Dominique A (Ané): La poésie

An einem Tag, an dem alle Welt über die große Politik redet – über die Hoffnung auf Europa und die Angst vor Europa, über die Volksherrschaft und die Herrschaft des Völkischen, über Führung und Verführung –, denke ich an etwas, das leider nicht zur Wahl steht: an die Poesie. Ich tue dies mit einem Chanson des großartigen Dominique A, das dieser im November 2016 geschrieben hat, zu Ehren des kurz zuvor verstorbenen Leonhard Cohen.

Dominique A (Ané): La poésie; aus: La fragilité (2018)

Liedtext

Übersetzung:

Die Poesie

Die Poesie ist fortgegangen.
Sie hat sich davongestohlen zu dir,
sich in dein Bett geschlichen
und dem Regen gelauscht
auf dem Dach.

Sie hatte uns nicht viel anzuvertrauen.
Es war nicht ihre Art, ihr Herz auszuschütten.
Nur ein paar Worte,
die sie auf deinem Schreibtisch hinterlassen hat,
hier und da ein paar Streichungen,
dann ist sie fortgegangen,
dann ist sie fortgegangen.

Wir haben ein paar Tage gebraucht,
um nicht mehr so blind und so taub zu sein
und zu empfinden,
dass die Luft ein wenig schwerer war
und unsere Schultern ein wenig mehr herabhingen –
und um uns bewusst zu werden,

dass sie, nachdem sie es so oft angekündigt hatte,
ihren Aufbruch tausend Mal verschoben hatte,
tatsächlich gegangen war;
dass sie den Mantel vom Haken genommen hatte,
wo er seit Jahrhunderten gehangen hatte;
dass sie tatsächlich fortgegangen war,
dass sie tatsächlich fortgegangen war.

Sind wir verlorene Kinder,
gefangen in einem Wald,
wo der Abend
sich weigert, uns loszulassen
und alle Macht
der Dunkelheit zu überlassen?

Über unsere verfahrene Geschichte
wacht der Vollmond,
damit wir in der viel zu dunklen Nacht
an der Schwelle eines Schlachthauses
den Fallen ausweichen können,
ohne ein Gedicht, um uns zu retten,
ohne ein Gedicht, um uns zu retten.

Ich weiß nicht, warum ich geglaubt habe,
dass sie nicht fortgehen könnte,
ohne bei dir vorbeizugehen,
bei dir und bei deinem Schreibtisch.
Ich habe die Streichungen gesehen,
die wenigen Worte,

die über meine Haut geglitten sind,
über dein Gesicht und über deine Hände,
im Rhythmus eines Herzens auf Abruf,
mit einem schwachen Puls,
mit einem schwachen Puls,
// den wir doch am Leben halten müssten. //

 

Bild: Christina Conti: Manuskript  (Fotolia)

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