Privataudienz bei George/2 / Private Audience with George/2

Tagebuch eines Schattenlosen/2: Der Blackout/4 / Diary of a Shadowless Man/2: The Blackout/4

Im zweiten Teil des Gesprächs mit George erfährt Theo mehr über die geplante Aktion der Dunkelmänner und die Rolle, die er dabei spielen soll.

In the second part of the conversation with George, Theo learns more about the planned action of the Disciples of Darkness and the role he is supposed to play in it.

Montag, 2. Oktober, abends

Schöpfungswürfel, kosmische Zyklen, menschliche Finsternisse, die das Meer der Zerstörung mästen … Im Lichte der Gedanken, zu denen der Spaziergang mit Lina mich angeregt hat, kommt mir Georges Blackout-Mission ziemlich größenwahnsinnig vor. Sie erinnert mich an die Staumauern aus Sand, die wir in der Kindheit am Strand gebaut haben. Ich weiß noch, wie wichtig ich mich dabei gefühlt habe – als würde ich das ganze große Meer in neue Bahnen lenken mit meinem Bauwerk.
Aber natürlich sind das einfach zwei verschiedene Perspektiven. Wer vom Gipfel auf das Tal herabschaut, nimmt die Welt eben anders wahr als diejenigen, die sich durch das Ameisengewimmel in der Ebene ihren Weg bahnen müssen.

Äußere und innere Schatten

Meine Verwunderung darüber, dass die geplante Aktion schlicht aus der Erzeugung eines kurzzeitigen Blackouts bestehen sollte, hatte George mit einem gelassenen Lächeln quittiert. Statt mir zu antworten, hatte sie erst einmal ihren Cocktail ausgetrunken.
„Ach, mach mir doch noch einen, mein Großer“, bat sie dann Hervé, indem sie ihm das Glas hinhielt. „Ich kann einfach nicht genug kriegen von deinem Feuer!“ Sie wies fragend auf mein Glas, aber ich hatte keinen Bedarf an einer zweiten Portion Feuer. Einmal Feuerschlucken war genug!
Goldlöckchen grinste geschmeichelt und zog ab ins Nebenzimmer. Zu mir gewandt, meinte George: „Stell dir so eine Aktion mal nicht zu einfach vor! Schließlich reden wir hier von einer Art Sonnenfinsternis bei einer Ansprache des Präsidenten, vor unzähligen Kameras und etlichen Scheinwerfern, die jeden Winkel des Raumes ausleuchten.“
„Stimmt“, räumte ich ein. „Daran hatte ich gar nicht gedacht. Das ist wahrscheinlich wirklich keine leichte Übung.“
George nickte. „Ganz und gar nicht. Immerhin spielt uns die Dramaturgie der Ansprache ein bisschen in die Karten. Der Ernst der Situation soll dadurch vor Augen geführt werden, dass die Ansprache auf einer Militärbasis gehalten wird, in einer Art Bunker. Dadurch haben wir mit dem Sonnenlicht schon mal keine Probleme. Und für die allgemeine Stromversorgung haben wir ziemlich ausgefuchste Nerds an der Hand, die sich ins Elektrizitätswerk einhacken werden. Das Dumme ist nur, dass eine solche Militärbasis natürlich über Notstromaggregate verfügt. Die auszuschalten, ist der schwierigste Teil der Operation.“
Ich sah sie fragend an. War das etwa die mir zugedachte Aufgabe? „Wenn du hier auf meine Hilfe zählst, muss ich dich leider enttäuschen“, bekannte ich. „Ich bin nicht gerade das, was man einen Elektrik-Freak nennen würde.“
George schmunzelte. „Wir brauchen dafür ja auch gar keinen Elektrik-Freak. Die Notstromaggregate lassen sich ganz einfach per Knopfdruck ausschalten. Die Schwierigkeit besteht darin, an den Knopf heranzukommen. Das geht nur, indem wir Leute in den Bunker einschleusen.“
Mein Herz begann schneller zu schlagen. „Dann soll ich hier also als eine Art Mata Hari der Schattenlosen in Aktion treten?“ fragte ich, um einen lockeren Ton bemüht.
„Nicht du allein“, stellte George klar. „Wir hatten ursprünglich an eine Drei-Personen-Aktion geplant. Lina und Yvonne haben wir als Aufwartefräuleins bei der Catering-Firma untergebracht. Sie werden vor der Rede des Präsidenten Drinks und Canapés servieren und sich dann in einem unbemerkten Moment davonstehlen, um die beiden Notstromgeneratoren auszuschalten. Aber natürlich wird jeder Winkel in der Anlage von Videokameras beäugt. Deshalb brauchen wir auch jemanden im zentralen Überwachungsraum, über den die Monitore der Basis koordiniert werden. Wenn Lina und Yvonne sich an den Notstromaggregaten zu schaffen machen, müssen die Monitore altes Bildmaterial zeigen, das dem Überwachungspersonal signalisiert: Alles easy – still ruht der See!“
Langsam verstand ich, worauf die Sache hinauslief. „Dann wäre mein Part also, das Bildmaterial auszutauschen?“
„Eigentlich hatten wir dafür nur Schorsch eingeplant“, erläuterte George. „Aber jetzt ist uns zu Ohren gekommen, dass das Präsidenten-Team auch im Kontrollraum Security-Leute platzieren wird, sozusagen als Überwacher der Überwacher. Deshalb brauchen wir einen zweiten Mann, der die Security-Meute im entscheidenden Moment ablenkt. Und hier kommst du nun ins Spiel.“
George blickte mich erwartungsvoll an. In meiner Verunsicherung griff ich zunächst einmal nach dem Cocktail und kaute auf dem Strohhalm herum. „Und wann soll die Aktion steigen?“ fragte ich schließlich.
„Schon nächsten Donnerstag“, gestand mir George. „Ich weiß, das kommt jetzt ein bisschen plötzlich für dich. Aber wir haben ja auch erst gestern von dem zusätzlichen Security-Personal erfahren. Selbstverständlich kannst du Nein sagen, wenn du dich unsicher fühlst. Du bist ja noch gar nicht so lange dabei, und normalerweise hätte ich dich auch nicht gefragt. Aber Lina hat sich so für dich eingesetzt, dass …“
„Nein-nein“, sagte ich schnell, „ihr könnt natürlich auf mich zählen! Ich wollte ja nur wissen, was auf mich zukommt.“
In Wahrheit hätte ich gut auf diese Ehre verzichten können. Aber Lina enttäuschen? Nein, das kam auf keinen Fall in Frage, jetzt, nachdem wir endlich wieder zueinandergefunden hatten!
Aus dem Nebenraum war das Klirren von Gläsern zu hören. Hervé hatte den Drink für seine Herrin fertig angerührt. Obwohl ich abgelehnt hatte, servierte er auch mir eine zweite Runde.
„Ah, da kommt ja mein Feuermacher!“ jubelte George, als ihr Schützling ihr den Cocktail überreichte. Unverzüglich machte sie sich daran, das lagunenblaue Nass in ihre Kehle zu saugen, während ich mein Glas zunächst unberührt auf dem Tisch stehen ließ.
„Sag mal“, fragte ich nach einer Weile, „woher habt ihr eigentlich all diese Informationen? Der Stromkreislauf in einer Militärbasis, die Dienstpläne des Sicherheitspersonals eines Präsidenten – so etwas lässt sich doch nicht einfach aus dem Internet runterladen.“
George lehnte sich entspannt in ihrem Sessel zurück. Zärtlich strich sie Hervé, der wieder wie ein Schoßhündchen an ihrer Seite saß, über den Rücken. „Weißt du“, sagte sie dann in ihrer kryptischen Art, „es gibt zwei Arten von Selbstsicherheit. Die eine bekommst du von einem dieser Instant-Schatten von Shadow Colours oder auch von deinem angeborenen Schatten. Diese Selbstsicherheit ist eine geborgte Selbstsicherheit, eine Sicherheit, die in Wahrheit gar nicht aus dir selbst kommt.“
„Schon klar“, warf ich ein, „aber ich verstehe nicht, was …“
George gab mir ein Stopp-Zeichen mit der Hand. „Nur Geduld“, bat sie mich, wohl selbst schon ein wenig sediert von ihrer blauen Droge. „Gleich wirst du verstehen, worauf ich hinauswill. Also: Die andere Selbstsicherheit, die aus dir selbst kommt, die Selbstsicherheit, bei der du wirklich deiner selbst sicher bist, die versuchen wir hier zu erlangen. Sie beruht darauf, dass dein Schatten für dich nicht mehr etwas Äußerliches ist, sondern ein Teil von dir wird, dass er sozusagen in dir selbst heranwächst, anstatt von außen in dich einzudringen.“
An diesem Punkt beschloss Hervé, seiner Meisterin zur Seite zu springen. Vielleicht hatte er Angst, sie würde nach den gehaltvollen Cocktails nicht mehr auf den Punkt kommen. „Was Georgie eigentlich sagen will, ist: Wer durch diese Schule hier gegangen ist, auf den können wir uns hundertprozentig verlassen. Und so haben wir halt überall Leute, die uns die nötigen Informationen beschaffen.“
„Genau“, bestätigte George. „Wer sich selbst hier kennengelernt hat, lernt dadurch auch die Welt kennen – und begreift zugleich, dass die Welt nicht so bleiben kann, wie sie ist, wenn wir sie vor ihrem Untergang bewahren wollen. Das Leben bei den Dunkelmännern ist ja nichts anderes als ein Kraftquell. Alle kehren von Zeit zu Zeit hierher zurück, um neue Energie zu tanken. Aber wir alle wissen: Die Veränderungen in uns dürfen immer nur der erste Schritt für Veränderungen außer uns sein.“
Ein kurzes Schweigen trat ein. George tauchte wieder in ihre Cocktail-Lagune ein, und auch ich tauchte den Strohhalm nun in mein zweites Glas. Ich muss zugeben, dass der Cocktail umso besser schmeckte, je häufiger ich daran nippte. Aber vielleicht war ich ab einem gewissen Punkt auch zu benebelt, um das, was der Drink mit mir machte, von seinem Geschmack zu unterscheiden. Lange hatte ich mich nicht mehr so leicht gefühlt!
„Was ich noch fragen wollte“, sagte ich nach einer Weile, meine Zunge zu ordentlicher Artikulation bändigend. „Wie seid ihr eigentlich auf den Namen ‚Dunkelmänner‘ gekommen? Und heißen die Frauen dann Dunkelmänn … Dunkelmännin … na, du weißt schon.“
Lachend erwiderte George: „Männlein! Weiblein! Dir müsste doch klar sein, dass das für mich keinen Unterschied macht. Der Begriff war einfach da, und er passte eben ganz gut zu uns. Das Entscheidende ist: Wir wollen die Dunkelheit selbst gestalten, anstatt uns von ihr gestalten zu lassen. Nichts anderes drückt der Begriff ‚Dunkelmänner‘ aus.“
Den Rest meiner Privataudienz bei George sehe ich nur noch wie durch einen blauen Nebel hindurch. Ich hätte eben den zweiten Cocktail nicht anrühren dürfen! Irgendwann muss ich wohl in meine Kammer gewankt sein, um meinen Rausch auszuschlafen.

English Version

Private Audience with George/2

Monday, October 2, evening

Creation cubes, cosmic cycles, human darknesses fattening the sea of destruction … In the light of the thoughts inspired by the walk with Lina, George’s blackout mission seems rather megalomaniac. It reminds me of the dam walls of sand I used to build on the beach when I was a child. I remember how powerful I felt then – as if I were steering the whole big sea in a new direction with my construction.
But of course these are just two different perspectives. Those who look down on the valley from the summit perceive the world differently than those who have to make their way through the swarm of ants on the plain.

Outer and Inner Shadows

My astonishment that the planned action consisted merely in causing a momentary blackout had been met with a serene smile by George. Instead of answering me, she had first finished her cocktail.
„Oh, be so kind and mix me another one, my precious,“ she then asked Hervé, holding the glass out to him. „I just can’t get enough of your fire!“ She pointed questioningly at my glass, but I felt no desire for a second helping. One swallow of fire was enough!
Goldilocks grinned flattered and left for the next room. Turning to me, George said: „Don’t imagine such an action to be too easy! After all, we’re talking here about a kind of solar eclipse at a presidential speech, in front of countless cameras and quite a few spotlights illuminating every corner of the room.“
„True,“ I conceded. „I hadn’t thought of all that. It’s probably really not an easy exercise.“
George nodded. „Not at all. At least, the dramaturgy of the speech plays a bit into our hands. The presidential team wants to make the seriousness of the situation clear by having the speech held on a military base, in a kind of bunker. That way we don’t have any problems with the sunlight. And for the general power supply, we have some pretty clever nerds on hand who will hack into the power station. The only trouble is that a military base like this of course has emergency generators. Turning those off is the hardest part of the operation.“
I looked at her questioningly. Was this the task I was supposed to carry out? „If you’re counting on my help here, I’m afraid I have to disappoint you,“ I confessed. „I’m not exactly what you’d call an electrical freak.“
George grinned. „Well, we don’t need an electrical freak for that. The emergency generators can be switched off quite easily, just by pressing a button. The difficulty is to get to the button. The only way to do that is by infiltrating people into the bunker.“
My heart began to beat faster. „So I’m supposed to go into action here as some kind of Mata Hari of the shadowless?“ I asked, trying for a joking tone.
„Not you alone,“ George clarified. „We had originally thought of a three-person operation. Lina and Yvonne we’ve got in as waitresses with the catering company. They will serve drinks and canapés before the president’s speech and then steal away in an unnoticed moment to switch off the two emergency generators. But of course, every nook and cranny in the complex will be eyed by video cameras. That’s why we also need someone in the central surveillance room, where the monitors of the base are coordinated. When Lina and Yvonne tamper with the emergency generators, the monitors have to show old footage that signals the surveillance staff: Everything’s easy – no danger in sight!“
Gradually, I began to understand what this was all about. „So my part would be to exchange the footage?“
„Actually, we only had Shorsh scheduled for that,“ George explained. „But now we’ve heard that the presidential team is going to place security people in the control room as well, as supervisors of the supervisors, so to speak. So we need a second man to distract the security guys at the crucial moment. And that’s where you come into play.“
George looked at me expectantly. In my uncertainty, I first reached for the cocktail and chewed on the straw. „And when is the action supposed to take place?“ I finally asked.
„As early as next Thursday,“ George confessed to me. „I know this is a bit abrupt for you. But we only found out about the extra security staff yesterday. Of course you can say no if you feel unsafe. You haven’t been here that long, and normally I wouldn’t have asked you. But Lina has stood up for you so much that …“
„Don’t worry,“ I said quickly, „of course you can count on me! I just wanted to know what I have to be prepared for“.
In truth, I could well have done without this honour. But disappoint Lina? No, that was out of the question, now that we had at last found our way back to each other!
The clink of glasses could be heard from the next room. Hervé had finally finished preparing the drink for his mistress. Although I had refused, he had also stirred a second one for me.
„Ah, here comes my firemaker!“ cheered George as her protégé handed her the cocktail. She immediately set about sucking the lagoon blue liquid down her throat, while I left my glass untouched on the table for the time being.
„Tell me,“ I asked after a while, „where did you actually get all this information? The power circuit in a military base, the duty rosters of a president’s security personnel – something like that can’t just be downloaded from the internet.“
George leaned back in her chair, relaxed. Tenderly, she stroked the back of Hervé, who was again sitting at her side like a lapdog. „You know,“ she said then in her cryptic way, „there are two kinds of self-confidence. One you get from one of those instant shadows of Shadow Colours or from your innate shadow. This self-confidence is a borrowed one – a self-confidence that in truth doesn’t come from yourself at all.“
„That’s well understood,“ I interjected, „but I don’t see what …“
George gave me a stop sign with her hand. „Just be patient,“ she asked me, probably already a little sedated herself from her blue drug. „You’ll realise what I’m getting at in a moment. Well, the other self-assurance – the one that comes from within yourself, the self-assurance in which you are really sure of yourself – that’s what we are trying to achieve here. It is based on the fact that your shadow is no longer something external to you, but becomes a part of you – that it grows within you, so to speak, instead of invading you from the outside.“
At this point, Hervé decided to assist his mistress a bit. Maybe he was afraid she wouldn’t get to the point after the rich cocktails. „What Georgie wants to say is: Whoever has gone through this school here is someone we can rely on one hundred percent. And so we just have people everywhere who provide us with the information we need.“
„Exactly,“ George confirmed. „Those who have come to know themselves here also come to know the world through this – and at the same time understand that the world cannot remain as it is if we want to save it from its downfall. Life with the Disciples of Darkness is nothing other than a source of energy. Everyone returns here from time to time to recharge their batteries. But we all know: The changes inside us must always be only the first step for changes outside us.“
A brief silence fell. George dipped back into her cocktail lagoon and I too plunged the straw into my second glass. I have to admit that the more I sipped the cocktail, the better it tasted. But perhaps I was just too woozy to distinguish what the drink was doing to me from its taste. It had been a long time since I felt so light!
„By the way,“ I said after a while, taming my tongue to proper articulation. „How did you actually come up with the name ‚Disss… Disciples of Darkness‘? Aren’t we rather trying to escape the darkness here?“
George grinned to herself. „Admittedly, the term is a little provocative. However, the crucial point is: we want to shape the darkness ourselves, rather than let it shape us. That’s what the term ‚Disciples of Darkness‘ is supposed to express.“
As for the rest of my private audience with George, I only see it as if through a blue mist. I shouldn’t have touched the second cocktail! At some point I must have staggered into my room to sleep off my inebriation.

Bilder / Images: Pete Linforth: Kapuzen-Mann / Hooded man (Pixabay); Dorothe (Darkmoon_Art): Sternenhimmel mit Wurmloch / Starry sky with wormhole (Pixababy)

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