Eine Hymne für die Jasminrevolution / An Anthem for the Jasmine Revolution

Die tunesische Variante von Lluís Llachs L’estaca / The Tunisian Variant of Lluís Llach’s L’estaca

In Tunesien hat Yasser Jradi 2003 einen eigenen Text zur Melodie von Lluís Llachs L’estaca verfasst. Das Lied ist 2011 zu einer Hymne der Jasminrevolution geworden.

English Version

Deutungsoffene Symbolik von L’estaca

Als Lluís Llach sein Lied L’estaca schrieb, hatte er dabei fraglos seine katalanische Heimat und die Unterdrückung von Freiheitsbestrebungen durch das Franco-Regime im Blick. Die Offenheit der Symbolik, die er zur Umgehung der Zensur wählen musste, machte das Lied jedoch auch auf andere Unterdrückungskonstellationen übertragbar.

Dies betrifft zum einen die Unterdrückung einer ganzen Bevölkerung durch autoritäre Herrscher. Zum anderen lässt sich das Lied aber auch auf die Unterdrückung von Kultur und Sprache einzelner Völker oder Volksgruppen beziehen, die sich mit der Hegemonie anderer Völker konfrontiert sehen.

Die Liebe zum Heimatland als Quell des Widerstands

Im ersteren Sinne ist das Lied etwa in Tunesien aufgegriffen worden, wo Yasser Jradi eine eigene Variante von L’estaca verfasst hat. Der Titel des Liedes (Dima dima – „Immer, immer“) ist zugleich der Name von Jradis erster, 2005 gegründeter Band. Es ist bereits 2003, acht Jahre vor Beginn des Arabischen Frühlings, entstanden.

Die Bereitschaft zum Widerstand erhält hier wieder eine etwas andere Akzentuierung als in der Originalversion oder in der polnischen und russischen Variante des Liedes. Jradi legt den Schwerpunkt auf die Liebe zum Hei­matland und die innige Verbindung mit den dort lebenden Menschen. Dies ist für ihn stärker als alle Versuche diktatorischer Machthaber, ein Land ihren Zwecken zu unterwerfen.

Die Popularität, die das Lied in der tunesischen Jasminrevolution erlangte, ist auch Emel Mathlouthi zu verdanken. Die 1982 geborene Singer-Songwriterin trug das Lied öffentlich vor und machte es so zu einer Revolutionshymne. Mathlouthi hat auch den späteren, teils ernüchternden Verlauf der revolutionären Umgestaltung Tunesiens kritisch begleitet.

Yasser Jradi: Dima dima (Immer, immer)

Immer, immmer

Ich schwöre bei dem Schweiß der Maurer,
der auf den Stein tropft und verdampft,
bei den Barfüßigen und bei jenen,
die erschöpft sind von den Launen des Schicksals.

Ich schwöre bei der rechten Hand der Matrosen,
bei der Sonne, bei den Wolken,
beim Wind und der treulosen Welle:
Nie, nie, niemals
werde ich bereuen, dich zu lieben.

Nie, nie, niemals
wird dein Schmerz mich resignieren lassen.
Mit Blut schreibe ich mir deinen Namen in die Hände.
Immer, immer, immer
werde ich zu dir zurückkehren,
wie dornenreich der Weg auch sein sollte.

Selbst wenn die Zeit mich von dir forttragen sollte –
immer, immer, immer
werde ich zu dir zurückehren,
und ich werde deine Felder tränken
mit meinen Tränen.
Selbst wenn du mich verraten solltest,
bist du mir noch teuer.

Ich schwöre bei den Händen der Bauern,
die zwischen Erde und Dornen geboren sind,
aus deren Wunden das Brot entsprossen ist
und die das wankelmütige Schicksal besiegt haben.

Ich schwöre bei den Nächten der Straßenkehrer,
bei allen, die schwer arbeiten müssen: den Holzfällern,
den Berg- und den Landarbeitern:
Nie, nie, niemals
werde ich bereuen, dich zu lieben.

Nie, nie, niemals …

Selbst wenn die Zeit …

Orchesterfassung

Duett mit Emel Mathlouthi (live, unplugged)

Liedtext und Übersetzung ins Italienische auf antiwarsongs.org

Informationen über Yasser Jradi auf radioopensource.org

English Version

An Anthem for the Jasmine Revolution

In Tunisia, Yasser Jradi wrote a text of his own to the melody of Lluís Llach’s L’estaca in 2003. The song became an anthem of the Jasmine Revolution in 2011.

An Imagery Open to Different Interpretations

When Lluís Llach wrote his song L’estaca, he undoubtedly had his Catalan homeland and the Franco regime’s repression of freedom in mind. However, the openness of the imagery he had to choose to circumvent censorship made the song transferable to other constellations of oppression.

On the one hand, this concerns the oppression of an entire population by authoritarian rulers. On the other hand, the song can also be related to the oppression of the culture and language of individual peoples or ethnic groups who are confronted with the hegemony of other peoples.

Love of the Homeland as a Source of Resistance

In the first sense, the song has been taken up in Tunisia, where Yasser Jradi has written his own variant of L’estaca. The title of the song (Dima dima – „Always, always“) is also the name of Jradi’s first band, founded in 2005. It was already written in 2003, eight years before the beginning of the Arab Spring.

The willingness to resist is given here a different accentuation than in the original version or in the Polish and Russian variants of the song. Jradi puts the emphasis on the love of the homeland and the close ties with the people living there. For him, this love is stronger than all attempts by dictatorial rulers to subjugate a country to their own ends.

The popularity the song gained in Tunisia’s Jasmine Revolution is also thanks to Emel Mathlouthi. The singer-songwriter, born in 1982, performed the song in public, thus making it a revolutionary anthem. Mathlouthi also critically accompanied the later, partly sobering course of Tunisia’s revolutionary transformation.

Yasser Jradi: Dima dima (Always, Always)

I swear by the sweat of the masons,
which drips and evaporates on the stone,
by the barefooted and by those
who are stricken with the whims of fate.

I swear by the right hand of the sailors,
by the sun and by the clouds,
by the wind and the treacherous wave:
Never, never, never
will I regret loving you.

Never, never, never
will I resign myself to your pain.
With blood I write your name on my hands.
Always, always, always
will I return to you,
however thorny the path may be.

Even if time should carry me away from you –
always, always, always
will I return to you,
and I will water your fields with my tears.
Even if you should betray me,
you are still dear to me.

I swear by the hands of the peasants,
who were born among earth and thorns,
from whose wounds the bread has sprouted
and who have conquered the capricious fate.

I swear by the nights of the street sweepers,
by all those who have to work hard,
the woodcutters, the miners and the farm labourers:
Never, never, never
will I regret loving you.

Never, never, never …

Even if time …

Yasser Jradi: Dima dima (2003)

Orchestral version

Duet with Emel Mathlouthi (live, unplugged)

Lyrics and translation into Italian on antiwarsongs.org

Information about Yasser Jradi on radioopensource.org

Bilder / Images: Leomaros: Sit-in auf dem zentralen Place de la Kasbah in Tunis während der Jasminrevolution, Januar 2011 /Sit-in at the central Place de la Kasbah in Tunis during the Jasmine Revolution, January 2011 (Wikimedia commons); Houssem Abida: Yasser Jradi, 2018 (Wikimedia commons, Ausschnitt / Detail); Michael Coghlan: Emel Mathlouthi, 2014 („Curls“; Wikimedia Commons)

Eine Antwort auf „Eine Hymne für die Jasminrevolution / An Anthem for the Jasmine Revolution

  1. Jakob

    Auch diese Fassung von L’estaca ist sehr interessant. Das Duett klingt wundervoll. Der Adventskalender ist sehr spannend und informativ. Bin gespannt auf die kommenden Posts.

    Gefällt mir

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