Im Netz der Angst / In the web of fear

Die Angst, die über Nacht ihr Netz über deinem Bett gesponnen hat, hat sich in den Morgenstunden auf deine Decke herabgelassen und sich neben dir ausgestreckt. Da ist dir auf einmal so heiß geworden, dass du das Gefühl hattest, der Teufel höchstpersönlich hätte dich auf seinen Grill gelegt. Mit einem Ruck hast du die Decke von dir geworfen und damit – so meintest du – auch die Angst abgeschüttelt.
Obwohl du dir sicher bist, dass der Tag längst angebrochen sein muss, ist es noch ganz dunkel im Zimmer. Vorsichtig setzt du dich auf die Bettkante, deine Zehenspitzen tasten sich vor in das unbekannte Land des neuen Tages – und stoßen auf etwas Weiches, Seidiges, das du nicht recht ein-ordnen kannst. Als du dich aus dem Bett erhebst, wird auch dein übriger Körper von der gespinstartigen Masse umschlossen. Deine Beine verfangen sich darin, fast wärest du bei dem Versuch, zur Zimmertür vorzudringen, zu Boden gestürzt.
Verschlafen, wie du bist, befällt dich der Gedanke, hundert Jahre geschlafen zu haben und nun in einem von Staubfäden durchzogenen Raum wieder aufzuwachen. Sofort schleicht sich die Müdigkeit wieder in deine Adern, deine Beine wer¬den schwer, du sinkst auf die Bettkante zurück: Wie sollst du dich nur zurechtfinden in einer Welt, die nicht mehr die deine ist? Wie sollst du den neuen Herren über dein einstiges Wohnreich deine gespensterhafte Existenz erklären?
Dann aber erkennst du: Was du für Staubfäden gehalten hast, ist in Wahrheit ein dichter Kokon. Die Angst, die du beim Erwachen hinter dir gelassen zu haben meintest, hat in Wahrheit dein ganzes Zimmer mit ihren haarigen Fingern ausgefüllt. So eng gestrickt ist ihr Lianenlabyrinth, dass auch am Tag eine undurchdringliche, von keinem Sonnenstrahl aufzubrechende Dunkelheit in deinem Zimmer herrscht.
Heftig ruderst du mit den Armen, um dir einen Weg durch das Dickicht zu bahnen. Du weißt: Es ist ein Kampf mit einer Hydra, jeder abgeschlagene Gespinstarm wird sogleich durch einen neuen ersetzt. Es ist ein Dschungel, in dem du dich heillos verirren kannst, in dem schon ein falscher Schritt dich zu Fall bringen und dich, den Ohnmächtigen, vollends zur Beute der finsteren Kokonkönigin machen kann. Aber du lässt dich nicht beirren, entschlossen schlägst du dich zum Fenster durch, dorthin, wo das Reich der dunklen Herrin endet und der lichte Tag seine Fahnen wehen lässt.
Mit letzter Kraft öffnest du das Fenster, du schließt die Au-gen und atmest tief durch, um den giftigen Traumstaub aus deiner Lunge zu spülen. Aber die Luft beißt sich in deinem Rachen fest, sie ist schwer und staubig wie die in deiner Wohnung. Ein heftiger Hustenanfall schüttelt dich, du öffnest die Augen – und blickst in ein Meer aus in sich verschlungenen, miteinander verknoteten und ineinander verstrickten Netzen. Und während deren dürre Finger sich um deine Kehle legen, erkennst du: Die Angst ist aus deinem Zimmer hinausgewuchert und hat die ganze Welt mit ihrem undurchdringlichen Kokon überzogen.

In the web of fear

The fear that has spun its web over your bed overnight has descended onto your blanket in the early morning and stretched out next to you. Suddenly you got so hot that you felt as if the devil himself had put you on his grill. With a jerk, you threw off the blanket and – so you thought – shook off your fear as well.
Although you know for sure that the day has long since dawned, it is still very dark in the room. Carefully you sit down on the edge of the bed, your toes feel their way into the unknown land of the new day – and come across something soft and silky that you can’t identify. As you rise from the bed, your whole body becomes enveloped by the tangled mass. Your legs get caught in it and you almost fall to the floor when you try to reach the door.
Drowsy as you are, the thought comes over you that you have been asleep for a hundred years and are now waking up again in a room filled with threads of dust. Immediately, tiredness creeps back into your veins, your legs become heavy, you sink back onto the edge of the bed: how can you find your way in a world that is no longer yours? How can you explain your ghostly existence to the new owners of your former realm?
But then you realise: What you believed to be threads of dust is in fact a dense cocoon. The fear you thought you had left behind on awakening has in fact filled your entire room with its hairy fingers. Its labyrinth of lianas is so tightly knit that even by day impenetrable darkness reigns in your room, unbreakable by any ray of sunlight.
To make your way through the thicket, you strongly wave your arms. You know you are fighting with a hydra, every broken arm is immediately replaced by a new one. It is a jungle in which you can get hopelessly lost, in which even one false step can bring you down and make you the prey of the dark cocoon queen. But you don’t let yourself be distracted, you resolutely fight your way to the window, to where the realm of the gloomy goddess ends and the bright day lets its flags fly.
With your last ounce of strength, you open the window, close your eyes and breathe deeply to clear your lungs of the toxic dream dust. But the air bites into your throat, it is heavy and dusty like the air in your flat. A violent coughing fit shakes you, you open your eyes – and look into a sea of intertwined, knotted and entangled webs. As their skinny fingers wrap around your throat, you realise: The fear has grown out of your room and covered the whole world with its impenetrable cocoon.

Bilder / Pictures: Chulipachuli: Les années vous guettent, Dora Maar (Dora Maar, die Jahre lauern Ihnen auf /Dora Maar, the years lie in wait for you , 2017); wikimedia commons; Dora Maar (1907 – 1997): fran­zösische Malerin und Fotografin; zeitweilige Lebensgefährtin Pablo Picassos; Andy Polant: Frau im Kokon /Woman in a kakoon (Pixabay)

4 Antworten auf „Im Netz der Angst / In the web of fear

    1. rotherbaron

      Träume haben, denke ich, ihre eigene Realität, für die wir auch eine eigene Ausdrucksweise benötigen – eine Ausdrucksweise, durch die das Selbstverständliche seine Selbstverständlichkeit verliert und das Unvertraute Vertrautheit erlangt. In Film und bildender Kunst haben die Surrealisten hier Maßstäbe gesetzt (nachzulesen in der Essaysammlung Avantgarde Film von Peter Weiss). Die Sprache hat aber ihre eigenen Möglichkeiten und Voraussetzungen, für die man sich in Deutschland wohl eher auf die Romantik beziehen kann (etwa auf E.T.A. Hoffmann). Zu der Frage, was die Sprache der Träume für uns bedeuten kann und was es uns bringen kann, uns auf sie einzulassen, gibt es auch ein ausführliches Essay auf rotherbaron.com: Die Welt – ein Traum. Wie die Sprache der Träume unseren Horizont erweitern kann: https://rotherbaron.com/2021/01/10/die-welt-ein-traum-the-world-a-dream/

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      1. Jackie M.

        Vielen Dank für deine Antwort. Der Artikel auf Rotherbaron ist sehr aufschlussreich. Dennoch ist es natürlich ein Schritt, Traumbilder in Sprache zu „übersetzen“. Es ist aber sehr gut gelungen. Insgesamt findet man hier viele Anregungen zum Nachdenken.

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