Telefonat mit Lina / Phone Call with Lina

Tagebuch eines Schattenlosen, Teil 21/ Diary of a Shadowless Man, Part 21

Donnerstag, 27. Juli

Anruf von der Bank. Man habe da einen größeren Geldeingang auf meinem Konto verzeichnet: Ob ich Interesse an einem Anlagegespräch hätte?
Natürlich: die Abfindungssumme. Da hat aber jemand schnell Nägel mit Köpfen gemacht – damit ich’s mir bloß nicht doch noch anders überlege!
Und mit diesem ungeheuren Vermögen sollte ich nun eine Karriere als Börsenspekulant starten? Beinahe hätte ich laut gelacht. Wenn ihr wüsstet, dachte ich … Dann aber ist mir wieder eingefallen, dass meine Geldflüsse ab nächstem Monat – wenn nicht irgendein rettender Flaschengeist mir zu Hilfe kommt – komplett zu versiegen drohen. Wie die Bank darauf wohl reagieren wird?
So klopft allerorten die Realität an meine Tür: Geldsorgen heißt Job Center heißt Rausgehen heißt Zum-Zootier-Werden, zum Objekt für die schaudernde Schaulust der Vorübergehenden. Gar nicht zu reden von der Taxiermaschinerie und den hochnotpeinlichen Verhören, denen ich beim Job Center ausgesetzt sein werde!
Nein, da verkrieche ich mich doch lieber wieder in meine Rekonstruktionsarbeit. Noch habe ich ja genug Geld auf dem Konto! Und wer weiß, vielleicht fühle ich mich nach der Reise in die Vergangenheit geläutert und gestärkt wie die Helden der Mythologie, die wie neu geboren von ihrer Expedition in die Unterwelt zurückkehren.

Geschichte eines Schattenverlusts: 14. Telefonat mit Lina

Als ich am Morgen nach meiner Odyssee durch das Hafenviertel erwachte, fühlte ich mich zerschlagen wie nach einer langen, beschwerlichen Reise. Durch die geöffneten Vorhänge fiel regengraues Licht auf mein Bett, wo ich, den Blick zur Decke gewandt, vor mich hindämmerte. Ich weiß noch, dass ich mich bemühte, mich so wenig wie möglich zu bewegen, als hätte ich Angst, jemanden aufzuwecken.
Dieser Jemand aber war niemand anderes als mein eigenes Ich, das einen heftigen, mühsam unterdrückten Ekel vor sich selbst empfand. Noch die Luft, die ich in einem unkontrollierbaren Automatismus einsog und wie­der ausstieß, verursachte mir ein schmerzhaftes Bewusstsein meiner Lungenflügel. Blasebalgartig stießen sie gegen meinen Brustkorb.
Was blieb mir nun zu tun? Im Grunde genommen konnte ich so doch nicht weiterleben. Ein schattenloser Mensch würde überall als öffentliches Ärgernis empfunden werden. Möglich, dass man ihn in irgendeiner Anstalt dulden würde. Aber was wäre das denn für ein Leben?
Sollte ich also einen Schluss-Strich ziehen? War der freie Tod nicht einem unfreien Leben vorzuziehen?
Aber nein, auch dieser Gedanke war mir widerlich, hätte doch eine Selbsttötung zumindest kurzzeitig ein ge­steigertes Empfinden des eigenen Körpers mit sich gebracht. Vielleicht, so dachte ich, sollte ich zum Pendler zwischen den Polen werden – mich immer dort aufhalten, wo gerade ewige Nacht herrschte. Aber elektrisches Licht gab es ja mittlerweile überall, und auch bei Mondschein warf der Körper einen Schatten.
Ich stand auf, zog mich aus und warf meine Kleider angewidert in die Waschmaschine. Lieber noch hätte ich sie verbrannt, als könnte ich dadurch die letzten 36 Stunden aus meinem Leben tilgen. Dann begab ich mich unter die Dusche, wo ich, einem intensiven Waschzwang folgend, eine halbe Ewigkeit lang das Wasser über meinen Körper rieseln ließ. Anschließend zog ich neue Kleider an und kochte mir Kaffee. Ich goss mir gerade die zweite Tasse ein, als mein Handy klingelte. Es war Lina.
„Hallo Theo, ich bin’s, Lina. Ich wollte nur fragen, ob’s dir wieder besser geht“, hörte ich sie sagen.
Ihre Stimme klang seltsam verzerrt. Ich musste spontan an ein vergilbtes Foto denken, auf dem Menschen aus einer lange vergangenen Zeit zu sehen sind.
„Lina! Na das … das ist aber eine Überraschung“, stotterte ich.
„Alex hat mir von deinem Schwächeanfall erzählt“, erklärte Lina mitfühlend. „Da dachte ich, ich ruf‘ dich besser mal an.“
„Alex? Ja, warst du denn nicht selbst dabei, als ich …“ Ich versuchte fie­berhaft, mich an die Szene im Teamraum zu erinnern. Aber so angestrengt ich auch daran zurückdachte, ich sah immer nur ein Meer von Augen vor mir, die ich keinem bestimmten Gesicht zuordnen konnte.
Linas Stimme zitterte kaum merklich. „Ich war gar nicht im Büro gestern. Ein leichtes Schwindelgefühl …“ Wollte sie damit irgendetwas andeuten? Bezog sie sich womöglich auf unseren kleinen Flirt beim Betriebsausflug?
„Wahrscheinlich der Alkohol“, entgegnete ich. „Wir haben es wohl alle ein wenig übertrieben mit der Weinverkostung.“
Insgeheim hoffte ich, sie würde mich korrigieren. Aber Lina lenkte ab: „Ja, stimmt …Aber was ich dich eigentlich fragen wollte: Was war denn da los im Teamraum? Aus dem, was Alex mir erzählt hat, bin ich beim besten Willen nicht schlau geworden.“
Natürlich hätte ich nur zu gern gewusst, was genau ihr Alex über den Vorfall erzählt hatte. Nachfragen konnte ich aber schlecht – das hätte zu misstrauisch geklungen. Deshalb sagte ich kurz entschlossen: „Am Telefon lässt sich das nicht so richtig erklären. Aber vielleicht … das heißt … wenn du Lust hast, könnten wir uns ja heute Abend treffen – dann erzähle ich dir alles.“
Zu meiner Überraschung ging Lina bereitwillig auf meinen Vorschlag ein: „Gern. Wollen wir uns wieder im Lamm treffen? Oder wie wär’s mit der neuen Pizzeria am Marktplatz?“
Jetzt bekam ich doch kalte Füße. Das hatte ich nun von meinem unbedachten Gerede! Der Gedanke, mich in ein überfülltes Restaurant zu setzen, war mir ganz unerträglich. Was, wenn man dort meinen Makel bemerken und Lina sich daraufhin von mir abwenden würde?
Durch diesen Gedanken wurde mir überhaupt erst bewusst, dass ich hoffte, sie würde eben dies nicht tun. Dadurch setzte sich meine Verwirrung endgültig als dickes Knäuel zwischen Zungenwur­zel und Rachen fest.
„Theo? Bist du noch da?“ Linas Stimme drang plötzlich wie aus weiter Ferne an mein Ohr.
Auf einmal fühlte ich mich wie ein in die Enge getriebenes Tier. Mit trockenem Mund murmelte ich etwas von „Milch kochen“ und „Herdplatte ausma­chen“ und dass ich sie in ein paar Minuten zurückrufen würde. Ich weiß auch nicht, warum mir in dem Moment ausgerechnet diese Ausrede in den Sinn gekommen ist. Schließlich trinke ich so gut wie nie warme Milch. Aber das konnte Lina natürlich nicht wissen. Und ich war in dem Moment einfach nur froh, die peinliche Situation beenden und das Handy ausschalten zu können.

English Version

Thursday, July 27

Today a bank employee called me up. He said that a large amount of money had been deposited in my account: Would I be interested in an investment meeting?
That’s how I got to know that the severance pay had been transferred to me. Obviously, someone wanted this done quickly – probably for fear that I might change my mind in the end!
And with this enormous fortune I was supposed to start a career as a stock market speculator? I would have laughed out loud if I hadn’t known all too well that from next month on – unless the famous fairy godmother with the magic wand comes to my rescue – my cash flow might dry up altogether. In this case, I will probably get a completely different call from the bank.
So reality knocks on my door everywhere: Money worries will drive me to the job center, going to the job center means going outside, going outside means becoming a zoo animal, an object for the shuddering curiosity of passers-by. Not to mention the assessment machinery and the highly embarrassing interrogations I will be subjected to at the job center!
So I’d rather crawl back into my reconstruction work. After all, I still have enough money in my account! And who knows, maybe I will feel purified and strengthened after the journey into the past, like the heroes of mythology who return from their expedition to the underworld as if born anew.

Story of a Shadow Loss: 14. Phone Call with Lina

When I woke up the morning after my odyssey through the harbour district, I felt exhausted like after a long, arduous journey. Through the open curtains, rain-grey light fell on my bed, where I lay mindlessly, my eyes turned to the ceiling. I remember trying to move as little as possible, as if I were afraid of waking up someone.
But that someone was none other than my own self, experiencing a fierce, strenuously suppressed disgust with myself. Even the air I sucked in and exhaled in an uncontrollable automatism caused me a painful awareness of my lungs. Like bellows, they bumped against my ribcage.
What was left for me to do now? Basically, I couldn’t go on living like that. A shadowless person would be considered a public nuisance everywhere. At best I would be tolerated in some asylum. But what kind of life would that be?
So should I draw a line under it all? Wasn’t a free death preferable to an unfree life?
But this thought, too, was repugnant to me. After all, even a suicide would have entailed, at least for a short time, an increased sensation of my own body. Perhaps, I thought, I should become a commuter between the poles and always stay where eternal night prevails. But electric light was everywhere nowadays, and even in moonlight the body could cast a shadow.
I got up, undressed and threw my clothes into the washing machine in disgust. I would rather have burned them, as if that could erase the last 36 hours from my life. Then I went to the bathroom to take a shower. Following an intense washing compulsion, I let the water trickle over my body for half an eternity. Afterwards, I put on new clothes and made some coffee. I was pouring myself the second cup when my mobile phone rang. It was Lina.
„Hello Theo, it’s me, Lina. I just wanted to ask if you’re feeling better,“ I heard her say.
Her voice sounded strangely distorted. Involuntarily I had to think of a yellowed photo showing people from a time long gone.
„Lina! This is really … really a surprise,“ I stammered.
„Alex told me about your dizzy spell,“ Lina explained sympathetically. „So I thought I’d better give you a call.“
„Alex? So you yourself weren’t there when I …“ I tried feverishly to remember the scene in the team room. But no matter how hard I tried, I only saw a sea of eyes in front of me that I couldn’t assign to any particular face.
Lina’s voice trembled barely noticeably. „I wasn’t in the office yesterday. The high was probably too strong …“ Was she trying to hint at something – possibly to our little flirtation at the company outing?
„Probably the alcohol,“ I replied. „I think we all overdid it a bit with the wine tasting.“
Secretly, I hoped she would correct me. But Lina deflected: „Yes, that’s right … But what I really wanted to ask you: What was actually going on in the team room? I just couldn’t make sense of what Alex told me.“

Of course I would have loved to know what exactly Alex had told her about the incident. But asking was not an option – it would have sounded too suspicious. So I said briefly: „It’s not easy to explain that on the phone. But maybe … I mean … if you feel like it, we could meet tonight – then I’ll explain everything to you.“
To my surprise, Lina readily agreed to my proposal: „Good idea. Shall we meet at the station? Or how about the new pizza place on the market square?“
Now I was getting cold feet after all. Why the hell did I have to babble so carelessly! In any case, the thought of sitting down in a crowded restaurant was quite unbearable to me. What if people noticed my flaw there and Lina turned away from me as a result?
This thought made me realise that I hoped she wouldn’t do that. Thereupon my confusion finally got stuck as a thick ball between the root of my tongue and the back of my throat.
„Theo? Are you still there?“ Lina’s voice reached my ear as if from far away.
Suddenly I felt like a cornered animal. With a dry mouth, I mumbled something about „boiling milk“ and „turning off the stove“ and that I would call her back in a few minutes. I don’t know why I came up with this excuse of all things. After all, I hardly ever drink warm milk. But of course Lina couldn’t know that. And at that moment I was just glad that I could end the embarrassing conversation and turn off the mobile phone.

Bild: Mariusz Slonski: Sonnenuntergang (Pixabay); Tanya Arler: Inspiration (Pixabay)

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