Der russische Dichter und Singer-Songwriter Boris Grebenschtschikow/9
Über den Song Голубой огонёк (Golubój ogonjók: Blauer Lichtschein)
Golubój ogonjók (Blauer Lichtschein) – so heißt in Russland eine traditionsreiche Silvestershow. In einem gleichnamigen Song von Boris Grebenschtschikow wird daraus eine Blaulichtfahrt des Todes.
Blaulicht
Finster heult über den Brücken der Wind,
Aschestaub legt schwarz sich auf die Wege.
Fremde starren mit glühendem Wolfsblick mich an –
bin auch ich nur ein Wolf unter Wölfen?
Mein Leben holpert über ein Draisinengleis,
gestutzt sind seine Schmetterlingsflügel.
Mit Blaulicht rast mein Tod auf mich zu
in einer schwarzen Limousine.
Tadelt mich nicht für meinen Übermut
und die Narben des Scheiterns in meinem Gesicht.
Auch ich würde gerne zum Zaren mich krönen
oder durch Hochzeit mir ein Zarenreich erschaffen.
Aber das Schicksal kann man nicht im Laden kaufen
und den Schicksalsdrachen nicht verjagen
wie ein Märchenheld. So rast mein Tod mit Blaulicht
auf mich zu in einer schwarzen Limousine.
Meine Geburt, mein Leben, meine Fremdheit
in der Welt – nichts von alledem bereue ich.
Doch gnade Gott dem Schöpfer dieses Irrsinns,
sollte der Zufall ihn in meine Arme treiben!
Aber wozu klagen auf dem Gipfel, wenn nichts bleibt
als der barfüßige Abstieg ins Tal?
Mit Blaulicht rast mein Tod auf mich zu
in einer schwarzen Limousine.
Boris Grebenschtschikow (Борис Гребенщиков) mit der Band Aquarium(Аквариум): Голубой огонёк (Golubój ogonjók: Blauer Lichtschein) Aus: Навигатор (Navigator; 1995)
Live-Aufnahme aus dem Jahr 1995:
Eine traditionsreiche Silvestershow
Голубой oгонёк на Шаболовке (Golubój ogonjók na Schábolowkje: Blauer Lichtschein am Schabolowka-Turm) – unter diesem Titel wird jedes Jahr am Silvesterabend eine große Unterhaltungsshow im russischen Staatsfernsehen ausgestrahlt. Der Name bezieht sich auf einen markanten, 1922 errichteten Sendemast in der Schabolowka-Straße, der auch nach seinem Erbauer, Wladímir Schúchow (1853 – 1939), benannt wird. Der „blaue Lichtschein“ erinnert an das Flimmerlicht der früheren Fernseher.
Das Ursprungsformat der Sendung stammt aus dem Jahr 1962. Damals wurde die Sendung jeden Samstag in der Stunde vor Mitternacht ausgestrahlt und richtete sich mit ihrer vergleichsweise lockeren Atmosphäre und an Tischen sitzenden Gästen vor allem an ein jugendliches Publikum.
Mit der Reduzierung der Ausstrahlungstermine auf hohe sowjetische Feiertage (Frauentag, Tag der Arbeit und Neujahr) gewann das Format an Bedeutung und wurde mehr und mehr zu einem nationalen Ereignis, an dem die prominenten Studiogäste sich mit dem Volk um das Fernseh-Lagerfeuer versammelten. Die größte Bedeutung kam dabei der Sendung zum Jahreswechsel zu.
Nach einer zehnjährigen Unterbrechung wird die Sendung seit 1999 wieder als Silvestershow ausgestrahlt. 2024 dauerte sie über vier Stunden.
Melancholischer Rückblick statt euphorischer Ausblick
Angesichts der nationalen Bedeutung und des legendären Charakters der unter dem Titel „Golubój ogonjók“ firmierenden Sendung muss ein so benannter Song bestimmte Erwartungen wecken. In Russland denken dabei – und dachten auch bei der Veröffentlichung des Songs im Jahr 1995 – viele zwangsläufig an Silvesterpartys, ausgelassene Stimmung, Tanz, Feuerwerk und die freudige Erwartung des neuen Jahres.
Umso stärker fällt der Kontrast zu diesen Erwartungen ins Gewicht, den der Song von Grebenschtschikow und seiner Band Aquarium dazu kreiert. Statt auf buntes Feuerwerk wird der Blick hier auf die rußgeschwärzten Straßen gelenkt, statt kuschliger Partywärme steht der unwirtliche Winterwind im Vordergrund. Und an die Stelle der Verbrüderung im Wodkarausch tritt eine Atmosphäre der allgemeinen Feindseligkeit, in der ein Mensch des anderen Wolf ist.
Hinzu kommt, dass der Song die für den Silvesterabend übliche Blickrichtung umdreht. Er ist nicht von Hoffnung auf das Neue, sondern von Trauer über das Verlorene geprägt: Die Hälfte bzw. der „Gipfel“ des Lebens ist bereits erreicht, im neuen Jahr kann es also nur noch abwärts gehen.
Der melancholische Aus- und Rückblick mündet in dem Song in eine allgemein resignative Haltung gegenüber dem Leben. Sie ist geprägt von der Einsicht, an der „conditio humana“ nichts Grundlegendes ändern zu können. Das persönliche Scheitern des Ichs in dem Song verweist so auf den Schiffbruch, den jedes menschliche Wesen aufgrund des ihm in die Wiege gelegten Todeskeims letztlich erleiden muss.
Unmittelbare Verbindung von „Memento mori“ und „Carpe diem“
Der Song begegnet diesem unausweichlichen Schicksal zum einen mit einer galgenhumorigen Verdrehung des über den Menschen verhängten Urteilsspruchs: Bei einer zufälligen Begegnung mit dem Erfinder dieser Form von Existenz müsse dieser damit rechnen, dass Gleiches mit Gleichem vergolten, er also ebenfalls den Tod finden werde. Zum anderen spiegelt das Lied die „condition humaine“ jedoch auch durch eine makabre Umdeutung des Golubój ogonjók und des mit ihm verbundenen Silvesterrauschs wider.
Eben dies drückt die zentrale Metapher des Songs aus: das Bild des mit Blaulicht fahrenden, also mit großer Geschwindigkeit auf einen zurasenden Todes. Zwar wird das Blaulicht der Polizeiautos und Krankenwagen im Russischen als „migálka“ bezeichnet, und für die blaue Farbe wird hier das Adjektiv „sinij“ verwendet – „golubój“ steht eher für das freundliche Azur- oder Himmelblau. Dennoch entsteht durch das Bild des in einem „schwarzen Auto“ – also wohl in einem Leichenwagen – fahrenden Todes in Verbindung mit blauem Licht eine assoziative Nähe zum Bedeutungsfeld Krankheit/Krankenhaus.
Der makabre Charakter dieses Bildes ergibt sich aus der Umkehrung dessen, was für gewöhnlich mit der Vorstellung eines mit Blaulicht fahrenden Krankenwagens verbunden wird: Es geht hier nicht um die Rettung, sondern um die endgültige Vernichtung des Ichs.
Der Text erzielt seine Wirkung gerade durch die unmittelbare Verknüpfung von „Memento mori“ und „Carpe diem“. Das Todesgedenken fällt mitten in die rauschhafte Feier des Augenblicks, wie sie durch die Silvestershow des Golubój ogonjók symbolisiert wird.
Das Mit- und Ineinander von Tod und Leben, Trauer um das Vergangene und Zukunftseuphorie findet seinen Ausdruck dabei auch in der kontrapunktischen Gegenüberstellung von Musik und Text: Die schwungvollen Akkordeonklänge stehen im Gegensatz zu dem reflexiv-melancholischen Text. Die Eigenart des Todes, den Menschen zu jeder Zeit und oft scheinbar überfallartig aus dem Leben reißen zu können, wird so kongenial nachgezeichnet.
Bild: Denis Fomin: Geheimnisvolles Portal auf einer nächtlichen Straße (Pixabay)