Die Revolte der Liebe / The Revolt of Love

Ilona Lays Gedicht Liebesgift / Ilona Lay’s Poem Love Poison

Was uns im Alltag normal erscheint – die Lieblosigkeit der Welt –, ist ein Stachel in den Herzen der Liebenden. Deshalb hat die Liebe – wie Ilona Lay in ihrem Gedicht Liebesgift andeutet – auch einen natürlichen Hang zur Revolte.

English Version

Liebesgift

Eine Tigerin
ist meine Liebe. Unerbittlich
packt sie im Nacken und schüttelt mich,
bis meine Augen sich öffnen
für die Unerbittlichkeit der Welt.

Eine Bärin
ist meine Liebe. Heimtückisch
betäubt sie mit ihren Höhlenblicken mich,
bis meine Ohren sich öffnen
für die Heimtücke der Welt.

Eine Adlerin
ist meine Liebe. Schmerzhaft
hebt sie mit ihren Krallen mich auf,
bis meine Sinne sich öffnen
für den Schmerz der Welt.

Eine Kobra
ist meine Liebe. Verschwiegen
durchdringt ihr giftiger Kuss mein Herz,
bis meine Lippen sich öffnen
gegen das Schweigen der Welt.

Ausbruch aus dem Ego-Gefängnis

Wenn wir von „Liebesgedichten“ sprechen, denken wir automatisch an Gedichte, in denen die Liebe – wenn auch oft nur implizit – erotisch grundiert ist. Dies ist insofern erstaunlich, als es ja auch zahlreiche andere Formen von Liebe gibt – die Liebe zwischen Eltern und ihren Kindern etwa, die Liebe zur Natur oder die Liebe zu der Region, in der man aufgewachsen ist.

Dennoch hat unsere instinktive Assoziierung poetischer Liebesbeschwörung mit jener speziellen Form von Nähe, die sich aus der erotischen Liebe ergibt, ihre Berechtigung. Sie trifft gewissermaßen den Wesenskern der Liebe.

Nirgends sonst können wir die Mauern unseres Ego-Gefängnisses so vollständig überwinden wie in der Liebe zu einem Menschen, der uns eben noch völlig fremd war. Die Liebe wird dann zu einer Zugbrücke, die aus der Burg unseres Ichs hinüberführt in ein anderes Ich. Wer von ihrem Zauberstab berührt wird, der kreist auf einmal nicht mehr nur um sich selbst. Ein anderes Leben zählt plötzlich mehr als das eigene.

Die Liebe als natürliche Rebellin

Eine solche Erfahrung verändert zugleich den Blick auf die Welt. Mit den Augen der Liebe betrachtet, ist der Stacheldraht der Lieblosigkeit, der die Welt durchzieht, nicht mehr zu übersehen. Diejenigen, die ins Reich der Liebe übersiedeln, empfinden diesen Stacheldraht wie einen Dornenkranz um ihre Seele. So werden sie alles tun, um sich und andere davon zu befreien.

In der Liebe ist damit stets der Keim zur Revolte angelegt. Von ihren eigenen Gesetzen ausgehend, spornt sie diejenigen, die in ihren Armen eine neue Heimat finden, dazu an, die Welt so zu verändern, dass überall und für alle die Gesetze der Liebe gelten.

Die Liebe als Schwester der Kunst

Damit ist die Liebe zugleich eine Schwester der Kunst. Beide ermöglichen es, die Welt mit anderen Augen zu sehen und so die Inhumanität zu demaskieren, die sich so oft als alternativlos und zweckrational inszeniert. Demzufolge kann es auch kaum ein machtvolleres Bündnis geben als das von Liebe und Kunst.

English Version

The Revolt of Love

Ilona Lay’s Poem Love Poison

What seems normal to us in everyday life – the unloving nature of the world – is a thorn in the hearts of lovers. That is why love – as Ilona Lay suggests in her poem Love Poison – has a natural tendency to revolt.

Love Poison

My love
is a tiger. Relentlessly
he grabs me by the neck and shakes me,
until my eyes awaken
to the relentlessness of the world.

My love
is a grizzly bear. Insidiously
he stuns me with his cave eyes,
until my ears awaken
to the insidiousness of the world.

My love
is an eagle. Painfully
he lifts me up with his claws,
until my senses awaken
to the pain of the world.

My love
is a cobra. Silently
her poisonous kiss pierces my heart,
until my lips awaken
to break the silence of the world.

Breakout from the Ego Prison

When we speak of „love poems“, we automatically think of poems in which love – even if often only implicitly – has an erotic background. This is surprising insofar as there are numerous other forms of love – the love between parents and their children, for example, the love of nature or the love of the region in which we grew up.

Nevertheless, our instinctive association of poetic evocation of love with that special form of closeness that arises from erotic love makes sense. In a way, it touches the essence of love.

Nothing else allows us to overcome the walls of our ego prison as completely as love for a person who was just a moment ago a complete stranger to us. In such cases, love can become a drawbridge that leads us out of the castle of our ego into another ego. Those who are touched by its magic wand suddenly no longer revolve only around themselves. For them, another life counts more than their own.

Love as a Natural Rebel

Such an experience also changes our view of the world. Seen with the eyes of love, the barbed wire of lovelessness that runs through the world can no longer be overlooked. Those who move into the realm of love feel this barbed wire like a wreath of thorns around their soul. So they will do anything to free themselves and others from it.

Thus, there is always a seed of revolt in love. Looking at life according to her own laws, the goddess of love inspires those who find a new home in her arms to change the world in such a way that the laws of love apply everywhere and to everyone.

Love as the Sister of Art

This makes love at the same time a sister of art. Both make it possible to see the world through different eyes and thus unmask the inhumanity, which so often presents itself as expedient and without alternative. Consequently, there can hardly be a more powerful alliance than that between love and art.

Bilder / Images: Edvard Munch: Der Kuss / The Kiss (1892); Oslo, National Museum of Art in Norway; Giovanni Costetti (1874 – 1949): Paolo und Francesca (1902); Wikimedia commons (Ausschnitt)Paolo und Francesca: Geschichte zweier Liebender, die im mittelalterlichen Ravenna gegen soziale Konventionen verstießen – Paolo war der Bruder von Francescas Ehemann – und daher zum Tode verurteilt wurden / Paolo and Francesca (1902); Wikimedia commons (detail). Paolo and Francesca: story of two lovers who violated social conventions in medieval Ravenna (northern Italy) – Paolo was the brother of Francesca’s husband – and were therefore sentenced to death

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