Ein Meeresgedicht von Paul Verlaine / A Sea Poem by Paul Verlaine
Verlaines Lyrik enthält zwar symbolistische Elemente, weist aber zugleich oft einen volksliedhaften Klang auf. Dies grenzt sie von dem Hang zum Hermetischen und Elitären ab, wie er bei anderen symbolistischen Dichtern zu beobachten ist.
Warum nur ist’s, dass mein Geist so bitter
gleitet dahin wie ein Herbstgewitter
auf wirrem, unstetem Flügel über das Meer?
Das, was mir wächst aus heimlichem Sehnen –
zwischen der Wogen wallenden Mähnen
sucht’s meine Liebe gedankenschwer.
Wie einer Möwe haltloser Flug
schwebt schwermütig mein Geist im Spiel der Wellen,
wenn sie die Winde formen und fällen,
und folgt der Gezeiten endlosem Zug
wie einer Möwe haltloser Flug.
Trunken von praller, brandender Sonne,
jagt oft er in überfließender Wonne
dahin, bis er die unermessliche Freiheit fühlt.
Am Abend schaukeln des Windes Schwingen
ihn über Fluten, die purpurn klingen,
bis ihn ein flüchtiger Halbschlaf kühlt.
Und manchmal treibt mit so traurigem Schrei’n
heimatlos er in des Sturmes Wildern
und taucht, verletzt sich und kann nur mildern
den Schmerz mit erneutem, traurigem Schrei’n,
das trostlos hallt um des Leuchtturms Schein.
Warum nur ist’s, dass mein Geist so bitter
gleitet dahin wie ein Herbstgewitter
auf wirrem, unstetem Flügel über das Meer?
Das, was mir wächst aus heimlichem Sehnen –
zwischen der Wogen wallenden Mähnen
sucht’s meine Liebe gedankenschwer.
Warum, warum?
Paul Verlaine: Je ne sais pourquoi … aus: Sagesse (1880). Oeuvres complètes, Bd. 1, S. 273 f. Paris 1902: Vanier
Verlaines Lyrik: symbolistisch, aber nicht hermetisch
Mit seinem Ideal einer für und aus sich selbst heraus existierenden Dichtung hat Verlaine ein zentrales Element des Symbolismus vorweggenommen. So hat er auch selbst in einer Schrift über die „Poètes maudits“ (verfemten Dichter) auf wichtige symbolistische Dichter – allen voran Stéphane Mallarmé und Arthur Rimbaud – hingewiesen [1].
Der in der symbolistischen Lyrik zuweilen anzutreffende Hang zum Hermetischen und Elitären ist Verlaine allerdings fremd. Entsprechende Tendenzen sind etwa bei Stéphane Mallarmé zu beobachten. Gleichgesinnte empfing er in seinem literarischen Salon, wo man ihn als „Maître“ (Meister) anredete. Seine spätere Lyrik ist durch einen Hermetismus gekennzeichnet, der sich bewusst einem klaren Verständnis entzieht [2].
In Deutschland steigerte Stefan George – selbst Gast in Mallarmés literarischem Salon – die Attitüde des Meisters zum Gestus eines geistigen Führers. Als solcher scharte er nicht nur aufstrebende Poeten um sich und ließ sich von ihnen als Dichterfürst verehren. Auch die Nationalsozialisten fühlten sich von seiner Führerpose angesprochen und versuchten – wenn auch vergeblich – ihn durch die Verleihung des Staatspreises auf ihre Seite zu ziehen.
Verlaine und Baudelaire
All dies ist Verlaine – wie gesagt – fremd. Auf der biographischen Ebene verbindet ihn weit mehr mit Charles Baudelaire – den Jean Moréas in seinem literarischen Manifest über den Symbolismus ebenfalls als einen Vorläufer dieser literarischen Bewegung anführt [3] – als mit Mallarmé oder gar George.
Wie Baudelaire hatte Verlaine ein ebenso enges wie zwiespältiges Verhältnis zu seiner Mutter. Wie dieser gab er sich regelmäßig dem Alkohol hin, wie dieser erkrankte er infolge seines Umgangs mit Prostituierten an der Syphilis, wie dieser führte er ein unstetes Leben und erlitt einen frühen Tod – Baudelaire starb mit 46, Verlaine im Alter von knapp 52 Jahren [4].
Das Streben nach einer „poésie pure“, einer reinen Dichtung, erhält vor diesem Hintergrund bei beiden Dichtern eine ganz andere Bedeutung als bei den späteren Symbolisten. Es dient hier weniger der Abgrenzung von der ver- und missbrauchten Alltagssprache als der Schaffung einer Gegenwelt zum tristen Alltag, eines geistigen Rückzugsraums, der Schutz bietet vor den Anfeindungen des realen Lebens.
Volkstümlicher Symbolismus
Dies spiegelt sich auch in den Werken der beiden Dichter wider. In beiden Fällen sperren sich die Gedichte nicht gegen ein rasches, intuitives Verstehen. Ganz im Gegenteil: Die Musikalität der Verse lädt sogar dazu ein. Dies bezeugen nicht zuletzt die unzähligen, insbesondere im Falle Baudelaires teils auch moderneren Vertonungen [5].
Geistesgeschichtlich lässt sich der „volkstümlichere“ Symbolismus Baudelaires und Verlaines vielleicht auf die stärkere Verwurzelung der beiden Dichter im romantischen Weltempfinden zurückführen. Schließlich war auch für dieses die Verbindung von Weltschmerz und volksliedhaften Versen, kombiniert mit einer besonderen Musikalität der Dichtung, charakteristisch.
Gleichzeitig spiegelt das Werk Baudelaires und Verlaines aber auch die Distanz zur Romantik wider. Mag auch der Ton zuweilen romantisch sein – das Bewusstsein des geistigen Bruchs, den Industrialisierung und Säkularisierung hervorgebracht haben, ist bei beiden doch viel ausgeprägter als in originär romantischen Werken. In dieser Hinsicht sind Verlaine und Baudelaire eben durch und durch Autoren der Moderne.
Ein Gedicht zwischen Romantik und Moderne
In den oben wiedergegebenen Versen fasst Verlaine das eigene, von Rast- und Haltlosigkeit geprägte Lebensgefühl in das Bild der über dem Meer kreisenden Möwen. Wie diese scheinbar ziellos von einer Welle zur anderen stürzen, beschreibt auch das lyrische Ich seinen Geist und sein Empfinden als unstet und wie vom Sturm getrieben.
Zwar ergibt sich daraus auch immer wieder ein rauschhaftes Gefühl von Freiheit und Ungebundenheit. Dies muss jedoch mit dem Fehlen einer klaren Orientierung bezahlt werden, wie sie in dem Gedicht durch die „pilotes“ – Lotsen, die Schiffen an gefährlichen Ufern und Flussmündungen den Weg weisen – angedeutet wird.
Die Beschreibung äußerer Vorgänge dient dabei, wie auch in vielen anderen Gedichten Verlaines, der Evozierung innerpsychischer Zustände. Charakteristisch für Verlaines Lyrik ist zudem die besondere Musikalität des Gedichts, deren Harmonie dazu angetan ist, den Weltschmerz des lyrischen Ichs zu besänftigen. Diese Wirkung wird noch verstärkt durch die refrainhafte Wiederholung einzelner Verse sowie der ersten Strophe.
Während diese Elemente des Gedichts an den Symbolismus erinnern, ist sein Grundton allerdings dem volksliedhaften Klang romantischer Dichtung näher als dem Hermetismus der späteren symbolistischen Lyrik. Damit vermittelt das Gedicht einen Eindruck von dem geistigen Scharnier, das romantisches und modernes Weltempfinden ebenso voneinander scheidet wie miteinander verbindet.
Nachweise
[1] Paul Verlaine: Les poètes maudits (1884; erweiterte Fassung 1888). In: Oeuvres complètes (Sämtliche Werke), Bd. 4, S. 3 – 84. Paris 1904: Vanier (Messein).
[2] Vgl. Rother Baron: Aufstand gegen das Leben. Stéphane Mallarmés hermetischer Symbolismus. Literaturplanet, Neufassung Juni 2022 (PDF).
[3] Jean Moréas:Le symbolisme. Un manifeste littéraire (1886). Mit deutscher Übersetzung, Editionsbericht und Literaturhinweisen veröffentlicht in der von Rudolf Brandmeyer zusammengestellten Quellensammlung der Universität Duisburg-Essen; vgl. den vorigen Post: Die Welt hinter dem Nebel der Erscheinungen.
[4] Ausführliches Essay zu Charles Baudelaire:Charles Baudelaires Fleurs du mal („Blumen des Bösen“). Ein Überblick mit neu übersetzten Gedichten; rotherbaron.com, 9. April 2019.
[5] AufBaudelairesong.org werden über 1.600 Vertonungen von Gedichten Baudelaires aufgelistet. Einzelne Gedichte sind an die 70 Mal musikalisch interpretiert worden. Ein Überblick zu Vertonungen von Gedichten Paul Verlaines findet sich auf fr.wikipédia.org: Mise en musique des poèmes de Paul Verlaine. Dort gibt es auch eine weitere Liste mit Vertonungen von Werken Charles Baudelaires: Mise en musique des poèmes de Charles Baudelaire.

English Version
The Seagull Spirit
A Sea Poem by Paul Verlaine
While Verlaine’s poetry contains symbolist elements, it also often has a sound reminiscent of folk songs. This distinguishes it from the tendency towards the hermetic and elitist that can be observed in other Symbolist poetry.
Why does my spirit fly so restlessly,
rushing like an autumn storm
on frantic, unsteady wings across the sea?
Why does my tireless spirit hope
to find what he is longing for
among the billowing manes of the waves?
Like a seagull’s unstoppable flight,
my spirit floats in the dance of the waves,
flotsam in the ocean of the skies,
caught in the rhythm of the tides
like a seagull’s unstoppable flight.
Drunk with blazing, surging sunlight,
he often races in overflowing delight,
drenched in immeasurable freedom.
In the evening, the wings of the wind
sway him over crimson floods,
until a fleeting half-sleep embraces him.
And sometimes he drifts with a sorrowful scream
homeless in the tempest’s jungle
and dives, gets hurt and can only soothe
the pain with another sorrowful scream
that sadly flows around the lighthouse’s gleam.
Why does my spirit fly so restlessly,
rushing like an autumn storm
on frantic, unsteady wings over the sea?
Why does my tireless spirit hope
to find what he is longing for
among the billowing manes of the waves?
Why, tell me – why?
Paul Verlaine: Je ne sais pourquoi … from: Sagesse (1880). Oeuvres complètes, Vol. 1, p. 273 f. Paris 1902: Vanier
Verlaine’s Poetry: Symbolist, but not Hermetic
With his ideal of a poetry that exists for and out of itself, Verlaine anticipated a central element of Symbolism. Accordingly, he himself pointed to important Symbolist poets – in particular Stéphane Mallarmé and Arthur Rimbaud – in a collection of essays on the „poètes maudits“ (ostracised poets; 1).
The inclination towards the hermetic and elitist that can sometimes be found in Symbolist poetry is, however, alien to Verlaine. Corresponding tendencies can be observed in the life and work of Stéphane Mallarmé, for example. He invited like-minded people to his literary salon, where he was addressed as „Maître“ (Master). His later poetry is characterised by a hermeticism that deliberately eludes straightforward understanding [2].
In Germany, Stefan George – who himself frequented Mallarmé’s literary salon – expanded the master’s gesture to the concept of a spiritual leader. As such, he not only gathered young writers around him and had them venerate him as the prince of poets. With his leader’s pose, he also appealed to the National Socialists, who tried – albeit in vain – to win him over to their side by awarding him the State Prize.
Verlaine and Baudelaire
All this is alien to Verlaine. On the biographical level, he has far more in common with Charles Baudelaire – whom Jean Moréas in his literary manifesto on symbolism also cites as a precursor of this literary movement [3] – than with Mallarmé or George.
Like Baudelaire, Verlaine had a relationship with his mother that was as close as it was ambivalent. Like Baudelaire, he regularly indulged in alcohol, like Baudelaire he contracted syphilis as a result of his frequent contact with prostitutes, like Baudelaire he led an unsteady life and suffered an early death – Baudelaire died at the age of 46, Verlaine at the age of 52.
Against this background, the striving for a „poésie pure“, a pure poetry, takes on a completely different meaning than with the later Symbolists. Here, it serves less to keep a distance from the misused and abused everyday language than to create a counter-world to the dreary everyday life, a mental retreat that offers protection from the hostilities of life.
Popular Symbolism
This is also reflected in the works of the two poets. In both cases, the poems do not resist quick, intuitive understanding. On the contrary: the musicality of the verses even invites it. This is evidenced not least by the countless and – especially in Baudelaire’s case – partly also modern settings to music [4].
In terms of intellectual history, Baudelaire’s and Verlaine’s „popular“ Symbolism can perhaps be traced back to the rootedness of both poets in the Romantic perception of the world. After all, the combination of world-weariness („Weltschmerz“) and folksong-like poetry, combined with a special musicality, was also characteristic of Romantic literature.
At the same time, Baudelaire’s and Verlaine’s work also reflects their distance from Romanticism. Even if the tone is romantic at times, the awareness of the radical rupture brought about by industrialisation and secularisation is much more pronounced than in Romantic works. In this respect, Verlaine and Baudelaire are thoroughly modern authors.
A Poem between Romanticism and Modernity
In the verses reproduced above, Verlaine captures his own feeling of restlessness in the image of seagulls circling over the sea. Just as the seagulls seem to plunge aimlessly from one wave to the next, the lyrical I describes his mind and his feelings as unsteady and as if driven by the storm. Although this repeatedly results in an exhilarating feeling of freedom and unboundedness, it has to be paid for with the lack of clear orientation.
As in many other poems by Verlaine, the description of external events serves to illustrate inner psychological states. Another typical feature of Verlaine’s poetry is the poem’s particular musicality, the harmony intended to soothe the lyrical self’s world-weariness. This effect is reinforced by the refrain-like repetition of individual verses and the first stanza.
While these elements of the poem are reminiscent of Symbolism, its underlying tone is closer to the folksong-like sound of Romantic poetry than to the hermeticism of later Symbolist poetry. The poem thus conveys an impression of the mental hinge that separates Romantic and modern perceptions of the world as much as it connects them.
References
[1] Paul Verlaine: Les poètes maudits (1884; extended version 1888). In: Oeuvres complètes, Vol. 4, pp. 3 – 84. Paris 1904: Vanier (Messein).
[2] Cf. Rother Baron: Revolt against Life. Stéphane Mallarmé’s Hermetic Symbolism. Literaturplanet, June 2022 (PDF).
[3] Jean Moréas:Le symbolisme. Un manifeste littéraire (1886); with edition report and bibliography by Rudolf Brandmeyer; cf. the previous post: The World Behind the Mist of Appearances.[4] Baudelairesong.org lists over 1,600 settings of Baudelaire’s poems. Some poems have been interpreted musically up to 70 times. An overview of settings of Paul Verlaine’s poems can be found at fr.wikipédia.org: Mise en musique des poèmes de Paul Verlaine. In addition, another list of settings of works by Charles Baudelaire is available there: Mise en musique des poèmes de Charles Baudelaire
Bilder / Images: Octave Penguilly L’Haridon (1811 – 1872): Möwen im Sturm / Seagulls in the storm (1857); Wikimedia commons; Watanabe Shōtei (1851 – 1918): Möwen über den Wellen / Seagulls over the waves (Wikimedia commons)