Solidarität als Fundament des Friedens / Solidarity as the Foundation of Peace

Zu Enzo Avitabiles Song Mane e Mane (Hand in Hand) / On Enzo Avitabile’s Song Mane e Mane (Hand in Hand)

Der Song Mane e Mane (Hand in Hand) des italienischen Cantautore Enzo Avitabile ist eine mitreißende Hymne auf Mitgefühl, Vergebung und Solidarität – ohne die es keinen dauerhaften Frieden geben kann.

Ein musikalischer Hippie-Mönch

Der 1955 in Neapel geborene Saxofonist und Cantautore (Liedermacher) Enzo Avitabile wirkt mit seinen zerzausten Haaren, seiner kuttenartigen Kleidung und dem Kreuz, das er als Ohrring trägt, ein wenig wie eine Mischung aus Mönch und Hippie. Und ein bisschen ist er das wohl auch – jedenfalls, wenn man von der Botschaft, die von seiner Musik ausgeht, auf seinen Charakter schließen darf.

Das Entscheidende bei Enzo Avitabile sind alleridngs nicht die Texte. Bei ihm, der als Jazz- und Soul-Musiker mit bedeutenden Black-Music-Vertretern wie James Brown und Richie Havens zusammengearbeitet hat, aber auch immer wieder folkloristische Elemente seiner neapolitanischen Heimat aufgreift, steht vielmehr die Musik selbst im Vordergrund.

Völkerverbindende Kraft der Musik

Besonders deutlich wird dies bei einem Projekt, für das Avitabile Musizierende aus verschiedenen Teilen der Welt in eine neapolitanische Barockkirche eingeladen hat, um dort mit ihnen in einer Art Jam Session zusammenzuwirken. Das von Jonathan Demme in dem Film Music Life (2012) dokumentierte Projekt ist in Teilen im Internet abrufbar.

Beeindruckend sind die einzelnen Musikstücke nicht nur durch die zum Teil sehr leidenschaftlichen Darbietungen. Mindestens ebenso faszinierend ist die unmittelbare Erfahrung der völkerverbindenden Kraft der Musik, die aus den gemeinsamen Auftritten spricht.

Die internationale Sprache der Musik erweckt hier die Unbefangenheit und die Unvoreingenommenheit zum Leben, mit denen Kinder aus unterschiedlichen Kulturen aufeinander zugehen und sich spielerisch miteinander verständigen. So fällt es zunächst auch gar nicht auf, dass Enzo Avitabile durchgehend in seinem neapolitanischen Dialekt singt, der wohl auch in Italien für Nicht-Neapolitaner nicht ohne weiteres verständlich ist.

„Ein Stern wacht über die Welt.“

Der Song Mane e mane („Hand in Hand“) stammt ursprünglich aus dem 1999 erschienenen Album O-Issa, wo Enzo Avitabile ihn mit dem aus Guinea stammenden Mory Kanté gesungen hat.  Für das Projekt Music Life hat er das Lied mit dem mauretanischen Sänger Daby Touré neu eingespielt

Der Song benennt zwar unzweideutig die zentralen Hindernisse, die einem friedlicheren Zusammenleben der Menschen im Wege stehen. Krieg, Flucht, Vertreibung, Hunger, Armut, Krankheit: Alle Merkmale einer „kalten Welt“ werden in dem Lied erwähnt. Im Vordergrund steht jedoch die Hoffnung, dass „die Menschen fähig sind, sich zu versöhnen, um gemeinsam auf der Straße des Friedens zu gehen“.

Die zentrale Botschaft findet sich gleich in der ersten Zeile: „Ein Stern wacht über die Welt.“ Es liegt nur an uns, uns ihm zuzuwenden und aus ihm die Kraft für ein konsequentes Engagement für den Frieden zu schöpfen.

Hand in Hand1

Ein Stern wacht über die Welt.
Fallend verliert er sich darin,
und das Meer erhebt sich
als Sturm in der Nacht.
Das Wasser durchnässt die Kleider
und lässt die Kanonen rosten.
Schnee fällt in der Wüste,
Sand aus dem Vesuv.

Hand in Hand
schreiten wir durch die kalte Welt.
Der Wind kommt,
der Wind geht.
Hand in Hand
schreiten wir unter einem Zulu-Himmel.2
Der Wind weht für immer
oder niemals mehr.

Alle Welt weiß,
dass nur die Menschen sich die Hand reichen,
um sich zu versöhnen.
Alle Welt weiß,
dass nur die Menschen fähig sind,
sich zu versöhnen,
um gemeinsam auf der Straße des Friedens zu gehen.

Wer das Dunkel nicht kennt,
kann das Licht nicht verstehen.
Kein Mensch kennt den anderen,
jeder ist allein.

Ein Stern wacht über die Erde
und wandelt durch die Welt.
Silberblättrige Münzen3
verfangen sich in seinem Netz.
Das Wasser umspült die Schiffe,
es lässt die Ketten rosten
und die zugebundenen Koffer4,
die noch nach den Ängsten der Vergangenheit riechen.

Männer und Frauen, alle haben Hunger.
Der Krieg ist schuld,
er hat sie in die Armut getrieben.
Mein Volk ist krank und leidet,
weil es vertrieben worden ist.
Lasst uns innehalten und ihn beenden,
diesen zerstörerischen Krieg.

Hand in Hand …

Die Menschen wissen,
dass sie zusammenleben können,
Hand in Hand.

Enzo Avitabile mit der Band I Bottari und dem mauretanischen Sänger Daby Touré: Mane e mane

aus: Black Tarantella (2012); Ursprungsfassung von Enzo Avitabile und Mory Kanté (aus: O-Issa, 1999)

Erläuterungen:

(1) Kursiv gesetzte Passagen von Daby Touré gesungen.

(2) Der Name des in Südafrika lebenden Bantu-Volks der Zulu leitet sich von „izulu“ (Himmel) ab. „Zulu-Himmel“ ist demnach eine Tautologie, die betont, dass alle Menschen unter dem gleichen Himmel leben und ihn nur jeweils anders bezeichnen.

(3) Das Silberblatt (ital. „erba d’argento“) gehört zu den Kreuzblütengewächsen. Wegen der durchsichtigen, runden Kapseln, in denen sich die Samen befinden, werden die Pflanzen in Italien auch als „Medaglioni del Papa“ (Papstmedaillons), „Moneta del Papa“ oder „Moneta Pontificia“ (Papstgeld/-münzen) bezeichnet. Aus dem gleichen Grund assoziiert man sie auch mit dem „Judaspfennig“ bzw. „-silberling“.

(4) Das Original („le valige con lo spago“) ist hier doppeldeutig, da „spago“ sowohl „Bindfaden“ bedeuten kann als auch eine scherzhafte Bezeichnung für „Angst“ ist.

Live-Aufnahme aus dem Film Music Life (2012) von Jonathan Demme (mit eingeblendetem italienischem Text)

Albumfassung

English Version

Solidarity as the Foundation of Peace

On Enzo Avitabile’s Song Mane e Mane (Hand in Hand)

The song Mane e Mane (Hand in Hand) by the Italian singer-songwriter Enzo Avitabile is a rousing hymn to compassion, forgiveness and solidarity – without which there can be no lasting peace

A Musical Hippie Monk

With his dishevelled hair, his cowl-like clothes and the cross he wears as an earring, the Italian saxophonist and cantautore (singer-songwriter) Enzo Avitabile looks a bit like a mixture of monk and hippie. In fact, the musician, born in Naples in 1955, probably is a bit of a hippie – at least if we can judge his character by the message that emanates from his music.

What is decisive about Enzo Avitabile, however, are not the lyrics. For the cantautore, who as a jazz and soul musician has worked with important black music representatives such as James Brown and Richie Havens, but also repeatedly picks up folkloristic elements of his Neapolitan homeland, the music itself is in the foreground.

The Unifying Power of Music

This becomes particularly clear in a project for which Avitabile invited musicians from different parts of the world to a Neapolitan baroque church to collaborate with them in a kind of jam session. Parts of the project, documented by Jonathan Demme in the film Music Life (2012), are available on the internet.

The individual pieces of music are impressive not only because of the sometimes very passionate performances. Equally fascinating is the direct experience of the unifying power of music that is reflected in the joint performances.

The international language of music brings to life the open-mindedness and impartiality with which children from different cultures approach and playfully communicate with each other. As a result, it is not even noticeable at first that Enzo Avitabile sings throughout in his Neapolitan dialect, which even in Italy is probably not easily understandable for non-Neapolitans.

„A Star Watches Over the World.“

The song Mane e mane („Hand in Hand“) was originally released on the 1999 album O-Issa, on which Enzo Avitabile sang it with the Guinean musician Mory Kanté. For the Music Life project, he newly recorded the song with the Mauritanian singer Daby Touré.

The song unambiguously names the central obstacles that stand in the way of a more peaceful coexistence of people. War, expulsion, hunger, poverty, disease: all the characteristics of a „cold world“ are mentioned in the song. In the foreground, however, is the hope that „people are able to reconcile and to walk together on the road of peace“.

The central message is expressed right in the first line: „A star watches over the world.“ It is up to each of us to turn to it and draw from it the strength for a consistent commitment to peace.

Hand in Hand1

A star watches over the world.
Falling, it loses itself in it,
and the ocean rises
as a storm in the night.
The water drenches the clothes
and makes the cannons rust.
Snow falls in the desert,
sand from Mount Vesuvius.

Hand in hand
we walk through the freezing world.
The wind rises,
the wind dies down.
Hand in hand
we walk under a Zulu sky. 2
The wind blows forever
or never more.

The whole world knows
that only humans shake hands
to reconcile.
All the world knows
that only humans are capable
to reconcile
and to walk together on the road of peace.

Those who do not know the dark
cannot understand the light.
No one knows the other,
each one is alone.

A star watches over the earth
and walks through the world.
Silver-leafed coins3
get caught in its net.
The water foams around the ships,
it makes the shackles rust
and the tied-up suitcases4,
which still exude the smell of fear.

Men and women, everyone is hungry.
It’s the war’s fault,
the war has driven them into poverty.
My people are sick and suffering
because they have been driven from their land.
Let us pause and stop the war,
this destructive war.

Hand in Hand …

Humans know
that they can live together,
hand in hand.

Enzo Avitabile with the band I Bottari and the Mauritanian singer Daby Touré: Mane e mane

from: Black Tarantella (2012); original version by Enzo Avitabile and Mory Kanté (from: O-Issa, 1999)

Annotations:

(1) Passages in italics sung by Daby Touré.

 (2) The name of the Bantu people of Zulu, who live in South Africa, is derived from „izulu“ (heaven). „Zulu heaven“ is thus a tautology emphasising that all people live under the same heaven and only refer to it differently.

 (3) The silver leaf (Italian: „erba d’argento“) belongs to the family of cruciferous plants. Because of the transparent, round capsules containing the seeds, the plants are also called „Medaglioni del Papa“ (Pope’s medallions), „Moneta del Papa“ or „Moneta Pontificia“ (Pope’s money/coins) in Italy. For the same reason, they are associated with the silver pennies Judas received for his betrayal of Jesus.

 (4) The original text („le valige con lo spago“) is ambiguous here, as „spago“ can both mean „cord“ and be a joking term for „fear“.

Live recording from the film Music Life (2012) by Jonathan Demme (with superimposed Italian text)

Album version

Bilder / Images: Waldemar Flaig (1892 – 1932): Der Stern von Bethlehem / The Star of Bethlehem  (1920); Franziskanermuseum Villingen (Wikimedia commons); Harald Krichel: Enzo Avitabile beim Tanz- und Folkfestival (TFF) im thüringischen Rudolstadt / Enzo Avitabile at the Dance and Folk Festival (TFF) in Rudolstadt, Thuringia , 2013 (Wikimedia commons)

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