Tagebuch eines Schattenlosen/2
Theo erhält Besuch von einem Vertreter der Firma „Shadow Colours“. Dieser möchte ihn zum Kauf eines neuen Schattens überreden.
Worum es geht
In dem dreiteiligen Tagebuchroman erzählt Theo C. von dem Abenteuerlabyrinth, in das er nach dem Verlust seines Schattens hineingerät. Ein mysteriöser Händler versucht, ihm einen neuen Schatten zu verkaufen, er gerät an einen obskuren Geheimbund von Schattenlosen und wird schließlich quer durch die Zeit katapultiert.
Leseprobe: Verkaufsgespräch mit dem Schattenhändler
Der Schattenhändler wandte sich dem Prospekt zu, den er vor sich auf den Tisch gelegt hatte, und wies auf den Schattenriss links oben auf der Seite: „Sehen Sie, das hier ist zum Beispiel unser Modell Classic – die Standardausführung, wenn Sie so wollen. Aber auch hier haben Sie selbstverständlich die Garantie, dass wir Ihnen den Schatten individuell anpassen und auf Ihre persönlichen Bedürfnisse abstimmen.“
Ich sah ihn ungläubig an: „Sie wollen mir einen künstlichen Schatten verkaufen?“
„Nun ja – ‚künstlich‘ ist hier wohl kaum das passende Wort“, korrigierte er mich. „Sehen Sie, ‚künstlich‘ klingt ein bisschen nach ‚unecht‘, und das lässt sich von unseren Modellen nun beim besten Willen nicht behaupten. Eher sind sie wie eine zweite Haut. Der Vorgang der Schattenadhäsion funktioniert ähnlich wie eine Organtransplantation – der Körper muss das fremde Organ als eigenes annehmen, sonst scheitert das ganze Projekt.“
Jetzt hatte er mich doch neugierig gemacht. „Und … was würde mir das Modell Classic konkret bieten?“ fragte ich nach.
Der Schattenhändler zuckte kaum merklich mit den Augen – wie ein Löwe, der ein verfolgtes Beutetier stolpern sieht. Er rückte ein wenig näher und erklärte aufgeräumt: „Das Modell Classic bietet seinem Besitzer alles, was ihm sein angeborener Schatten auch geboten hat: Dieser Schatten ist das perfekte Double seines Herrn. Er reagiert auf all seine Regungen, ordnet ihn bei Bedarf in das Meer der anderen Schatten ein, setzt ihn zu diesen in Beziehung, wo es nötig ist, eilt manchmal auch voraus, entfernt sich jedoch nie in ungebührlicher Weise von seinem Herrn. Es gibt viele Kunden, denen das vollauf genügt – auch wenn man natürlich sagen muss, dass wir heute schon über ganz andere Möglichkeiten der umbratikalen Interaktion verfügen.“
Er wies auf den Schattenriss in der Mitte der Seite, um den sich die anderen Modelle gruppierten: „Nehmen Sie zum Beispiel – als zugegebenermaßen krassen Vergleichsmaßstab – das Modell De Luxe. Dieses Modell schließt all die Leistungen mit ein, die auch die klassische Variante umfasst. Es eröffnet Ihnen darüber hinaus aber auch die Möglichkeit der so genannten proskinetischen Vibration, die Sie für Ihr Gegenüber als Spiegelbild seines eigenen Ideals erscheinen lässt. Das Modell ist deshalb bei der Partnersuche ebenso hilfreich wie beim beruflichen Aufstieg.“
Ich muss zugeben, dass meine anfängliche Abwehr nun mehr und mehr einem lebhaften Interesse wich. Wenn es sich – was natürlich immer noch möglich war – bei dem Mann nicht um einen Scharlatan handelte, bot sich mir durch ihn schließlich die Möglichkeit, meine Schattenlosigkeit nicht nur zu überwinden, sondern fast schon produktiv zu nutzen. Deshalb begann ich nun nach den Details zu fragen: „Sagen Sie, dieses Modell De Luxe … das ist wahrscheinlich nicht ganz billig?“
Er spürte, dass er den Fisch nun schon fast an der Angel hatte. So wurde sein Ton ein wenig jovialer, wobei seine Stimme jedoch gleichzeitig ihren weihevoll-gedämpften Klang beibehielt. Ein Außenstehender hätte ihn jetzt wohl für einen guten Bekannten von mir gehalten.
„Billig! Teuer!“ Er zog die Begriffe in die Länge, als handelte es sich dabei um etwas Anstößiges. „Was sagt das schon aus, Herr C.? Natürlich ist so etwas ein wenig teurer als, sagen wir, ein x-beliebiger Mittelklassewagen – aber es bietet Ihnen doch auch etwas ganz anderes!“
Er wies auf den Schattenriss rechts unter dem Modell De Luxe: „Sehen Sie, ich habe Sie vorhin gefragt, ob Sie nicht schon einmal den Wunsch verspürt hätten, am helllichten Tage unsichtbar zu sein. Nun, unser Modell private bietet Ihnen genau diese Möglichkeit: Niemand wird weiter von Ihnen Notiz nehmen, wenn Sie sich für diese Schattenvariante entscheiden. Wer das Modell Entertainer wählt, erreicht genau das Gegenteil: Er steht immer im Mittelpunkt. Jedes Modell ist passgenau auf die jeweiligen Bedürfnisse des Kunden zugeschnitten.“
Er wandte sich von dem Prospekt ab und sah mir wieder in die Augen: „Selbstverständlich sind auch Zwischenstufen denkbar, die wir bei Bedarf als Spezialanfertigung herstellen. Vor allem aber haben wir heute auch die Möglichkeit, einem Klienten mehrere Schatten anzupassen – für jede Gelegenheit das richtige Modell. Wenn Sie das alles bedenken, werden Sie einsehen, dass es sich hier nicht einfach um einen Kaufakt handelt. Es geht vielmehr um eine Investition in Ihre Zukunft – und für die sollte Ihnen kein Preis zu hoch sein!“
Der Eifer des Vertreters hatte mich wieder etwas misstrauischer gemacht: „Sie wollen ernsthaft behaupten, dass man mehrere Schatten gleichzeitig haben kann?“
„Aber mein lieber Herr C., das ist doch heute überhaupt kein Thema mehr!“ versicherte er mir. „Ich würde sogar sagen, der Trend geht eindeutig zum Zweit-, ja zum Drittschatten.“
Podcast, Teil I:
Episode 4:
Der Schattenhändler macht Theo ein verlockendes Angebot. Aber kann er dem Mann vertrauen?
Episode 5:
Schon seit Längerem fühlt Theo sich zu seiner Kollegin Lina hingezogen. Dennoch fühlt er sich ihr gegenüber nach dem Verlust seines Schattens genauso bloßgestellt wie durch ein seltsames Video, das jemand ohne sein Wissen von ihm aufgenommen hat.
Bild: Gerd Altmann: Silhouette eines Mannes vor einem Vorhang (Pixabay)