Das helle und das dunkle Auge Gottes

Der russische Dichter und Singer-Songwriter Boris Grebenschtschikow/8

Zu Boris Grebenschtschikows Song Навигатор (Navigator)

In seinem Song Navigátor stellt Boris Grebenschtschikow die angemaßte Allmacht eines totalitären Staates der göttlichen Allmacht gegenüber. Zur Zeit der untergehenden Sowjetunion entstanden, ist das Lied im heutigen russischen Geheimdienststaat von ungebrochener Aktualität.

Navigator

Mit einer Armbrust in den Händen,
zwischen den Zähnen ein Samuraischwert,
schwebe ich unerkannt in der Metro,
mitten unter euch, den Ahnungslosen.

Manchmal verbirgt mich eine virtuelle Rüstung,
meist aber gleite ich frei durch euch hindurch,
ein Dieb, der in der Nacht sein dunkles Licht
durch helle und finstere Himmel wirft.

Die dunklen Heiligen auf den Ikonen
umwehe ich als unsichtbare Regung,
die Fernsehnachrichten durchkreuze ich
als eine Grenze, hinter der ein Abgrund gähnt.

Für jene aber, die die Nacht durchwandern,
bin ich ein undeutbarer Sternenstrudel,
ein letzter Leuchtturm zwischen Wellentürmen
für die, die um ihr ewiges Verlorensein wissen.

Steuermann, sing ein paar Lieder für mich!
Noch eine letzte Schleife, dann werde ich
zum Abschied meine Liebste an mich drücken.
Ich werde sicher wiederkommen – bis dahin

warte auf mich an den Toren des Glücks!
Den Schwertbewehrten aber werde ich
mit weit geöffneten Armen ein leises
"Shalom, Lehitraot"1 entgegenbeten.

Einstweilen müssen wir uns bescheiden
mit dem, was der Krieg uns an Leben lässt.2
So harren wir seit Anbeginn der Zeiten
an der Schwelle des Reichs uns'rer Träume aus.

Das Kloster unseres Geistes umfängt uns
mit himmlischer Ruhe, aber der Ewige Krieger
zwingt uns in sein höllisches Gefolge.
Durch sein Infrarotvisier verfolgt er unser Tun
und lenkt es mit seinen OMON-Brigaden.3

Steuermann, sing ein paar Lieder für mich …

Boris Grebenschtschikow (Борис Гребенщиков) mit der Band Aquarium(Аквариум): Навигатор (Navigátor) Aus dem gleichnamigen, 1995 erschienenen Album

2)      Was der Krieg uns an Leben lässt: Das Original verwendet hier die französische Wendung „à la guerre comme à la guerre“. Sie verweist auf eine Situation der Not und Knappheit, in der man sich wie im Krieg mit dem Wenigen bescheiden muss, was einem zum Leben bleibt.

3)      OMON: Abkürzung für Otrjád Mobílnyj Ossóbowo Nasnatschénija (Отряд Мобильный Оссобово Назначения: Mobile Einheit besonderer Bestimmung); Ende der 1980er Jahre aus einer Antiterrorgruppe des sowjetischen Innenministeriums hervorgegangene Spezialtruppe der Nationalgarde. Anfangs zur Bekämpfung von Unabhängigkeitsbestrebungen in den sowjetischen Teilrepubliken eingesetzt, wird sie seit dem Zerfall der Sowjetunion schwerpunktmäßig zur Niederschlagung innerrussischer Proteste genutzt.

Live-Aufnahme aus dem Jahr 1997 (ganzes Album; Song beginnt bei 1:08):

Albumfassung

Zwei Arten unsichtbarer Mächte

Navigator ist eines jener Lieder, das einen für nicht wenige „BG“-Songs typischen Kontrast aufweist: Die Musik hat – mit ihrer Kombination aus Klarinetten-, Querflöten-, Violinen- und Gitarrenklängen, die in der Albumfassung durch ein einleitendes Harfensolo ergänzt werden – Ohrwurm-Charakter, der Text ist jedoch alles andere als eingängig. Er verlangt genaues Hinhören und Nachlesen und erschließt sich in seinem komplexen Sinngehalt erst durch die Verweise der einzelnen Textbausteine aufeinander.

Das Lied zeichnet zu Beginn zunächst eine Situation, die von dem Gefühl einer unterschwelligen Bedrohung geprägt ist: Jemand erzählt davon, wie er mit archaischen Waffen – einer Armbrust und einem Samuraischwert – in der Metro fährt. Dabei bleibt er für die anderen offenbar auch dann unsichtbar, wenn er sich ohne seine „virtuelle Rüstung“ durch sie hindurchbewegt. Er bezeichnet sich selbst als Dieb, wobei es sich bei ihm allerdings kaum um einen Taschendieb handeln kann, wie er in einer überfüllten Metro zu erwarten wäre – dafür sind die mitgeführten Waffen viel zu martialisch.

Unvermittelt geht der Text dann jedoch in die religiöse Sphäre über. Nun beschreibt sich das Ich als Kraft, aus der die Ikonen ihre geheime Bewegung schöpfen, und als Leuchtturm für die Verlorenen. Außerdem stellt es sich als Wesensgrund dem wesenlosen Gemurmel der Fernsehnachrichten gegenüber.

Demnach haben wir es hier also anscheinend mit zwei unterschiedlichen Inkarnationen höherer Mächte zu tun – worauf auch das auf dem Cover des (nach dem Song benannten) Albums abgebildete göttliche Auge hindeutet. Dabei handelt es sich im einen Fall um eine dunkle, feindliche und im anderen Fall um eine helle, Hoffnung gebende Kraft. Beide sind jedoch durch ihren den Alltag der Menschen transzendierenden Charakter und ihr unterschwelliges, im täglichen Leben nicht unmittelbar sichtbares Wirken miteinander verbunden.

Ein mysteriöser Steuermann

Im Refrain tritt dann wieder ein anderes Ich in Erscheinung. Dieses verfügt selbst offenbar nicht über übermenschliche Kräfte, sondern ist seinerseits auf die Lenkung seines Lebens durch einen „Steuermann“ angewiesen. Dessen Schiff ankert vor den „Toren des Glücks“, garantiert dem Ich also ein von innerem und äußerem Frieden geprägtes Leben.

Eben diesen Hafen des Glücks muss das Ich allerdings verlassen. Die Gründe dafür bleiben im Dunkeln. Anscheinend geht es dabei aber um von anderen ausgeübte Gewalt, der das Ich sich durch einen beschwörenden Friedensgruß zu entziehen versucht.

Ob es sich bei dem Steuermann um dasselbe Wesen handelt, das sich zuvor als Inkarnation einer überirdischen Hoffnung zu erkennen gegeben hat, bleibt offen. Denkbar wäre auch, dass der „Navigator“ lediglich ein Medium ist, ein Wegweiser auf dem Pfad zum Reich des Friedens. Dabei kann es sich sowohl um eine reale Person als auch um eine andere Form der Manifestation des Geistigen handeln, wie etwa bestimmte Texte oder religiöse Rituale.

Unüberschreitbare Schwelle zum Reich des Friedens

Im Anschluss an den Refrain wird aus dem „Ich“ ein „Wir“. Dies deutet auf eine zuspitzende Zusammenfassung und Verallgemeinerung der Aussage hin.

In der Tat erfährt die anfängliche Gegenüberstellung von „dunkler“ und „heller“ Macht nun eine Spezifizierung. Wie in einem Kanon, auf den der in einem solchen zu findende jüdische Friedensgruß im Refrain anspielt, werden die Auswirkungen beider Mächte einander unmittelbar gegenübergestellt.

Auf der einen Seite steht die „klösterliche Ruhe“ innerer Versenkung, auf der anderen Seite der von dem Ewigen Krieger bzw. „Obersten Kriegsherrn“ in die Welt gebrachte Unfrieden. Dadurch steht den Menschen zwar stets das utopische, seit „Anbeginn der Zeiten“ erträumte Reich vollkommenen Friedens vor Augen. Die Schwelle zu diesem Traumreich können sie jedoch so lange nicht überschreiten, wie der (Un-)Geist der Zwietracht und des Krieges den Weg dorthin verdunkelt.

Der Staat als Dieb des Privaten

Das Lied bleibt nun allerdings nicht bei der abstrakten Gegenüberstellung dunkler und heller Mächte stehen. Durch die Erwähnung der OMON – jener Spezialeinheit der russischen Nationalgarde, die für ihre Niederschlagung von Freiheitsbestrebungen im In- und Ausland bekannt ist – erfährt der dunkle Machtpol vielmehr eine sowohl auf die frühere sowjetische als auch auf die heutige russische Gesellschaft beziehbare Konkretisierung.

Die OMON ist dabei ihrerseits nur ein Symbol für einen repressiven Staat, der nach einer möglichst lückenlosen Überwachung der in ihm lebenden Menschen trachtet. Dadurch wird auch klar, woher die zu Beginn des Liedes angedeutete unterschwellige Bedrohung rührt.

Im gegebenen Kontext lässt sich diese Bedrohung auf das Gefühl einer ebenso allgegenwärtigen wie unsichtbaren Überwachung zurückführen. Denn angesichts der für totalitäre Staaten charakteristischen Denunziationspraxis kann beim Aufeinandertreffen mehrerer Menschen – wie in einer Metro – nie eindeutig festgestellt werden, die Augen und Ohren welcher Fahrgäste dem Staat gerade als Abhörwerkzeug dienen.

Auch lässt sich nun genauer bestimmen, worauf es der in dem Zusammenhang erwähnte Dieb abgesehen hat. Was er stiehlt, sind offenbar keine materiellen Wertgegenstände, sondern intime Geheimnisse und private Bekenntnisse – wodurch er die Menschen letztlich ihrer persönlichen Freiheit beraubt.

Ein surreales Porträt des Überwachungsstaates

Dass die Repräsentanten des Überwachungsstaates mit Armbrust und Samuraischwert bewaffnet sind, führt ihren archaisch-anachronistischen Charakter und damit ihre faktische Lächerlichkeit vor Augen. Dies macht sie allerdings nur noch bedrohlicher, da auf diese Weise ihre tödliche Heimtücke kaschiert wird – was dazu verleiten kann, ihr Gewaltpotenzial zu unterschätzen.

Mit dieser Form der gleichzeitig ironisierenden und dekonstruierenden Darstellung der dunklen Macht des Überwachungsstaates steht Grebenschtschikow in der Tradition der von Michaíl Bulgákow (Михаил Булгаков) in seinem Roman Mastjer i Margarita (Мастер и Маргарита: Der Meister und Margarita) entworfenen surrealen Welten. Wie das Ich zu Beginn von Grebenschtschikows Lied stolz auf sein unsichtbar-unauffälliges Agieren verweist, verschwindet auch der Teufel in Bulgakows zwischen 1928 und 1940 geschriebenem Roman unter der Tarnkappe einer bürgerlichen Erscheinung.

Gleichzeitig ist Bulgakows Teufel ein Meister der dunklen Magie – mit der er Menschen ebenso verschwinden lässt, wie es bis heute im russischen Geheimdienststaat mit jenen geschieht, die sich der Staatsmacht widersetzen. Auf eben diese Gefahr verweist auch das Lied von Grebenschtschikow. Die im Refrain angedeutete Flucht ist offenbar eine Reaktion auf die Gefahr, die jenen droht, die sich nicht in das Gefolge des Höllenfürsten auf dem Thron einzureihen gewillt sind.

Bild: Amye Petersen: Auge vor Landschaft mit Bäumen (Pixabay)

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