Die Notfalluhr / The Emergency Watch

Tagebuch eines Schattenlosen/2: Der Blackout/7 / Diary of a Shadowless Man/2: The Blackout/7

Kurz vor dem Beginn der geplanten Antikriegsaktion versammelt George die Teammitglieder noch einmal um sich. Dabei verteilt sie äußerst seltsame Uhren unter ihnen.

Shortly before the start of the planned anti-war action, George gathers the team members around her once more. At the meeting, she distributes distinctly strange watches among them.

Mittwoch, 4. Oktober, abends

Morgen ist der Tag der Wahrheit – und George hat uns auf ihre ganz eigene Art darauf eingestimmt.
Heute Abend hat sie uns alle noch einmal zusammengerufen, um letzte Details zu besprechen. Zuerst sind wir alles noch einmal minutiös durchgegangen: Zeitplan, Aufgabenverteilung, Kommunikationswege. Alles haben wir noch einmal Punkt für Punkt besprochen.
Dann hat George plötzlich vier Armbanduhren auf den Tisch gelegt – eine nach der anderen, ganz langsam, mit dem ihr eigenen Sinn für Dramatik.
„Imposante Teile“, kommentierte Schorsch, „aber für unsere Zwecke etwas zu klobig, würde ich sagen.“
In der Tat wirkten die Uhren auf den ersten Blick eher wie Taschenuhren. Ihr Ziffernblatt war zwar nicht größer als bei anderen Armbanduhren. Die Umrandung war jedoch viel breiter als gewöhnlich. Mit ihrer leichten Wölbung erinnerte sie fast an das Äußere eines Rouletterades.
George lächelte vielsagend. „Das sind keine gewöhnlichen Uhren“, erklärte sie. Sie nahm eine der Uhren in die Hand und hielt sie uns vor die Augen. „Seht ihr die kleine Krone hier am Rand?“
„Klar“, meinte Yvonne, „so was haben doch alle mechanischen Uhren. Wie sollte man sie sonst auch aufziehen?“
„Stimmt“, bestätigte George. „In diesem Fall hat das kleine Krönchen aber noch eine andere Funktion. Wenn ihr es eindrückt, lässt sich das Rad am Rand der Uhr drehen. Und mit jeder Umdrehung …“
„… entweicht eine Schlafmittelwolke, die unsere Gegner im Notfall außer Gefecht setzt – richtig?“ führte Schorsch den Satz weiter.
„Nicht ganz“, korrigierte George ihn ungerührt. „Das Rad ist so etwas wie ein unsichtbarer Schleudersitz: Die Umdrehungen katapultieren euch aus der Gegenwart heraus. Eine Drehung im Uhrzeigersinn, und ihr landet in der Zukunft. Eine Drehung in entgegengesetzter Richtung, und ihr werdet in die Vergangenheit entführt.“
Alle sahen sie entgeistert an. War George übergeschnappt? Größenwahnsinnig? Oder trieb sie nur ihren Schabernack mit uns – ausgerechnet zu einem so heiklen Zeitpunkt, wenige Stunden vor dem Beginn unserer Mission?
Lina fand als Erste ihre Sprache wieder. „Ich verstehe nicht ganz, was … Was soll das heißen, George?“
„Genau das, was ich gesagt habe“, bekräftigte George in ruhigem Ton. „Die Uhr bietet euch im Notfall die Möglichkeit, aus dieser Zeit zu fliehen.“
„Aber das ist doch völlig unmöglich!“ protestierte ich. „Zeitmaschinen gibt es nicht. Das ist doch nichts als eine Erfindung der Sciencefiction-Industrie!“
„Warum demonstrierst du uns nicht einfach, wie die Uhr funktioniert?“ schlug Yvonne vor. „Wenn es stimmt, was du sagst, müsstest du doch einfach mal kurz in eine andere Zeit entschwinden und dann wieder hierher zurückkehren können.“
George schüttelte bedauernd den Kopf. „Ganz so einfach ist die Sache nun auch wieder nicht. Niemand kann schließlich wissen, wo genau er in der fremden Zeit landet und in was er dort verwickelt wird. So etwas wie Zeit-Hopping gibt es nicht – das scheitert einfach an den fremden Realitäten, in die man bei einer Zeitreise hineingerät. Deshalb ist diese Uhr ja auch nur für den Notfall gedacht – als letzter Rettungsanker in einer Situation, aus der es keinen anderen Ausweg gibt.“
Wir sahen sie noch immer ungläubig an. „Ehrlich gesagt – das klingt für mich doch zu sehr nach einem Märchen aus 1001 Nacht“, meinte Schorsch. „Und außerdem: Wenn du dieses seltsame Ding noch nie ausprobiert hast – wer garantiert uns dann überhaupt, dass es funktioniert?“
„Niemand“, gab George unumwunden zu. „Ich habe die Uhren vor nicht allzu langer Zeit auf einem Trödelmarkt gekauft. Zuerst war ich gar nicht auf den Stand aufmerksam geworden, sondern auf die Verkäuferin – eine Frau mit langen roten Haaren, die sie zu einem gewaltigen Dutt zusammengebunden hatte. Sie trug eins von diesen mittelalterlichen Kleidern mit den pelzumrandeten Höllenfenstern um die Achselhöhlen – was aber auch kein Wunder war, weil das Ganze als Mittelaltermarkt etikettiert war.“
„Aha – eine durchgedrehte Dame hat dir die Umdrehungsuhren angedreht!“ kalauerte Schorsch.
„Andrehen ist nicht das richtige Wort“, stellte George klar. „Als die Frau mir die Funktionsweise der Uhren erklärt hat, habe ich zunächst genauso reagiert wie ihr jetzt. Warum ich ihr schließlich doch geglaubt habe – oder sagen wir lieber: glauben wollte –, kann ich euch auch nicht sagen. Jedenfalls hat die Händlerin mich in keiner Weise dazu gedrängt, ihr die Uhren abzukaufen. Das hat für mich die Seriosität des Angebots natürlich erhöht. Das Entscheidende war aber etwas anderes. Die Frau wirkte irgendwie, wie soll ich sagen … aus der Zeit gefallen. Sie machte den Eindruck, als wäre sie selbst schon mehrfach in anderen Zeiten zu Besuch gewesen.“
„Hat es dich denn nie gereizt, die Uhr einmal auszuprobieren?“ wollte Lina wissen.
„Doch, natürlich“, räumte George ein. „Aber wie gesagt: Die Uhr soll einem zwar zu einem Sprung in eine andere Zeit verhelfen – eine Präzisionsmaschine ist sie aber nicht. Laut Auskunft der Händlerin katapultiert sie ihre Träger jeweils um etwa 500 Jahre in die Zukunft oder in die Vergangenheit. Die Zeitintervalle sind in beiden Richtungen auf dem Zeitstrahl immer genau gleich, doch kann die Uhr, wie jede mechanische Uhr, auch einmal vor- oder nachgehen. Deshalb können die Zeitintervalle sich auch immer mal wieder ausdehnen oder verkürzen.“
„Klingt nicht gerade vertrauenerweckend“, kommentierte ich.
„Stimmt“, räumte George ein. „Deshalb habe ich auch beschlossen, die Uhren als reines Notfallset zu betrachten. Das Risiko, mich irgendwo in den Weiten des Zeitmeeres zu verlieren, war mir einfach zu groß.“
Am Ende war niemand so recht überzeugt von Georges Uhren-Story. Angezogen haben wir die Taschenuhren aber trotzdem. Schließlich war es ja auch ein Zeichen von Fürsorge, dass George die Uhren extra für diesen besonderen Anlass zurückgelegt hatte. Deshalb betrachteten wir sie einfach als eine Art Talisman, als etwas, das uns in brenzlige Situation ein Gefühl der Sicherheit vermitteln könnte.

English Version

The Emergency Watch

Wednesday, October 4, evening

The moment of truth draws near – and George has prepared us for it in her own special way.
Tonight she called us all together again to discuss final details. First, we went through everything again meticulously: Schedule, distribution of tasks, communication channels. Everything was discussed point by point.
Then George suddenly put four wristwatches on the table – one after the other, very slowly, with her particular sense of drama.
„Impressive gadgets,“ commented Shorsh, „but a bit too clunky for our purposes, I’d say.“
Indeed, at first glance, the watches looked more like pocket watches. True, their dials were no larger than those of other wristwatches. The edging, however, was much wider than usual. With its slight curvature, it was almost reminiscent of the exterior of a roulette wheel.
George smiled meaningfully. „These are not ordinary watches,“ she explained. She took one of the watches in her hand and held it before our eyes. „See the little crown here on the rim?“
„Sure,“ Yvonne said, „all mechanical watches have that. How else could you wind them?“
„That’s right,“ George confirmed. „But in this case, the little crown has yet another function. If you press it in, the wheel on the edge of the clock can be turned. And with each turn …“
„… a cloud of sleeping powder escapes, which incapacitates our opponents in an emergency – right?“ continued Shorsh the sentence.
„Not quite,“ George corrected him unblinkingly. „The wheel is something like an invisible ejector seat: the rotations catapult you out of the present. One turn clockwise, and you travel into the future. One turn in the opposite direction, and you’re carried off into the past.“
Everyone looked at her in bewilderment. Had George gone mad? Was she suffering from megalomania? Or was she just playing tricks on us – at such a delicate moment, just a few hours before the start of our mission?
Lina was the first to regain her speech. „I don’t quite understand what … What does that mean, George?“
„Exactly what I said,“ George affirmed in a calm tone. „The watch offers you the possibility of escaping from this time in an emergency.“
„But that’s completely impossible!“ I objected. „Time machines don’t exist. They are nothing but an invention of the science fiction industry!“
„Why don’t you just demonstrate how the clock works?“ Yvonne suggested. „If it’s true what you say, you should be able to slip away into another time for a moment and then come back here again.“
George shook her head regretfully. „It’s not quite that simple. After all, you never know where you’re going to end up in the other time and what you’re getting involved in. There’s no such thing as time hopping – that’s simply prevented by the foreign realities you get into when travelling through time. That’s precisely why this watch is only meant for emergencies – as a last lifeline in a situation from which there is no other way out.“
We were still looking at her in disbelief. „Honestly – that sounds like a fairy tale from the Arabian Nights to me,“ Shorsh stated. „And besides, if you’ve never tried this strange thing – how can you be sure that it works?“
„In fact, I’m not sure of it at all,“ George admitted bluntly. „I bought the watches at a flea market not long ago. At first, it wasn’t the stall that caught my attention, but the woman selling the watches – a woman with long red hair tied up in a formidable bun. She was wearing one of those medieval dresses with fur-rimmed hell windows around the armpits – which was no surprise, because the whole event was labelled as a medieval market.“
„I see – the freaky lady freaked you out!“ Shorsh quipped.
„I wouldn’t say she was freaky,“ George made clear. „Admittedly, when the woman explained to me how the watches worked, I initially reacted in the same way as you do now. Why I finally believed her – or let’s rather say wanted to believe her –, I can’t tell you either. In any case, she didn’t urge me in any way to buy the watches from her. This of course increased the seriousness of the offer for me. But the decisive thing was something else. The woman seemed somehow, how can I put it … out of time. She gave the impression that she herself had visited other times more than once.“
„Didn’t you ever feel tempted to try out the watch?“ Lina wanted to know.
„Yes, of course,“ George conceded. „But as I said, the watch is supposed to help you escape into another time, but it is not a high-precision device. According to the saleswoman, it catapults its users about 500 years into the future or into the past. The time intervals are always exactly the same in both directions on the timeline, but the watch, like any mechanical watch, can go forward or backward once in a while. Therefore, the time intervals can also expand or shrink every now and then.“
„Doesn’t sound very trustworthy,“ I commented.
„True,“ George admitted. „That’s why I decided to consider the watches purely as an emergency kit. I just didn’t want to take the risk of getting lost somewhere in the vastness of the sea of time.“
In the end, no one was quite convinced by George’s story. But we put on the watches anyway. After all, it was a sign of caring that George had put the clocks back especially for this particular occasion. So we simply regarded them as a kind of talisman, as something that could give us a feeling of security in dicey situations.

Bilder / Images: Stefan Keller: Magische Zeit / Magic time (Pixabay; detail); Stefan Keller: Magische Uhr / Magic clock (Pixabay)

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