Eisiger Morgen

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Es war so bitterkalt in der Welt, dass Gott sich gleich nach dem Aufstehen wieder hingelegt hatte. Sofort verbreitete der Eiswind, der alles sah und nichts hörte, die Kunde von seinem Schlaf. Mit verzweifelter Wut schwang er sein Zepter, heulend rüttelte er an den Türen und stäubte haltlos durch die Straßen. Die Stöße seines Atems trafen dich mit solcher Wucht, dass du meintest, das Herz würde dir in der Brust gefrieren.

So hast du alle Kraft zusammengenommen und dich auf den Weg gemacht, um nach Gott zu suchen. Die finstersten Schluchten hast du durchkämmt, die abgelegensten Gebirgshöhen erklommen, die ausgedörrtesten Steppen durchschritten, die verruchtesten Winkel der Städte durchstöbert.

Und dann, endlich, hast du ihn gefunden. Gott lag zusammengekauert in einem Hinterhof, in einer Mulde zwischen zwei Mülltonnen, und hatte sich mit mehreren Lagen Wellpappe zugedeckt. Sein Atem ging regelmäßig, doch war sein Körper so steif gefroren, dass du fürchtetest, er könnte auseinanderbrechen, sobald du ihn berühren würdest.

Da musstest du einsehen, was du insgeheim schon die ganze Zeit über geahnt hattest: Nur der Frühlingswind konnte helfen, auf ihn musstest du warten, er war deine einzige Hoffnung. Denn nur er würde jene gleichmäßig-innige Wärme abgeben, die nötig war, um Gott aufzutauen. Aber konnte es denn Frühling werden, solange Gott schlief?

 

Bildnachweis: Wendalinuskapelle in St. Wendel, Winter 2014. privat

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