Trügerische Harmonie / Deceptive Harmony

Tagebuch eines Schattenlosen/2: Der Blackout/3 / Diary of a Shadowless Man/2: The Blackout/3

Theo unternimmt einen schönen Herbstspaziergang mit Lina – aber auch dabei lassen ihn die Gedanken an die „menschlichen Finsternisse“ nicht los.

Theo goes for a nice autumn walk with Lina – but even then he can’t help thinking about the „human darknesses“.

Montag, 2. Oktober, nachmittags

Lina ist vorbeigekommen, um mich zu einem Ausflug in den goldenen Oktober zu entführen. Sie hat ja Recht! Einen so schönen Herbsttag in einer stickigen Kammer zu verbringen, ist eine Sünde.
Ich habe diese letzten euphorischen Tage des Jahres schon immer gemocht. Dieses wehmütige Blinzeln der Blätter, ihr flackerndes Einstimmen in den finalen Reigen, bevor sie in der Nacht des Erdreichs versinken. Dieses Carpe-diem-Leuchten der Astern, das unbefleckte Blau des Himmels, in das die fortziehenden Vogelschwärme kryptische Zeichen malen. Alles verströmt auf einmal den Atem der Vollendung.
Warum ist das eigentlich nie Gegenstand der Meditationen hier? Weshalb bemühen wir uns nicht um einen Gleichklang unseres Inneren mit der äußeren Harmonie? Wieso machen wir unsere Seelen nicht zu Spiegeln der äußeren Vollkommenheit, anstatt uns immer wieder mit Grübeleien über das Wie und Warum unseres Tuns und Denkens zu martern?
War dies nicht schon immer der Sinn klösterlicher Gemeinschaften – die Schönheit der Schöpfung zu preisen? Sie zur Geltung zu bringen gegen das Meer der Zerstörung, so heftig es auch gegen die Klostermauern branden mochte?
Auf der anderen Seite ist mir natürlich klar, dass der Eindruck vollkommener Harmonie trügerisch ist. Was heute eine überirdische Schönheit ausstrahlt, kann morgen schon der Achtlosigkeit menschlicher Expansionslust zum Opfer fallen.
Die herbstliche Stimmung beruht deshalb heute nicht mehr nur auf dem natürlichen Zyklus des Werdens und Vergehens. Sie ist auch den Verlustängsten geschuldet, die sich aus der Tendenz der menschlichen Zivilisation ergeben, auch noch die letzten unberührten Ecken dieser Welt ihrem Verwertungsinteresse zu unterwerfen.
Ja, auch die Natur selbst hat eine zerstörerische Seite. Aber in ihr bedeutet jeder Tod auch eine Neugeburt, immer geht ein Leben in einem anderen auf. Was nach Untergang aussieht, ist in Wahrheit bloß ein Gestaltwechsel. Nur der Mensch ist ein Meister des Todes, er allein ist imstande, das Füllhorn des Lebens in tote Materie zu verwandeln.
Aber was heißt das schon – „der Mensch“? Unzählige Dichter haben das harmonische, in sich ruhende Wesen der Natur besungen! Generationen von Mönchen und Nonnen haben sich dem Lobpreis der Schöpfung verschrieben und sich in Gebet und Gesang in sie vertieft!
Und doch mästet sich das Böse von Jahr zu Jahr mehr an den menschlichen Finsternissen …
Wie kann das sein? Wie kann eine Schöpfung, deren Grundprinzip das Werden ist, in sich den Keim tragen zu etwas, das jedem Werden den Boden entzieht?
Verfügt das Böse, Zerstörerische womöglich einfach über mehr Energie als das Schöpferische, Aufbauende? Wächst es an dem, was es vernichtet?
Ist das Böse also ein Konstruktionsfehler im Bauplan der Schöpfung, eine Tumorneigung in ihrer DNA, die sie dem schleichenden Verfall preisgibt? Oder liegt in dem Ganzen ein tieferer Sinn? Ist die Schöpfung ganz bewusst so konstruiert, dass sie sich mit der Zeit selbst zersetzt, so dass die Schöpfungswürfel wieder in die Hand Gottes zurückfallen und er sie neu auswerfen kann?

English Version

Deceptive Harmony

Monday, October 2, in the afternoon

After lunch, Lina came by to take me on a foray into the golden October. She’s absolutely right! Spending such a beautiful autumn day in a stuffy room is a sin.
I’ve always liked these last euphoric days of the year. That wistful blinking of the leaves, their flickering entrance into the final round dance before they sink into the night of the earth. This carpe-diem glow of the asters, the immaculate blue of the sky, into which the departing flocks of birds paint cryptic signs. All at once, everything exudes the breath of perfection.
Why is this actually never the subject of the meditations here? Why don’t we strive to harmonise our inner being with the outer harmony? Why don’t we make our souls mirrors of outer perfection instead of torturing ourselves again and again with musings on the how and why of our actions and thoughts?
Hasn’t this always been the purpose of monastic communities – to praise the beauty of creation? To bring it to the fore against the sea of destruction, no matter how fiercely it may be raging against the monastery walls?
On the other hand, I am of course aware that the impression of perfect harmony is deceptive. What radiates an unearthly beauty today may already fall victim to the ruthlessness of human thirst for expansion tomorrow.
The autumnal mood is therefore no longer based merely on the natural cycle of becoming and passing away. It is also due to the fear of loss resulting from the tendency of human civilisation to subject even the last untouched corners of this world to its desire for exploitation.
It is true, nature itself also has a destructive side. But in nature, every death also gives rise to a new birth, one life always ends up in another. What looks like destruction is in reality just a change of form. Only human beings are masters of death, they alone are capable of transforming the cornucopia of life into dead matter.
But can we speak of „human beings“ in general here? Countless poets have sung of the harmonious nature and its peaceful resting in itself! Generations of monks and nuns have dedicated themselves to the praise of creation and immersed themselves in it in prayer and song!
And yet, year after year, evil fattens itself more and more on the human darknesses …
How can this be? How can a creation whose basic principle is that of growing, developing, becoming, carry within itself the seed of something that undermines the very process of growing?
Is it possible that the evil, the destructive simply has more energy than the creative, the constructive? Does it grow from what it destroys?
In other words, is evil a design flaw in the blueprint of creation, a tumour defect in its DNA that exposes the creation to gradual decay? Or is there a deeper meaning in it all? Is creation deliberately designed to decompose itself over time so that the dice of creation fall back into God’s hand and he can cast them anew?

Bilder / Images: Louis Eilshemius (1864 – 1941): Herbstlandschaft / Autumn landscape (ca. 1919); Washington, Smithsonian American Art Museum (Wikimedia Commons); William Trost Richards (1833 – 1905): Indian Summer (1875); New York, Metropolitan Museum of Art (Wikimedia Commons)

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