Der Krieg als schleichend wirkendes Gift / War as a Slow-Acting Poison

Über den Song ¡Alto! (Halt) der spanischen Band Vetusta Morla / About the Song ¡Alto! (Stop!) by the Spanish Band Vetusta Morla

Der Krieg beginnt nicht erst, wenn die Waffen sprechen. Wer sich nach einer friedlicheren Welt sehnt, muss ihn daher an der Wurzel packen und die sozialen Gifte bekämpfen, von denen der Krieg sich nährt. – Über einen Song der spanischen Band Vetusta Morla.

English Version

Ein seltsamer Krieg

Bei flüchtigem Hinhören wird man das Lied ¡Alto! (Halt!/Stopp!) der spanischen Band Vetusta Morla wohl schlicht als Beschreibung des Überfalls einer feindlichen Armee verstehen. Der Titel des Songs würde sich dann auf den Wunsch beziehen, diesen Überfall zu beenden.

Wer genauer hinhört bzw. den Text aufmerksamer liest, wird jedoch stutzig werden. Dass die fremden Truppen die Felder in „Schlamm“ verwandeln, ließe sich noch mit einer Strategie der verbrannten Erde erklären. Die Soldaten stiften aber darüber hinaus auch „Verwirrung“, indem sie jedem „Ausdruck seine Bedeutung entreißen“ und dadurch die „Worte vergiften“.

Vergiftete Worte

So wird deutlich, dass der Krieg hier in einem weiteren Sinne verstanden wird. Natürlich erinnert das Bild der „vergifteten Worte“ zunächst an die propagandistische Verzerrung des Kriegsgeschehens durch die beteiligten Parteien. Der Verweis auf  den „künstlichen Regen“ und die „vergiftete Luft“ lässt sich daneben aber auch im Sinne eines Krieges gegen die Natur verstehen, der über eine entsprechende Propaganda verschleiert wird.

Nicht zuletzt kann die Metapher auch im Sinne einer  allgemeinen Vergiftung der sozialen Beziehungen gedeutet werden. Dies ließe dann an das Sich-Bekriegen in sozialen Netzwerken denken, an all die Shitstorms und Fake-Behauptungen, die einen offenen, auf gegenseitigem Respekt basierenden Dialog miteinander untergraben.

Krieg gegen die Natur

In dem Lied spiegelt sich diese Zerstörung der sozialen Beziehungen in dem Bild des von den Soldaten niedergebrannten Dachs der gemeinsamen Behausung wider. Daneben lässt diese Metapher sich jedoch ebenfalls auf den Krieg gegen die Natur beziehen – der am Ende eben auch diejenigen, die diesen Krieg führen, ihrer Behausung beraubt.

Gleichzeitig hat der Krieg gegen die Natur aber selbst wieder eine soziale Komponente. So kann er die Lebensbedingungen in den Abbaugebieten von Rohstoffen erschweren, mit einem ungleichen Zugang zu lebenswichtigen Ressourcen einhergehen oder den einen die Last für den Ressourcenverbrauch der anderen aufbürden.

Dabei kann die Gier nach Rohstoffen auch stets dazu führen, dass aus einem latenten ein echter Krieg zwischen zwei oder mehreren Staaten wird. Insofern ist es in der Tat sinnvoll, den Krieg in einem weiter gefassten Sinn zu verstehen.

Statt von konkreten Kriegshandlungen wäre dabei von einer Tendenz zur Gewalt auszugehen, die auf einem Kontinuum von unterschwelliger Aggression über erhöhte Gewaltbereitschaft bis zu einem offenen Ausbruch von Kampfhandlungen reicht. Der Krieg erscheint dann nicht mehr – in Analogie zu einem plötzlich „ausbrechenden“ Vulkan – als eine Art Naturkatastrophe, sondern eher als ein schleichend wirkendes Gift, das die sozialen Beziehungen innerhalb eines Landes oder zwischen einzelnen Staaten allmählich zersetzt.

Die Überwindung des Krieges: zwei Seiten des Glaubens an ein Wunder

Daraus ergibt sich, dass die Ablehnung des Krieges sich nicht allein auf militärische Auseinandersetzungen beziehen darf. Vielmehr erfordert sie auch einen aktiven Einsatz gegen soziale Zwietracht, Herrschsucht, Habgier, Ausbeutung und all die anderen Gifte, von denen der Krieg sich nährt.

Die Möglichkeit eines solchen Engagements erklärt vielleicht auch den hoffnungsvollen Refrain des Liedes. Gleich dreimal wird dem „Glauben“ Ausdruck verliehen, „dass dir ein Wunder widerfahren wird“.

Zwar können die Zeilen auch pessimistisch gedeutet werden – im Sinne von: „Jetzt kann uns nur noch ein Wunder helfen“. Daneben ist aber eben auch eine optimistische Deutung möglich – im Sinne eines Glaubens, der Berge versetzen kann. Und dieses hoffnungsvolle Vertrauen auf die Veränderungskraft des menschlichen Geistes ist an Weihnachten vielleicht doch die passendere Deutungsvariante.

Über Vetusta Morla

Die Band wurde 1998 zunächst als reines Freizeitprojekt von ein paar Studierenden gegründet, die in einem Madrider Kulturzentrum zusammen Musik machen wollten. Ihr Projekt benannten sie nach der Figur der uralten („vetusta“) Schildkröte in Michael Endes Unendlicher Geschichte.

Lange Zeit blieb die Musik für die Bandmitglieder mehr oder weniger ein Hobby. Zwar feierte die Band auf lokalen Festivals durchaus Erfolge, doch fand sie kein Label für die Veröffentlichung ihrer Songs.

2006 gründeten die Bandmitglieder daraufhin ihr eigenes Label, gaben ihre Brotberufe auf und konzentrierten sich ganz auf die Musik. Gleich das erste, 2008 veröffentlichte Album brachte ihnen landesweite Anerkennung ein. Die Band ging nun auch auf größere Tourneen, die sie auch ins Ausland führten. Bis 2021 sind insgesamt sechs Alben erschienen.

Eine politisch engagierte Band

Das in vielen Songtexten der Band zum Ausdruck kommende soziale und politische Engagement haben die Musiker auch außerhalb der Bühne immer wieder bekräftigt. So stellte sich etwa Jorge González Giralda in einem Interview ausdrücklich hinter die Proteste, mit denen die spanische Jugend 2011 ihren Unmut über die soziale Schieflage der Gesellschaft und die eigene Perspektivlosigkeit zum Ausdruck gebracht hatte.

Das Ausmaß und die Selbstverständlichkeit, mit der „ökonomische (…) Interessen über die Notwendigkeiten des Zusammenlebens und die einzelnen Personen gestellt werden“, seien empörend, so der Musiker. Anstatt dem Wohl der Gemeinschaft zu dienen, würden bestimmte Schlüsselpositionen in Politik, Wirtschaft und Medien nur dafür genutzt, „persönliche Rendite zu erzielen“.

Die gesellschaftskritische Haltung der Band schlägt sich auch immer wieder in einem Engagement für soziale Projekte nieder. So hat sie etwa den Song ¡Alto! 2017 im Rahmen einer Veranstaltung zum 80-jährigen Jubiläum der Entstehung von Pablo Picassos Guernica-Gemälde vorgetragen.

Zitat entnommen aus: Vetusta Morla: „La Deriva abre una linea más potente y directa“; Interview von Javier Decimavilla mit Vetusta Morla. In: B-Side Magazine vom 16. April 2014.

Halt!

Halt!
Hunderte von Soldaten
habe ich kommen sehen.
Sie tragen geliehene Uniformen,
sie stiften Verwirrung;
sie haben einen Auftrag.

Viele sind hierhergekommen,
seit zu vielen Jahren schon.
Jedem Ausdruck wollen sie
seine Bedeutung entreißen.

Jetzt sieh dich vor!
Die Lust, zurückzukehren,
wird dich überallhin begleiten.
Das „nächste Mal“ dauert schon zu lange.

Ich aber bewahre mir den Glauben daran,
dass dir ein Wunder widerfahren wird.

Nichts wie weg!
Niederbrennen werden sie
alle unsere Felder.
Alle Worte dieses Ortes
sind vergiftet.

Wer hat mich von eurer Seite vertrieben?
Das Land, das ich bepflanzt habe,
hat sich in Schlamm verwandelt.
Man riecht das Metall in der vergifteten Luft.

Ich aber bewahre mir den Glauben daran,
dass dir ein Wunder widerfahren wird.

Wer hat unser Dach niedergebrannt?
Der künstliche Regen hört nicht auf, uns zu vergiften.
Man riecht das Metall in der vergifteten Luft.

Ich aber bewahre mir den Glauben daran,
dass dir ein Wunder widerfahren wird.

Vetusta Morla: ¡Alto!

(aus: La deriva, 2014)

Live (bei der Jubiläumsfeier für Pablo Picassos Guernica-Gemälde, 2017):

Unplugged im Radio (2014):

Mehr spanische Musik:

Sueños españoles. Träume und Visionen in der spanischen Independent-Musik.

English Version

War as a Slow-Acting Poison

About the Song ¡Alto! (Stop!) by the Spanish Band Vetusta Morla

War begins long before the weapons start their work of destruction. Those who long for a more peaceful world must therefore get to the root of war and fight the social poisons on which it feeds. – About a song by the Spanish band Vetusta Morla.

A Curious War

On cursory listening, the song ¡Alto! (Stop!) by the Spanish band Vetusta Morla might simply be understood as a description of an invasion by a hostile army. The title of the song would then refer to the wish of ending this invasion.

Whoever listens more closely or reads the lyrics more carefully, though, will doubt this simple message. The fact that the foreign troops turn the fields into „mud“ could still be explained by a scorched earth strategy. But the soldiers also cause „confusion“ by „robbing every expression of its meaning“ and thus „poisoning the words“.

Poisoned Words

Thus it becomes clear that war is understood here in a broader sense. Of course, the image of the „poisoned words“ initially recalls the propagandistic distortion of war events by the parties involved. However, the allusion to the „artificial rain“ and the „poisoned air“ can also be understood in the sense of a war against nature, which is disguised through corresponding propaganda.

Last but not least, the metaphor can also be interpreted in the sense of a general poisoning of social relations. This would then bring to mind the mutual warfare in social networks, all the shitstorms and unproven allegations that undermine an open dialogue based on mutual respect.

War Against Nature

In the song, this destruction of social relations is reflected in the image of the roof of the common home burnt down by the soldiers. However, this metaphor can just as well be related to the war against nature – which in the end also deprives those who wage this war of their home.

At the same time, the war on nature also has a social component. It can make living conditions in resource-extracting areas more difficult, entail unequal access to vital resources or place the burden of excessive resource consumption on countries which themselves consume far fewer resources than others.

Moreover, greed for raw materials can turn a latent war into a real one at any time. From this point of view, it is indeed reasonable to understand war in a broader sense.

Instead of being based on concrete acts of war, this view would be based on a tendency towards violence that ranges on a continuum from subliminal aggression and increased willingness to use violence to the open outbreak of hostilities. War would then no longer appear – in analogy to a suddenly „erupting“ volcano – as a kind of natural disaster, but rather as a creeping poison that gradually corrodes social relations within a country or between different states.

Overcoming War: Two Sides of the Faith in a Miracle

This implies that the rejection of war must not only refer to military conflicts. Rather, it also requires active engagement against social discord, imperiousness, greed, exploitation and all the other poisons that war feeds on.

The possibility of such engagement perhaps also explains the song’s hopeful refrain. No less than three times the „faith“ is expressed „that a miracle will happen to you“.

It is true that these words can also be interpreted pessimistically – in the sense of: „Now only a miracle can help us“. But an optimistic interpretation is also possible – in the sense of a faith that can move mountains. And this hopeful trust in the transformative power of the human spirit is perhaps the more appropriate interpretation at Christmas.

About Vetusta Morla

The band was initially founded in 1998 as a purely recreational project by a few students who wanted to make music together in a Madrid cultural centre. The name for their project was inspired by the character of the ancient („vetusta“) turtle in Michael Ende’s Neverending Story.

For a long time, music remained more or less a hobby for the band members. Although the band was quite successful at local festivals, they did not find a label that would publish their songs.

In 2006, the band members therefore founded their own label, gave up their regular jobs and concentrated entirely on music. Their very first album, released in 2008, immediately brought them nationwide recognition. The band now started touring on a larger scale, including concerts abroad. By 2021, a total of six albums had been released.

A Politically Engaged Band

The social and political commitment expressed in many of the band’s lyrics has been repeatedly emphasised by the musicians off stage as well. Jorge González Giralda, for example, explicitly supported the protests with which the Spanish youth expressed their displeasure about the social imbalance in society and their own lack of prospects in 2011.

The extent and the matter-of-factness with which „economic (…) interests are placed above the necessities of social life and the individuals“ were outrageous, he said. Instead of serving the good of the community, certain key positions in politics, business and the media would only be used to „achieve personal profit“.

The band’s politically critical stance is also reflected in its commitment to social projects. For example, the band performed the song ¡Alto! in 2017 at an event celebrating the 80th anniversary of the creation of Pablo Picasso’s Guernica painting.

Quote taken from: Vetusta Morla: „La Deriva abre una linea más potente y directa“; Interview by Javier Decimavilla with Vetusta Morla. In: B-Side Magazine, April 16, 2014.

Stop!

Stop!
I have seen hundreds of soldiers coming towards us.
They wear borrowed uniforms,
they cause confusion;
they have a mission.

Many have been coming here
for too many years now.
They want to rob every expression
of its meaning.

Now watch out!
The desire to return
will follow you everywhere.
The „next time“ is already lasting too long.

But I’ll keep believing
that a miracle will happen to you.

Now run for it!
They’ll burn down
all our fields.
All the words of this place
are poisoned.

Who has driven me from your side?
The land I have cultivated
has turned to mud.
You can smell the metal in the poisoned air.

But I’ll keep believing
that a miracle will happen to you.

Who has burnt down our roof?
The artificial rain does not stop poisoning us.
You can smell the metal in the poisoned air.

But I’ll keep believing
that a miracle will happen to you.

Vetusta Morla: ¡Alto!

(from: La deriva, 2014)

Live (at the anniversary celebration for Pablo Picasso’s Guernica painting, 2017)

Unplugged on the radio (2014):

Bilder / Images: Pete Linforth (TheDigitalArtist): Gasmaske / Gas Mask (Pixabay); Itz: Juan Pedro („Pucho“), Sänger der Band Vetusta Morla / singer of the band band Vetusta Morla, 2008 (Wikimedia commons)

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