Eine literarische Reise mit Ilka Hoffmanns Tagebuch eines Schattenlosen/10
Das enge Zusammenleben der Menschen in der Zukunftsstadt, in die es Theo verschlagen hat, bieten ideale Voraussetzungen für die Ausbreitung von Krankheitserregern. Entsprechend streng werden sie bekämpft.
Worum es geht
In dem dreiteiligen Tagebuchroman erzählt Theo C. von dem Abenteuerlabyrinth, in das er nach dem Verlust seines Schattens hineingerät. Ein mysteriöser Händler versucht, ihm einen neuen Schatten zu verkaufen, er gerät an einen obskuren Geheimbund von Schattenlosen und wird schließlich quer durch die Zeit katapultiert.
Leseprobe: Ein Notfall
Meine „Arbeit“ hier besteht im Wesentlichen darin, über eine breite Bildschirmwand ein bestimmtes Segment des großen, flutlichtbeschienenen Platzes zwischen den Hochhäusern zu beobachten. Wozu das geschieht, entzieht sich meiner Kenntnis. Um andere nach dem Sinn dieser Tätigkeit zu fragen, fehlen mir die Sprachkenntnisse.
So richtete ich mich bereits darauf ein, erneut in einem zähen Zeitstrom, einer scheinbar endlosen Kette ereignisloser Augenblicke, zu versinken. Da fiel mein Blick plötzlich auf eine Gestalt, die mit vornübergebeugtem Oberkörper über den Platz schwankte.
Die Mühe, die ihr jeder Schritt bereitete, war der Person deutlich anzumerken. Mit ihren vor den Bauch gepressten Armen schien sie unter starken Schmerzen zu leiden. Sie stolperte noch ein paar Schritte weiter, dann fiel sie zu Boden und blieb dort mit schmerzverzerrtem, zur Seite geneigtem Gesicht liegen.
In seiner Dreidimensionalität wirkte das Beobachtungsbild so real, dass ich im ersten Augenblick nach vorne springen und dem Gestürzten zu Hilfe eilen wollte. Fast gleichzeitig leuchtete jedoch in der rechten unteren Ecke des Bildschirms ein Alarmsignal auf. Offensichtlich stand es in unmittelbarem Zusammenhang mit dem Geschehen.
Froh, irgendetwas tun zu können, berührte ich ohne zu zögern die Stelle mit dem Alarmsignal. Instinktiv ging ich davon aus, dass ich dadurch so etwas wie die Erste Hilfe aktivieren könnte.
Es dauerte nur wenige Sekunden, da landeten auch schon zwei Flugsanitäter neben der Person, die sich noch immer vor Schmerzen krümmte. Sie trugen beide eine Art Schutzkleidung, die sich deutlich von den sonstigen grau-metallischen Fluganzügen unterschied. Sie war dicker und heller als diese und zudem fest mit einem den ganzen Kopf umschließenden Helm verbunden, in den vorne ein Atmungsfilter eingefügt war.
Geschäftig beugten sich die vermummten Gestalten über den Gestrauchelten. Einer hielt ihn fest, während der andere etwas aus seiner Anzugtasche nestelte, das aussah wie eine Spritze. Nachdem er den Ärmel des Gummianzugs hochgeschoben hatte, drückte er das spritzenähnliche Gerät in die Vene des Kranken.
Der Festgehaltene zappelte die ganze Zeit über heftig. Ob dies von seinen Krämpfen herrührte oder ob er sich gegen die Behandlung wehrte, konnte ich nicht erkennen. Allerdings ließ seine Gegenwehr unter der Wirkung der Spritze rasch nach.
Kurz darauf ließen die beiden Flugmenschen von dem Kranken ab. Sie warteten einen Moment, bis er sich nicht mehr rührte. Dann holte einer von ihnen aus einer Tasche, die seitlich an dem Schutzanzug angebracht war, einen der Länge nach mit einem Reißverschluss versehenen Kunststoffsack heraus. Darin verstauten die beiden das Opfer ihrer Behandlung und flogen dann mit ihm fort aus dem Segment des Platzes, das ich auf dem Monitor einsehen konnte.
Minutenlang saß ich wie versteinert da. Totgespritzt, dachte es in mir, sie haben ihn totgespritzt! Gleichzeitig wehrte sich alles in mir gegen diese Deutung.
War es nicht möglich, dass der Schüler nur betäubt worden war? Bestand der Kunststoffsack, in den die Flugsanitäter ihn gesteckt hatten, vielleicht aus einem atmungsaktiven Material, das Sauerstoff in den Sack hineinließ? War das Ganze womöglich nur die hiesige Form der Quarantäne? Sollte lediglich verhindert werden, dass die Krankheitserreger sich ausbreiteten?
Aber im Grunde wusste ich von Anfang an, dass ich mir mit diesen Spekulationen nur etwas vormachte. Das Geschehen war zu eindeutig gewesen, als dass ich es hätte falsch verstehen können.
Podcast, Teil III:
Episode 4:
Theo findet immer mehr über den Aufbau der Siedlung, in der er gelandet ist, und den Lebensrhythmus der Menschen in der Zukunft heraus. Das Leben erscheint ihm zwar ein wenig monoton, zugleich aber auch friedlicher als in seiner „Heimat-Zeit“.
Episode 5:
Theo muss seinen Eindruck, dass es in der Zukunft friedlicher zugeht als in seiner ehemaligen Gegenwart, revidieren. Unter der Oberfläche des gleichförmigen Alltags scheint auch in seiner neuen Gegenwart ein Abgrund von Unfrieden zu lauern.
Interview mit Ilka Hoffmann (PDF, S. 20 – 26)
Bild: Pete Linforth (TheDigitalArtist): Gasmaske (Pixabay)