Die Gauklerin / Metamorphoses

Die Katze, die sich vor dem Gewitter in deine Wohnung geflüchtet hat, hat mitten in der Nacht herzzerreißend zu schreien begonnen. Als du dich nach dem Sessel umdrehst, auf dem sie sich eingerollt hat, er¬kennst du, dass sie sich in einen Säugling verwandelt hat.
Unbeholfen bettest du die kleine Verzweifelte in deinen Armen, du trägst sie durch die Wohnung, säuberst sie, gibst ihr die Brust. Am Ende legst du sie neben dich, und gemeinsam hüllt ihr euch in eure Traumdecke.
Nicht lange, und das Findelkind geleitet dich als leuchtende Prinzessin durch die Welt. Auf einem weißen Schimmel thronend, reitet sie über das Land, das sich wie ein zugefrorenes Meer vor ihr öffnet. Wo die Hufe ihres Pferdes den Boden berühren, spricht jedes Ding zu dir, jedes Lebewesen erzählt dir seine Geschichte, und jede Erzählung ist eine Neugeburt.
Noch vor Tagesanbruch aber kannst du dort, wo deine Prinzessin lag, nur noch die Andeutung einer Mulde ertasten. Stattdessen vernimmst du vom Fenster her das leise Pochen einer Motte, die sich der jagenden Wolkenmeute vor dem Gewittermond anschließen möchte. Du öffnest das Fenster und entlässt sie in die Nacht.
Gemeinsam vertraut ihr euch dem Wind an, der euch in den Opiumtanz des Sommers aufnimmt. Während der Mond eure Flügel mit Brillanten bestickt, träumst du dich zurück in den Traum, dessen Fingerspitzen noch immer über deine Seele streichen.
Erst als der Tag, das unersättliche Raubtier, dich mit seinen grell schimmernden Pranken anfällt, bereust du es, deine Kraft an die kleine Gauklerin verschwendet zu haben.

The kitten that took refuge from the storm in your flat has started to scream heartbreakingly in the middle of the night. As you look around for the armchair on which she has curled up, you realise that she has turned into an infant.
Clumsily you cradle the little lady in your arms, you walk with her through the flat, clean her, give her your breast. In the end you lay her down next to you, and together you wrap yourselves in your dream blanket.
Soon after, the foundling guides you through the world as a shining princess. Sitting enthroned on a white horse, she rides over the land that opens up before her like a frozen sea. Where the hooves of her horse touch the ground, each thing speaks to you, each living being tells you its story, and each tale is a new birth.
However, when you awake in the middle of the night, you can only feel the outline of a hollow where your princess lay. Instead, you hear the soft throbbing of a moth from the window, wanting to join the hunting pack of clouds in front of the thundery moon. You open the window and release it into the night.
Together you entrust yourselves to the wind, which carries you away into the opium dance of the summer. While the moon embroiders your wings with diamonds, you dream yourself back into the dream whose finger tips still stroke your soul.
Only when the day, the insatiable predator, reaches for you with its gleaming paws, do you regret having wasted your strength on the little enchantress.

Bilder: Harsh Patel: Mond / Moon (Pixabay); Dimitri Vetsikas: Katze / Cat (Pixabay)

Eine Antwort auf „Die Gauklerin / Metamorphoses

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.