Ilona Lay: Sisyphos

In einer dreiteiligen Reihe veröffentlichen wir ab heute einen kleinen dichterischen Streifzug von Ilona Lay durch die griechische Mythen- und Sagenwelt.

 

Sisyphos

Doch unaufhaltsam brandet zurück der Stein …
Vernichtet trauert er um den toten Traum,
bis er, den Schicksalsgöttern folgend,
neu in sein Sein des Versuchs sich findet.

Und stets am Anfang, Ameisen gleich, wenn sie
nur mühsam zwingen weiter die schwere Last,
ein Stern erscheint ihm, unerreichbar,
hinter den Wolken des Gipfels Glitzern.

Wohl steigt, wie Flüsse strömen dem Meere zu,
ob Strudel auch zuweilen im Kreis sie drehn
und Seitenärme sie entfremden
ihrer Bestimmung, hinan er stetig.

Entschlossen dringt er ein in des Zweifels Wald,
wo tausend Fragen schwirren, ein Wespenschwarm,
um ihn, und noch den schroffsten Felsen
stemmt er sich sehnsuchtsbewehrt entgegen.

So scheint es. Doch wo er eine Steilwand sah,
spann nur sein Netz der Nebel. Benommen spürt
den Stein er seiner Hand entgleiten.
Zitternd entzieht sich sein Geist dem Schicksal …

Da tut auf einmal weit sich der Himmel auf,
der Stein verflüchtigt sich, ein Komet im All,
die Zeit erstirbt, die Fragen funkeln
stumm im Geschmeide des Sternenmeeres …

Ein Kind der Erde, zieht es zurück den Stein.
Nur kurz betrauert er den verspielten Traum,
bis, allen Schicksalsmächten trotzend,
neu er sein Sein des Versuchs erfindet.

 

Bild: Franz Stuck (1863-1928): Sisyphos (1920). Galerie Ritthaler, München

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