Eine ganz spezielle Messe

Eine literarische Reise mit Ilka Hoffmanns Tagebuch eines Schattenlosen/7

Zweimal im Jahr – jeweils zur Tagundnachtgleiche – findet bei den Dunkelmännern eine ganz spezielle Messe statt. Was dort passiert, ist so eigentümlich, dass niemand sich zutraut, es in Worte zu fassen.

Worum es geht

In dem dreiteiligen Tagebuchroman erzählt Theo C. von dem Abenteuerlabyrinth, in das er nach dem Verlust seines Schattens hineingerät. Ein mysteriöser Händler versucht, ihm einen neuen Schatten zu verkaufen, er gerät an einen obskuren Geheimbund von Schattenlosen und wird schließlich quer durch die Zeit katapultiert.

Leseprobe: Anbetung des weisesten und schönsten der Engel

Die Stille, die auf seine Predigt gefolgt war, beendete George nach einer Weile mit den rituellen Worten: „Lasset uns beten!“

Wie alle anderen kniete daraufhin auch ich mich nieder und fal­tete, in Erwartung der priesterlichen Zwiespra­che mit Gott, die Hände. Gleich bei den ersten Worten, die George sprach, zuckte ich jedoch heftig zusammen. Denn das Gebet, dessen gleichmä­ßig-weihevoller Strom jetzt den Raum erfüllte, offenbarte mir mit einem Mal den Sinn dieser Versammlung. Anscheinend war ich, so durchfuhr es mich, doch mit zu großer Naivität an die Messe herangegangen.

George verließ nun die Kanzel und deklamierte, sich aufrecht vor uns hinstellend: „Ehre und Lobpreis sei dir, Satan, du weisester und schöns­ter der Engel, du Fürst des Exils und Zu­flucht der Verbannten! Du, der du mit dem Tod, deiner alten und starken Geliebten, die Hoffnung zeugst, schillernder König der unterirdischen Dinge, vertrauter Heiler der menschlichen Ängste, wir bitten dich: Lass unsere Seele eines Tages unter dem Baum der Erkenntnis bei dir sich ausruhen, wenn über deiner Stirn seine Zweige wie ein neuer Tempel sich ausbreiten werden!“

In die Schlussworte des Gebets, die anscheinend einer vorgege­benen Formel folgten, stimmte die Gemeinde in monotonem Ge­murmel ein: „O Satan, erbarme dich unseres langen Elends!“

Ich verspürte den heftigen Impuls, wegzulaufen, irgend­wohin, nur fort von diesem Ort, an den mich – wie ich jetzt wieder dachte – offenbar ein paar Verrückte verschleppt hatten. Dass ich dem Impuls nicht nachgegeben habe, lag wohl in erster Linie an meiner Angst vor dem, was auf mei­nen Fluchtversuch gefolgt wäre.

Außerdem aber war ich trotz allem neugierig auf den Fortgang dieser merkwürdigen Messe. Ich beruhigte mich damit, dass we­der die Predigt noch das von George gesprochene Gebet so recht zu meiner Vorstellung von Schwarzen Messen passten. Wahr­scheinlich handelte es sich, so sagte ich mir, bei der Satansanbe­tung um etwas rein Äußerliches – eine seltene Art von Abbitte oder irgendein frühchristliches Ritual, das George in seiner Vor­liebe für Exzentrisches wieder ausgegraben hatte.

Podcast, Teil II:

Episode 5: 

Gesprächsthemen bei den Dunkelmännern: Wie hast du eigentlich deinen Schatten verloren? Wozu gibt es überhaupt Schatten? Und: Wie hängen der Schatten und „das Böse“ miteinander zusammen?

Episode 6:

Die große Jahresmesse verläuft in der Tat ganz anders, als Theo gedacht hätte. Die Anbetung des Satans mündet eher in eine ganz besondere Feier der Gemeinschaft.

Buch

Interview mit Ilka Hoffmann (PDF, S. 20 – 26)

Bild: Dorothe Wouters (Darkmoon_Art): Phantasie-Tor (Pixabay)

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