santos war davon ausgegangen, dass die Einigung mit der FARC – als der größten Widerstandsgruppe – auch die anderen Gruppen zum Abschluss eines Friedensvertrags bewegen würde. Stattdessen ist aber insbesondere die ELN in die Lücke vorgestoßen, die die FARC hinterlassen hat. Sie hat vielerorts auch deren Drogengeschäfte übernommen und übt Druck auf die Bauern aus, weiterhin Drogen anzubauen. So wird die Landbevölkerung nach wie vor zwischen dem Machtanspruch der Guerilla und den regelmäßigen Offensiven von Militär und paramilitärischen Gruppen zerrieben.
Auch in Kolumbien hat die Corona-Krise für viele Menschen ihre ohnehin prekäre Lage verschärft. Ausgangsbeschränkungen haben dort nicht nur zur Folge, dass der tägliche Kampf ums Überleben massiv erschwert wird. Sie führen vielmehr auch dazu, dass Menschen, die auf der Todesliste von paramilitärischen Gruppen oder der Guerilla stehen, es schwerer haben, vor den Häschern zu fliehen. Programme für einen Ausstieg aus dem Drogenanbau bzw. -handel und aus dem bewaffneten Kampf verlieren so zusätzlich an Attraktivität.

Llanos und Llaneros

XIX_century_Llanero_-_Eloy_PalaciosIm Zuge der spanischen Eroberung Südamerikas kam es dort auch zu einer Ausweitung der Rinder- und Pferdezüchtung. In den Llanos, der von dem Orinoko und seinen Nebenflüssen im heutigen kolumbianisch-venezolanischen Grenzgebiet durchflossenen Savanne, entstanden so große Pferde- und Rinderherden. Die Hirten nannte man – nach dem Ort, an dem die extensive Viehwirtschaft betrieben wurde – „llaneros“.
Der Mythos, der mit der Zeit um die Llaneros entstand, beruhte vor allem auf der Unabhängigkeit, die ihnen das Leben in der freien Natur ermöglichte. Dass die Llaneros in der Tat besonders freiheitsliebend waren, zeigte sich, als sie zu Beginn des 19. Jahrhunderts auf beiden Seiten des venezolanischen Unabhängigkeitskriegs ihre Reitkunst in die Waagschale warfen.  So dienten sie zunächst unter dem Caudillo José Tomás Boves, der die spanische Vorherrschaft verteidigte, gleichzeitig aber für ein Ende der Sklaverei eintrat. Danach unterstützten einige Llaneros aber auch Simón Bolívar bei seinem letztlich erfolgreichen Unabhängigkeitskampf.

Kurzporträt des Joropo

Angesichts ihres Arbeitsalltags in der Abgeschiedenheit der weiten Flussebenen waren die Viehmärkte für die Llaneros stets eine willkommene Abwechslung. Die Märkte waren Kommunikationsbörsen und ganz allgemein soziale Ereignisse, bei denen man andere Menschen treffen und gemeinsam feiern konnte.
Bei den Tänzen, die dabei aufgeführt wurden, orientierte man sich zunächst an dem aus Spanien und Portugal eingeführten Paartanz Fandango. Mit der Zeit entwickelten sich daraus jedoch eigene Varianten, die von örtlichen Traditionen, aber auch von den aus Afrika nach Lateinamerika in die Sklaverei entführten Menschen und ihrer Musikkultur beeinflusst waren.
Das Ergebnis dieser Entwicklung ist der Joropo, der heute als venezolanischer Nationaltanz gilt, aber mit spezifischen Abwandlungen auch in Kolumbien vertreten ist. In Venezuela wird er schon kleinen Kindern beigebracht und in Wettbewerben als nationales Kulturgut gepflegt. Entsprechend seinen regional gebundenen Entstehungsbedingungen gibt es heute über 50 verschiedene Varianten des Joropo. In einzelnen Regionen weisen diese wiederum größere Gemeinsamkeiten auf und werden dann zu diversen Untergruppen zusammengefasst.
Joropo_fotoCharakteristisch für den Joropo ist die instrumentelle Begleitung des Tanzes durch Bandola (ein Zupfinstrument), Tiple oder Cuatro (Kastenhalslauten) und Mandoline. Statt dieser wird zuweilen auch die Violine eingesetzt. In den 1960er Jahren ist in Kolumbien zudem eine spezielle Harfe, die „arpa llanera“, entwickelt worden, die ebenfalls an die Stelle von Mandoline oder Violine treten kann. Dieser Kern an Instrumenten kann allerdings, je nach musikalischer Ausrichtung der Darbietenden, variieren. Zuweilen kommen auch noch weitere Instrumente hinzu.
Als Tanz enthält der Joropo walzerähnliche Elemente, erinnert im rhythmischen Stampfen der Männer mit ihren Füßen aber auch an den Flamenco. Im Vordergrund stehen jedoch die regionalen Traditionen, die die spanischen Einflüsse auf charakteristische Weise adaptiert haben. Dem entsprechen auch die zahlreichen Varianten des Joropo, die es insbesondere in Venezuela gibt.

Alma llanera: ein Lied über die venezolanische Seele

Das Lied Alma llanera wurde von Pedro Elías Gutiérrez für eine 1914 uraufgeführteLa_Gran_Sabana Zarzuela komponiert, eine spanische Variante des Musiktheaters, die Elemente von Operette, Musical und komischer Oper in sich vereint. Der Text stammt von  Rafael Bolívar Coronado. Das Lied gilt heute als eine Art inoffizielle Nationalhymne Venezuelas.
Der Titel lässt sich zum einen auf den besonderen „spirit“ der Llanos beziehen, also auf ihre spezielle Atmosphäre und das Lebensgefühl, das sie den dort lebenden Menschen vermitteln. Zum anderen kann „alma“, eng damit verbunden, aber auch unmittelbar auf die Seele der Llaneros bezogen werden, also auf die besondere Lebenseinstellung und das Freiheitsempfinden der in den Llanos lebenden Rinder- und Pferdehirten.
Llano_abiertoDie Besonderheit des Liedes ist es somit, dass es andeutet, wie die vom Orinoko und seinen Nebenläufen geprägte Savannenlandschaft sich auf das „Seelenleben“ ihrer Bewohner auswirkt. Äußere und innere Natur werden in einem einzigen Bild zusammengefasst.
Die Schlussverse sind vor diesem Hintergrund doppeldeutig. Formal geht es darum, dass jemand in die Fohlenmähne seines Geliebten rote Nelken windet. Da es sich bei den Llaneros jedoch um Männer handelt, liegt eine weiter gefasste Deutung nahe, bei der das Objekt der Liebe nicht eine konkrete Person ist, sondern der Leben spendende Strom, um den das Lied kreist.
Musikalisch handelt es sich bei Alma llanera um einen Joropo. Angesichts seiner Bedeutung als nationales Kulturgut wird das Lied allerdings nicht notwendigerweise als Tanz aufgeführt, sondern auch in verschiedenen anderen künstlerischen Darbietungsformen präsentiert.

Rafael Bolívar Coronado (Text) / Pedro Elías Gutiérrez (Musik): Alma llanera

 
Tanz mit der Caribay Dance Group:

 
Liedfassung mit der Hexacorde Grupo Vocal und Armonías de Venezuela:

Text

Freie Übertragung ins Deutsche:

Llanera-Seele*

An diesem Ufer wurde ich geboren,
am Ufer des pulsierenden Arauca.**
Die Gischt, die Reiher und die Rosen
des Schilfs sind meine Geschwister,
sie und die Sonne, die Sonne!

Dieser Wind war meine Wiege,
der kristallklare Wind in den Palmen.
Und deshalb ist meine Seele
kristallklar wie der Wind,
kristallklar wie der Wind.

Diese rot glühenden Nelken
haben meine Leidenschaft entzündet,
mit ihnen liebe, weine, singe, träume ich.
Und mit ihnen schmücke ich die glitzernde Mähne
des ewig jungen Arauca.

* Llanera: Vgl. die Erläuterungen im Einleitungstext
**Arauca: Nebenfluss des Orinoko, der die Grenze zwischen Kolumbien und Venezuela markiert

Links:

 Zur Lage in Venezuela:

Birke, Burkhard: Krise in Venezuela: Ein ungleicher Kampf um die Macht. Deutschlandfunk (Hintergrund), 1. April 2019.
Ders.: Coronavirus in Venezuela: Kampf um die Macht statt gegen das Virus. Deutschlandfunk, 19. März 2020.

Zur Lage in Kolumbien:
 
Birke, Burkhard: Kolumbien: Coronakrise gefährdet auch den Friedensprozess. Deutschlandfunk (Eine Welt), 11. Juli 2020.
Kolar, Isabella: Kolumbien: Der politische Preis für ein bisschen Frieden [geht auch auf die Fluchtbewegungen von Venezuela nach Kolumbien ein]. Deutschlandfunk (Hintergrund), 25. November 2019.

Zum Joropo:

Ausführliche Beschreibung auf wikipedia.org (englisch).

Eine Vielzahl von Joropo-Varianten findet sich auf Llanera.com. Hier eine kleine Auswahl:

Zwei besonders eindrucksvolle Varianten:

sehr wild, wie im Zeitraffer: Baile de Joropo de Jhon Alexander Aguirre y Natalia Moreno

sehr abwechslungsreich: Grupo de Joropo Cabrestero de Villavicencio

Früh übt sich: Kinder tanzen den Joropo:

Choreographie mit mehreren Paaren: Grupo de Joropo Cimarroncitos de Yopal

Zwei Dreijährige tanzen Joropo

Joropo in Kolumbien:

Joropo mit Arpa Llanera: Pareja bailando música llanera de nuestro hermoso llano Colombiano

Hafenvirtuose  Alberto Olave: „Cunavichero“: Arpa llanera del Apure „Cunavichero“ Alberto Olave

Bildnachweise: alle Bilder von Wikimedia: 1. Titelbild: Marco Sierra: Joropo del llaneros, Venezuela, 2009; 2. Wilfredor: Haus in der Savanne VEenezuelas, 2007; 3. Koka-Pflanze aus: Köhler, Franz Eugen: Medizinalpflanzen, Greifswald 1897; 4. Eloy Palacios: Llanero aus Venezuela, 19. Jahrhundert; 5. Talento Tec: Vorführung eines kolumbianischen Volkstanzes in Mexiko City, 2012; 6. Eloy Palacios: Joropo-Gruppe, 1912; 7. Inti: Grande Sabana (Savanne) in Venezuela; 8. Laura de Oliviera: Llanero, 2012

 

Eine Antwort auf „Der venezolanisch-kolumbianische Joropo

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