Eisiger Morgen / Icy morning

Es war so bitterkalt in der Welt, dass Gott sich gleich nach dem Aufstehen wieder hingelegt hatte. Sofort verbreitete der Eiswind, der alles sah und nichts hörte, die Kunde von seinem Schlaf. Mit verzweifelter Wut schwang er sein Zepter, heulend rüttelte er an den Türen und stäubte haltlos durch die Straßen. Die Stöße seines Atems trafen dich mit solcher Wucht, dass du meintest, das Herz würde dir in der Brust gefrieren.
So hast du alle Kraft zusammengenommen und dich auf den Weg gemacht, um nach Gott zu suchen. Die finstersten Schluchten hast du durchkämmt, die abgelegensten Gebirgshöhen erklommen, die ausgedörrtesten Steppen durch¬schritten, die verruchtesten Winkel der Städte durchstöbert.
Und dann, endlich, hast du ihn gefunden. Gott lag zusammengekauert in einem Hinterhof, in einer Mulde zwischen zwei Mülltonnen, und hatte sich mit mehreren Lagen Wellpappe zugedeckt. Sein Atem ging regelmäßig, doch war sein Körper so steif gefroren, dass du fürchtetest, er könnte auseinanderbrechen, sobald du ihn berühren würdest.
Da musstest du einsehen, was du insgeheim schon die ganze Zeit über geahnt hattest: Nur der Frühlingswind konnte helfen, auf ihn musstest du warten, er war deine einzige Hoffnung. Denn nur er würde jene gleichmäßig-innige Wärme abgeben, die nötig war, um Gott aufzutauen
Wie aber sollte es Frühling werden, solange Gott schlief?

It was so bitterly cold in the world that God lay down again immediately after getting up. Instantly, the ice wind, which saw everything and heard nothing, spread the news of his sleep. With desperate fury he wielded his sceptre, he howled, rattled the doors and rushed haltlessly through the streets. The blows of his breath hit you with such force that you thought your heart would freeze in your chest.
So you mustered all your strength and set out to search for God. You scoured the darkest gorges, climbed the most remote mountain ridges, walked through the most parched steppes, rummaged through the most disreputable corners of the cities.
And then, at last, you found him. God lay huddled in a backyard, in a hollow between two dumpsters, covering himself with several layers of corrugated cardboard. His breathing was regular, but his body was so frozen that you were afraid he would break apart as soon as you touched him.
So you had to admit to yourself what you had been secretly suspecting all along: Only the spring wind could help, you had to wait for it, it was your only hope. Only the vernal breeze would provide the constant warmth that was necessary to thaw out God.
But how could it become spring as long as God was asleep?

Bilder: ©privat: Wendalinuskapelle (Wendalinus Chapel) St. Wendel; Pixabay: Nonmisvegliate: Gipfelkreuz (Cross) Mario K. : Schnee (Snow)

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