Ilona Lay: Der Blick der alten Nonne / The Old Nun’s Gaze

Dichterisches Silvesterfeuerwerk/2 / Poetic Fireworks for the Turn of the Year/2

Feiern zum Jahreswechsel sind überall auf der Welt mit der diffusen Hoffnung auf etwas ganz Neues, Anderes, Besseres verbunden. In Wahrheit fließt der Strom des Lebens aber an der Klippe des Jahreswechsels ungerührt vorbei. So lohnt sich, wie in Ilona Lays Gedicht Der Blick der alten Nonne, auch ein Moment der Besinnung.

Der Blick der alten Nonne

Still verweht das stolze Jahr,
verloren wankt es durch die Welt,
wohl wissend, dass man nicht gewahr‘,
wie in der Nächte Schlund es fällt.

Aus ihrem gottgeweihten Heim
verfolgt sie stumm der Welt Gerinn,
sucht in dem bunten Ringelreihn
versonnen nach verborg’nem Sinn:

„Sieh, die Menschen feiern blind
der Ungewissheit leeren Glanz,
auf dass das Alte ihnen schwind‘,
zerrinn‘ im grellen Lebenstanz.

Fallen jäh von Schritt zu Schritt,
stets leugnend des Vergehens Schwert,
und schließen selbst sich aus damit
vom Glanz, dahin ihr Strom sich leert.

Ach! Satan flammt mir um das Haupt,
das Brüllen der Walpurgisnacht,
wo Hex‘- und Zaub’rerpack umstaubt
begießt der Menschen welke Pracht!“ –

Und sie spürt ein leises Beben,
Eiseshauch, ein dunkles Lied,
fühlt den Tod die Welt umweben,
wo im Rausch sie ihm entflieht.

English Version

Ilona Lay: The Old Nun’s Gaze

All over the world, celebrations at the turn of a year are associated with the vague hope of something completely new, different, better. In truth, however, the stream of life flows undisturbed past the cliff of New Year’s Eve. So, as in Ilona Lay’s poem The Old Nun’s Gaze, a moment of reflection is also worthwhile.

The Old Nun’s Gaze

Silently the proud year fades away,
forlornly stumbling through the world,
knowing that no one will notice
when it falls into the maw of night.

From her home consecrated to God
she silently pursues the passing of the world,
searching in the multicoloured bustle
pensively for hidden meaning:

„Blindly people celebrate
the empty splendour of uncertainty
rejoicing in the year’s evanescence,
its dissolution in the dazzling dance of life.

Impetuously flitting from step to step,
they always deny the sword of decay,
excluding themselves with their rush
from the splendour into which their river flows.

Satan flames around my head,
the roar of gloomy midnight celebrations,
where witches, sorcerers and demons
toast the withered glory of humanity!“ –

And she feels a quiet tremor,
an icy breath, a sombre song,
feels the tightening cobweb of Death,
while the world, inebriated, flees from him.

Bilder: Odilon Redon: Gebet / Prayer, 1893 (Wikimedia); Hermetiker: Franziskanerin am Wolfgangssee bei Sonnenuntergang / Franciscan at Lake Wolfgang at sunset, 1993 (Wikimedia commons)

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