Tagebuch eines Schattenlosen. Teil 3: Zeitreisen / Diary of a Shadowless Man. Part 3: Time Travels
Theo unterhält sich mit Bruder Eberhart über Wege zu Linas Rettung. Dabei macht er eine erstaunliche Entdeckung.
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Freitag, 1. April 1485, nachmittags
Die ganze Zeit über sehe ich Linas letzten Blick vor mir. Sie sagte nichts mehr, als man sie abführte, sie gab keinen Laut von sich – sie hatte resigniert. Aber in ihren Augen spiegelte sich noch immer dieses hilflose Entsetzen über das, was man ihr antat.
Was für mich am schlimmsten ist: Mir scheint, dass ihre Verzweiflung sich nicht nur auf den gnadenlosen Umgang dieses Hetzpredigers und seiner Gehilfen mit ihr bezog, sondern auch auf meine Rolle als tatenloser Zuschauer.
Hat mich vielleicht doch nur meine Feigheit davon abgehalten, mich den Spießgesellen in den Arm zu werfen? Hätte nicht vielleicht das Überraschungsmoment doch ausgereicht, um uns den nötigen Vorsprung für unsere Flucht zu verschaffen?
- Bruder Eberhart und Bruder Heinrich
Immerhin – auf den Prior ist Verlass! Hier hat mich mein Eindruck nicht getäuscht. Durch das Gespräch mit ihm habe ich wieder neue Hoffnung geschöpft. Mit seiner Hilfe sollte es am Ende doch gelingen, Lina aus den Klauen dieses Mordbrenners zu befreien!
Als ich ihn heute Morgen in seiner Kammer aufsuchen wollte, kam er mir bereits auf dem Kreuzgang entgegen. Froh über den glücklichen Zufall, hielt ich mich nicht mit langen Vorreden auf: „Gott sei Dank, dass ich Euch treffe, Herr Prior! Ihr müsst etwas für die arme Begine tun, die sie als Hexe verbrennen wollen!“
Der Prior sah mich nachdenklich an: „Ihr meint Lina?“
Während wir im Kreuzgang nebeneinander hergingen, fragte ich erstaunt: „Ja – kennt Ihr sie denn?“
„Flüchtig“, erwiderte er. „Wir haben neulich nach einer Messe miteinander gesprochen. Ich habe selten einen Menschen getroffen, der ein so tiefes Interesse für meine Predigten gezeigt hat.“
„Dann werdet Ihr Euch also für sie einsetzen?“ hakte ich nach.
Bruder Eberhart setzte eine sorgenvolle Miene auf. „Im Moment ist das schwierig. Sie befindet sich in städtischem Gewahrsam – da hat das Kloster leider keinen Zugriff. Bruder Heinrich hat im Keller des Rathauses eine Folterkammer nach seinen Vorstellungen eingerichtet – mit Instrumenten, die er der spanischen Inquisition abgeschaut hat. Ursprünglich wollte er sein Vorhaben hier im Kloster umsetzen, aber das habe ich verhindert.“
Ich sah ihn bestürzt an. „Hättet Ihr ihn in diesen Mauern nicht besser unter Kontrolle gehabt? So kann er seine Marterlust doch viel ungestörter ausleben!“
„Das stimmt natürlich“, räumte er ein. „Aber den Gedanken, dass er diesen Ort der Einkehr und der Besinnung mit seinen Folterwerkzeugen entweihen könnte, konnte ich einfach nicht ertragen. Außerdem: Völlig freie Hand hat er auch unter städtischer Oberhoheit nicht. Auf diese Weise ist er nämlich auf die Bediensteten der Stadt angewiesen – und denen sind ihre eigenen Feste wichtiger als der Sabbat der Hexen.“
Auf meinen fragenden Blick ergänzte er: „An diesem Wochenende ist ein großer Jahrmarkt in der Stadt. Schon heute wird der Bischof das Kirchweihfest feierlich eröffnen. Ich denke, bis Montag werden auch die Folterknechte lieber den Bierkrug als die Peitsche schwingen.“
„Wenn das Kloster, wie Ihr sagt, auf den städtischen Kerker keinen Zugriff hat, hilft uns das aber auch nicht weiter“, wandte ich ein.
Der Prior schmunzelte. „So ganz ohne Einfluss bin ich nun auch wieder nicht in der Stadt. Deshalb meine ich, dass uns der Zeitgewinn sehr wohl hilft. Das gibt mir nämlich die Gelegenheit, mit diesem und jenem zu sprechen und uns so Zugang zu Linas Verlies zu verschaffen.“
„Und dann?“ bohrte ich weiter. „Das Entscheidende ist doch nicht, ob wir Zutritt zu dem Kerker erlangen. Die Frage ist vielmehr, wie wir Lina von dort wegbringen!“
Bruder Eberhart zögerte. Ich glaubte zuerst, er hätte sich noch gar keine Gedanken über Linas Befreiung gemacht. Dann aber blieb er plötzlich stehen und sah mir direkt in die Augen. „Wenn wir es schaffen, zu Lina vorzudringen, wird der Rest ein Kinderspiel sein. Denn dann … dann können wir sie fragen, wo sie ihre Notfalluhr versteckt hat.“

English Version
Brother Eberhart’s Story/1: Brother Eberhart and Brother Henry
Theo talks to Brother Eberhart about how to rescue Lina. In the course of the conversation he makes an unexpected discovery.
Friday, April 1, 1485, in the afternoon
All the time I see Lina’s last look in front of me. She said nothing when they took her away, she made no sound – she had surrendered. But her eyes still reflected this helpless horror at what was being done to her.
What is worst of all for me: I have the impression that her despair was not only related to the merciless treatment of her by this rabble-rouser and his accomplices, but also to my role as an inactive bystander.
Was it perhaps only my cowardice that prevented me from standing in the way of the henchmen? Wouldn’t the element of surprise have been enough to give us the necessary head start for our escape?
- Brother Eberhart and Brother Henry
At least I can rely on the Prior! In this case, my assessment was not wrong. The conversation with him has given me new hope. With his help, it should definitely be possible to free Lina from the clutches of this murderous agitator!
When I went to see him in his chamber this morning, he already came across me in the cloister. Glad about the happy coincidence, I didn’t bother with long introductions: „I’m so relieved to see you, Brother Eberhart! You must do something for the poor Beguine who is about to be burned as a witch!“
The Prior looked at me thoughtfully. „You’re talking about Lina, I suppose?“
As we walked side by side in the cloister, I asked in amazement: „Yes – do you know her?“
„We recently spoke to each other after Mass,“ he explained. „She made quite an impression on me. I have rarely met a person who has shown such a deep interest in my sermons.“
„So you will intercede for her?“ I followed up.
Worry lines appeared on Brother Eberhart’s face. „At the moment it is difficult to intervene. She is in municipal custody – unfortunately the monastery has no access to that. Brother Henry has set up a torture chamber in the basement of the town hall according to his ideas – with instruments adapted from the Spanish Inquisition. Originally he wanted to implement his plan here in the monastery. But for that he would have needed my consent – which I of course refused to give him.“
I looked at him in dismay. „Couldn’t you have kept him in check better within these walls? As it is now, he can indulge in his lust for torture much more undisturbed!“
„That’s true,“ he admitted. „But I simply could not bear the thought that he might desecrate this place of retreat and contemplation with his instruments of torture. Besides, he does not have a completely free hand even under municipal sovereignty. After all, he is now dependent on the town’s servants – and for them, their own festivities are much more important than the Witches‘ Sabbaths.“
At my questioning look he added: „This weekend there is a big fair in the city. Already today the bishop will solemnly open the church consecration festival. I think over the weekend even the torturers will prefer to swing the beer mug rather than the whip.“
„But if, as you say, the monastery has no access to the town dungeon, that doesn’t help us either,“ I objected.
The Prior smirked. „I am not that completely without influence in the town either. That’s why I think the gain in time does play into our hands. It gives me the opportunity to talk to the relevant people and thus gain access to Lina’s dungeon.“
„And then?“ I kept on asking. „After all, the decisive question is not whether we gain access to the dungeon or not. The crucial thing is rather how to get Lina out of there!“
Brother Eberhart hesitated. At first I thought he had not yet reflected on Lina’s liberation. But then he suddenly stopped and looked me straight in the eye. „If we manage to get to Lina, rescuing her will be a piece of cake. Because then … then we can ask her where she has hidden her emergency watch.“
Bilder / Images: Núria Millàs: Kreuzgang / Cloister (Pixabay); Hans Braxmeier: Kreuzgang / Cloister (Pixabay)
Mira Müller
Das ist ganz spannende und außergewöhnliche Literatur!- Ich finde auch das Hörangebot ganz super. Die Lesungen wurden immer besser und spannender. Dennoch: Ich freue mich auf das Buch (?- Wird es geben, oder?????). Ich komme nicht immer so nach mit den Fortsetzungen und hätte gern ein Ganzes zum Selbsteinteilen. Liebe Grüße von Mira
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rotherbaron
Liebe Mira, danke für die freundliche Rückmeldung. Das Buch erscheint spätestens zur Buch Berlin im September. Das E-Book etwas früher. Die ersten beiden Bände sind ja schon erschienen. Hier die Links: Band 1: https://literaturplanetonline.com/2019/12/16/ilka-hoffmann-tagebuch-eines-schattenlosen/ und Band 2: https://literaturplanetonline.com/2022/06/01/tagebuch-eines-schattenlosen-teil-2/
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