Judas und Jesus: Brüder im Geiste / Judas and Jesus: Brothers in Spirit

15. Türchen des musikalischen Adventskalenders: Nikos Papazoglou: Ego den eimai poiitis (Ich bin kein Dichter)

English Version

Judas und Jesus sind sich näher, als es auf den ersten Blick scheint. Der eine steht für den Abgrund der menschlichen Existenz, der andere für dessen Überwindung.

Als archetypisches Bild des für alle Zeiten Verstoßenen und Verdammten ist die Gestalt des Judas auch eine Metapher für radikale Ausgrenzung und Unterdrückung. Paradoxerweise treffen sich Verräter- und Erlöserfigur damit in einem gemeinsamen Bezugspunkt: Die eine Gestalt fasst die reale Situation in ein Bild. Sie bezeichnet das, was aktuell mit einem Menschen oder einer Gruppe von Menschen geschieht. Die andere Gestalt personifiziert die Utopie der Erlösung, der Überwindung des subjektiven Leids und der objektiven Mauern der Ausgrenzung.
Eine ähnliche Konstellation ergibt sich, wenn man Judas- und Jesus-Gestalt auf die existenzielle Situation des Menschen bezieht. Dann steht Judas für die unaufhebbare Bindung des Menschen an die Materie, für sein Zum-Tode-Sein sowie allgemein für die – physische, psychische und moralische – Schwäche, die aus seiner Unvollkommenheit resultiert. In der Jesus-Gestalt scheint dagegen die Vision des Strebens nach moralischer Weiterentwicklung auf sowie das Ideal einer Kraft, die die Materie geistig transzendiert und so dem Zum-Tode-Sein durch ein kontemplatives Eintauchen in das Ganze der Schöpfung bzw. des Universums seinen Stachel nimmt.
Beide Aspekte lassen sich auch aus dem griechischen Gedicht Ego den eimai [ime] poiitis [piitis] (Ich bin kein Dichter) von Lazaros Andreou herauslesen, das Nikos Papazoglou (1948 – 2011) 1995 vertont hat. Als Lied der „Verfluchten“, gesungen von den „auf ferne Planeten“ verbannten „Heimatlosen“, lässt es sich aktuell zunächst auf die Ausgrenzungserfahrungen beziehen, die viele Menschen in Griechenland durch den Kahlschlag im Sozialbereich und die immer neuen Gehalts- und Rentenkürzungen erleiden müssen. Die Corona-Krise hat dabei als Brandbeschleuniger für eine Abwärtsspirale gewirkt, die durch die letzte Finanz- und Wirtschaftskrise sowie insbesondere durch die radikale Sparpolitik, die Griechenland in deren Folge aufgezwungen wurde, ausgelöst worden ist.
Wenn von „Heimatlosen“ die Rede ist, denkt man im Falle Griechenlands aber natürlich auch an die Flüchtlinge, die an den Küsten des Landes stranden und dann in menschenunwürdigen Lagern vor sich hinvegetieren müssen. Auch hier ist der weinende Judas, der in dem Gedicht das traurige Schicksal der Ausgestoßenen beklagt, ein Bild für die Ausweg- und Hoffnungslosigkeit von Menschen, die in den Mauern einer gnadenlosen Ausgrenzung eingesperrt sind.
Da in dem Lied der Aspekt der Verbannung mit der Erwähnung von „Gefängnismauern“ verbunden wird, lässt es sich zudem auch auf die Militärdiktatur beziehen, die in Griechenland von 1967 – 1974 geherrscht hat. Als auf die Gefängnismauern geschriebener Vers thematisiert das Gedicht dabei die Unterdrückung ebenso wie den Kampf gegen diese. Denn der Mut, die Unterdrückung zur Sprache zu bringen, ist ja bereits der erste Schritt zu deren Überwindung.

Nikos Papazoglou: Ego den eimai [ime] poiitis [piitis] (Text: Lazaros Andreou); aus: Otan kidinevis paíkse tin puruda (1995)

Liedtext

Sinngemäße Übertragung

English Version

Judas and Jesus: Brothers in Spirit

15th door of the musical Advent calendar: Nikos Papazoglou: Ego den eimai poiitis (I am not a poet)

Judas and Jesus are closer to each other than it seems at first glance. One stands for the abyss of human existence, the other for overcoming it.

As an archetypal image of the outcasts and the eternally damned, Judas is also a metaphor for radical exclusion and oppression. Paradoxically, the figure of the traitor and the figure of the saviour thus meet in a common point of reference. One figure captures the real situation in an image. It denotes what is currently happening to a person or a group of people. The other figure personifies the utopia of redemption, of overcoming subjective suffering and the objective walls of exclusion.
A similar constellation arises if we relate the figure of Judas and Jesus to the existential situation of humans. In this case, Judas stands for human beings‘ irrevocable attachment to matter, for their being doomed to death and, in general, for the weakness – in physical, psychological and moral terms – that results from their imperfection. In the figure of Jesus, on the other hand, the vision of striving for moral advancement appears, as well as the ideal of an inner strength that spiritually transcends matter and thus takes away the sting of death through a contemplative immersion in the whole of creation or the universe.
Both aspects can also be found in the Greek poem Ego den eimai [ime] poiitis [piitis] (I am not a poet) by Lazaros Andreou, which Nikos Papazoglou (1948 – 2011) set to music in 1995. As a song of the „accursed“, sung by the „homeless“, banished „to distant planets“, it can currently be related above all to the experiences of exclusion that many people in Greece have to endure due to the cutbacks in the social sector and the ever new salary and pension reductions. The Corona crisis has acted here as an accelerant for a downward spiral that was triggered by the last financial and economic crisis and especially by the radical austerity policies subsequently imposed on Greece.
However, in the case of Greece, speaking of the „homeless“ naturally also brings to mind the refugees stranded on the country’s coasts who are forced to vegetate in inhumane camps. Here, too, the weeping Judas, who deplores the sad fate of the outcasts in the poem, is an image of the hopelessness of people who are imprisoned within the walls of a merciless exclusion.
Since the song combines the aspect of exile with the mention of „prison walls“, it can also be related to the military dictatorship that prevailed in Greece from 1967 to 1974. As a verse written on the prison walls, the poem addresses oppression as well as the struggle against it. For the courage to raise the voice against oppression is already the first step towards overcoming it.

Nikos Papazoglou: Ego den eimai [ime] poiitis [piitis] (poem by Lazaros Andreou); from: Otan kidinevis paíkse tin puruda (1995)

Song

Poem

Free translation

Bilder / Pictures: Nikolai Ge: Jesus im Garten Gethsemane / Jesus in the Garden of Gethsemane (um 1870) Wikimedia; Hintergrund: Benjamin Brandt: Struktur / structure (Pixabay)

4 Antworten auf „Judas und Jesus: Brüder im Geiste / Judas and Jesus: Brothers in Spirit

  1. Jakob

    Das sind wirklich interessante Zusammenhänge, die du aufzeigst. Aus meiner Sicht hat sich Europa an Griechenland versündigt und tut es weiterhin. Ein Land, das selbst am Abgrund steht mit tausenden von verarmten Menschen, soll auch noch für so viele Flüchtlinge aufkommen. Wenn das dann nicht zu schaffen ist, zeigt man mit dem Finger auf Griechenland und stellt sich selbst als super menschlich und mitfühlend da. Wir und auch alle anderen Europäer sind verpflichtet, Flüchtlinge aufzunehmen und Griechenland in jeder Hinsicht zu unterstützen. Von Jesus‘ Botschaft sind wir weit entfernt. … Das Lied gefällt mir ausgesprochen gut. Es ist wohl zur Zeit der Militärjunta entstanden, aber es passt zu so vielen Situationen. Es könnte ebenso in der Türkei oder in Russland an einer Gefängnismauer stehen. Wann werden wir Menschen lernen????

    Gefällt 1 Person

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