Ein Winterlied von Walther von der Vogelweide

mit einer Vertonung von Qntal

©Photo. R.M.N. / R.-G. OjŽda

Der Winter, den wir heute in unseren Weihnachtsliedern als „winter wonderland“ verkitschen, war früher ein Synonym für Naturkatastrophen und Hungersnöte. Am naheliegendsten erscheint demnach eine Thematisierung des Winters, in der dieser mit einer lebensfeindlichen Umwelt assoziiert wird. Genau dies ist auch der Grundton in den meisten älteren Volksliedern, wie etwa in Ach, bittrer Winter oder Es ist ein Schnee gefallen. Dementsprechend wird in einem Wintergedicht Walthers von der Vogelweide (Diu werlt was gelf, rôt unde blâ), zu dem es eine schöne Vertonung der Gruppe Qntal (unter dem Titel Winter) gibt, der Schnee nur von den „Toren“ bestaunt, während die „arme[n] Leute“ auf den Einbruch des Winters mit Wehklagen reagieren.

 

 Walther von der Vogelweide: Diu werlt was gelf, rôt unde blâ

Text (mittelhochdeutsches Original)

Übertragung ins Neuhochdeutsche (Dieter Hoffmann/Rotherbaron) *

Hell leuchtete die Welt, gelb, rot und blau,
der Wald trug ein grünes Kleid, wie vieles andere auch,
die kleinen Vögel sangen ihre Lieder.
Doch nun schreit nur die Nebelkrähe.
Hat nicht auch die Farbe sich verändert? Aber ja!
Die Welt ist bleich geworden, bleich und grau,
und malt uns Sorgenfalten auf die Stirn.

Ich saß auf einem grünen Hügel,
da sprossen Blumen und Klee
zwischen mir und einem See.
Das war so herrlich anzusehn.
Wo wir uns Blumenkränze gebunden haben,
da ist nun alles von Raureif und Schnee überzogen,
den kleinen Vögelchen zum Leid.

Die Toren rufen: „Lass es doch schneien!“
Arme Leute aber: „O weh! O weh!“
So drückt auch mich eine bleierne Schwermut nieder,
der Winterkummer lastet schwer auf mir.
Doch wie auch immer diese und andere Sorgen aussehen,
ich würde ihrer rasch ledig werden,
wenn es nur endlich wieder Sommer wär‘,

Um nicht länger so leben zu müssen,
wollt‘ ich schon rohe Krebse essen.
Sommer, mach uns wieder froh!
Du schmückst Wiese und Wald.
Dort spielt‘ ich mit den Blumen,
mein Herz schwebte hoch in der Sonne –
nun hat’s der Winter ins Stroh gejagt.

Vom vielen Liegen bin ich wund wie Esau**,
mein glattes Haar ist ganz struppig geworden.
Süßer Sommer, wo bist du nur hin?
Wie gerne säh‘ ich bei der Feldarbeit dir zu!
Wenn diese Schwermut mich noch lange
in ihren Fängen hält, möchte ich lieber
Mönch sein in Doberlug.***

*     Die besondere Musikalität des Gedichts drückt sich u.a. darin aus, dass die Reime jeder Strophe im mittelhochdeutschen Original jeweils auf einen anderen Vokal enden. Eine analoge Übertragung ins Neuhochdeutsche droht allerdings die poetische Kraft des Textes zu schmälern. Ich habe mich hierbei daher stärker auf die semantische Ebene konzentriert.
**     Esau: Esau bedeutet wörtlich „der Behaarte, der Struppige“. Laut Altem Testament war sein ganzer Leib „rötlich“ und wie ein einziger „härener Mantel“ – was gut zu der von Walther beschriebenen winterlichen Verwahrlosung passt (vgl. bibelkommentare.de)
***   Doberlug: Gemeint ist das 1165 gegründete Zisterzienserkloster Dobraluh (Dobrilugk), heute Doberlug-Kirchhain (Brandenburg). Indem die Abgeschiedenheit der Klostermauern – das Gegenteil des idealen Lebens für einen lebensfrohen Minnesänger – hier als möglicher Zufluchtsort erscheint, wird die empfundene Trostlosigkeit zusätzlich betont.

Qntal / Walther von der Vogelweide: Winter

aus: Qntal V: Silver Swan (2006); Lied umfasst die ersten drei Gedichtstrophen

 

Weitere Texte, Lieder und Übersetzungen zum Thema Winter:

Musikalische Winterreise 1

Musikalische Winterreise 2

Musikalische Winterreise 3

Bildnachweis: „Februar“ aus dem Stundenbuch des Duc de Berry, 15. Jhd. ©Photo. R.M.N. / R.-G. OjŽda

3 Antworten auf „Ein Winterlied von Walther von der Vogelweide

  1. Ulrike Sokul

    Werter Baron,
    dies Lied ist wahrlich eine feinfeine Entdeckung für mich!
    Lieben Dank für die schöne poetische und musikalische Inspiration und die Übersetzung.
    Herzensgruß zum Jahresausklang von mir an Dich
    ❄ 💫 🎶 ❄ 💫
    Ulrike von Leselebenszeichen

    Gefällt 1 Person

      1. Ulrike Sokul

        Dank für Deinen Dank! 🎵
        Gerade lausche ich diesem Lied in Endlosschleife, anstatt an meiner Buchbesprechung über „Das geheime Netzwerk der Natur“ weiterzuschreiben …
        Und die CD „Silver Swan“ von Qntal steht schon auf meiner Geburtstagswunschliste. 🙂
        Auf Wiederlesen!

        Gefällt 1 Person

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