Karolina Cicha & Spółka feat. Bart Pałyga: Białystok majn hejm

Die verlorene Heimat der polnischen Juden

2013 veröffentlichte die 1979 im polnischen Białystok geborene Sängerin, Schauspielerin und promovierte Literaturwissenschaftlerin Karolina Cicha das Album Wieloma Językami (‚In vielen Sprachen‘). Darauf stellt sie zusammen mit Bart Pałyga und der Band Spółka die Musik der ethnischen Minderheiten vor, die in der Podlasien bzw. Podlachien genannten Region um Białystok im Osten Polens zu Hause sind. Das Projekt erscheint heute als Kontrapunkt zu der Politik der polnischen Regierung, die von der Ideologie einer mo­nolithischen polnischen Nation ausgeht und jeden Migranten als Fleck auf der reinen nationalen Weste betrachtet.
Während ihrer Arbeit an dem Projekt ist Cicha auch die reiche Tradi­tion der jüdischen Musik in Polen zum Bewusstsein gekommen: Białystok war vor dem Zweiten Weltkrieg ein wichtiges Zentrum jüdi­schen Lebens. Vor dem Pogrom von 1906, das eine massive Auswan­derungswelle unter der jüdischen Bevölkerung ausgelöst hat (s.o.), waren zwei Drittel der Einwohner jüdisch.
Cicha entschied daraufhin, der jüdischen Musik der Region ein eige­nes Album zu widmen. Das Ergebnis veröffentlichte sie 2015 unter dem Titel Jidyszland / Yiddishland. Für das Album, das sie wieder zu­sammen mit der Band Spółka eingespielt hat, hat Cicha Archive durchstöbert und sich mit Spezialisten für Hebräisch und Jiddisch be­raten. Am Ende hat sie 12 Lieder bzw. Gedichte ausgewählt, die sie entweder eigens für das Album vertont oder neu interpretiert hat.
Das erste Lied auf dem Album – Białystok majn hejm (‚Białystok, meine Heimat / mein Zuhause‘; nicht zu verwechseln mit der klassi­schen Białystok-Hymne gleichen Namens) – wurde 1942 von einem jüdischen Flüchtling in Taschkent geschrieben. Durch die Distanz zu dem realen Vernichtungsgeschehen kann das Lied – in der Sehnsucht nach der verlorenen Heimat – noch einmal das alte, jüdisch geprägte Białystok auferstehen lassen. Das Zerstörungswerk der „Faschisten“ wird zwar erwähnt, jedoch der Idylle der alten Straßen und Häuser gegenübergestellt, nach denen der Sänger sich zurücksehnt „wie ein Kind, das seine Mutter vermisst“. Dieser „Mutter“ – und vielleicht auch seiner leiblichen Mutter, die er in Białystok zurückgelassen hat – verspricht er, dass er eines Tages zurückkehren und das zerstörte jü­dische Leben erneuern werde.
Das Besondere an Cichas Interpretation des Liedes ist es nun, dass sie diese unerfüllt gebliebene Hoffnung auf der Ebene der Musik einlöst. Denn Cicha trägt das Lied nicht so vor, wie es seinerzeit vielleicht ge­sungen worden wäre. Stattdessen baut sie zwar Elemente der jüdi­schen Klezmer-Musik in ihre Interpretation ein, verbindet diese je­doch mit modernem Ethno-Jazz. So wirkt die Musik nicht veraltet, sondern durchaus gegenwärtig – und gibt dadurch auch der jüdi­schen Kultur, von der sie zeugt, einen Platz im heutigen (wenigstens musikalischen) Alltag.
Diesem Prinzip folgt auch der Videoclip zu dem Lied. In Schwarz-Weiß gedreht, verweist er zwar darauf, dass das jüdische Leben, von dem das Lied handelt, größtenteils vernichtet worden ist. Gleichzeitig las­sen Cicha und der sie begleitende Bart Pałyga das jüdische Leben aber mit ihrer lebendigen Vortragsweise wiederauferstehen. Indem sie dabei musizierend durch die Straßen von Białystok ziehen, verbin­den sie die Musik – und damit auch die untergegangene Kultur – wie­der mit dem heutigen Alltag der Stadt. Gleichzeitig machen einge­blendete Bilder aus der Vergangenheit und Erinnerungssequenzen mit älteren Menschen deutlich, was durch das nationalsozialistische Vernichtungswerk verloren gegangen ist.

aus: Jidyszland / Yiddishland (2015)

Liedtext (polnisch)

Informationen zu dem Musikprojekt und zu Karolina Cicha auf cul­ture.pl

Übersetzung:

Białystok, meine Heimat (mein Zuhause)

Ich hab‘ die Hoffnung nicht verloren,
die Stadt wiederzusehen, in der ich geboren wurde,
mein Zuhause wiederzusehen, mein geliebtes Zuhause
aus Holz, Ziegeln und Lehm.
Sobald ich meine Augen schließe,
sehe ich die Galgen auf deinen Straßen,
Trümmer und Unrat. Die Faschisten haben dich zerstört,
meine geliebte Heimatstadt, oj,oj,oj.

Białystok, ich erinnere mich an jede Straße und an jedes Haus.
Białystok, ich vermisse dich, wie ein Kind seine Mutter vermisst.
Białystok, du bist mein schönster Traum.
Białystok, all meine Lieder handeln von dir.
Was ist mein größter Wunsch?
Ich möchte die heißen Tränen meiner Mutter trocknen.
Das ist mein Wunsch.
Białystok, du bist mein schönster Traum.
Wie gerne würde ich zu dir zurückkehren!
Białystok, jetzt wohne ich ganz in meinen Liedern über dich.

Durch das Straßenfenster
sehe ich das blasse Gesicht meiner Mutter.
Sie wartet auf meinen Trost,
sie wartet, und sie weiß,
dass sie erlöst werden wird.
Den schönsten Tag sehe ich kommen,
mit neuem Dach, Tür und Fenster,
den Tag der Befreiung, den Tag der Erneuerung,
an dem wir vor Freude weinen werden.

Białystok, ich erinnere mich …

 

Bild: Alte Postkarte; Die Synagoge von Białystok, 1920

 

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