Schädlingsbekämpfung / Pest control

Die letzten drei Einträge im literarischen Corona-Tagebuch kreisen um die Frage möglicher Langzeitfolgen der Corona-Krise: Welche Auswirkungen wird sie auf unseren Umgang miteinander haben? Auf unsere Einstellung zu Krankheit und Kranken? Und, ganz allgemein: auf unser Existenzgefühl? Ausgangspunkt des heutigen Eintrags: Quarantänemaßnahmen als Mittel der „Schädlingsbekämpfung“ (englisch „pest control“!).

Schädlingsbekämpfung

Der Pfeffer ist schuld. Schon lange hast du keinen mehr benutzt, weil du genau weißt, dass das in dieser Situation gefährlich ist. Aber genau deshalb war der Wunsch nach etwas Scharfem, Prickelndem, Außergewöhnlichem in deinem faden Alltag auf einmal so übermächtig geworden, dass du einfach nicht widerstehen konntest.
Natürlich hast du dich bemüht, so unauffällig wie möglich zu niesen, als dir der Pfefferstaub in die Nase stieg. Und selbstverständlich hast du dabei auch all die neuen Anstandsregeln eingehalten, obwohl du ganz allein in deiner Wohnung bist. Du hast dich in eine Ecke gedreht, verschämt in deine Armbeuge geniest und dir anschließend die Hände gewaschen.
Aber es hat alles nichts geholfen. Dem neuen Körpersensor, der vor ein paar Wochen in deiner Wohnung installiert worden ist, entgeht nichts. So flehentlich du auch auf die kleine Ampel neben ihm gestarrt hast: Sie ist doch augenblicklich auf Gelb umgesprungen, sobald der Sensor dein Niesen detektiert hatte.
Das Schlimmste ist: Das Kribbeln in deiner Nase will einfach nicht aufhören. In aller Eile stürzt du zum Fenster. Frische Luft ist jetzt das Einzige, was dir helfen kann! Aber noch bevor du das Fenster erreichst, musst du ein zweites Mal niesen, kurz darauf ein drittes Mal.
Ein klickendes Geräusch signalisiert dir, dass es zu spät ist. Du ignorierst es einfach, als könntest du es damit ungeschehen machen. Noch zwei Schritte, dann umschließt deine Hand den kalten Fenstergriff. Aber er lässt sich nicht mehr bewegen: Unerbittlich hat der Sensor nach deinem dritten Niesen die automatische Verriegelung aktiviert.
Du drehst dich um und blickst auf die Ampel: Sie ist auf Rot gesprungen. Hellrot, sagst du dir, nicht so schlimm, dann könnte vielleicht die Tür … Mit vier, fünf hastigen Schritten bist du an der Wohnungstür. Aber sie ist natürlich verschlossen. Was hattest du auch erwartet? Warum sollte man dich daran hindern, deine Sekrete aus dem Fenster zu schnauben, dir aber einen Fluchtweg offen lassen?
Instinktiv treibt es dich in die Küche. Der Kühlschrank ist noch gut gefüllt, auch der Vorratsschrank daneben hat noch einiges zu bieten. Alles halb so wild, versicherst du dir, die zwei Quarantänewochen würdest du problemlos überstehen. Jetzt kommt dir zugute, dass du seit dem Ausbruch der Seuche immer etwas mehr eingekauft hast als sonst. Ein Glück, dass du dich nicht von dem allgemeinen Beschwichtigungsgesäusel hast einlullen lassen!
Um dich zu beruhigen, kochst du dir erst mal einen Tee. Eine wohlige Wärme durchströmt dich, als deine Lippen das heiße Nass berühren. Nun kannst du der Situation fast schon etwas abgewinnen. Wann bekommt man schon einmal zwei Wochen Urlaub geschenkt? Endlich hast du mal wieder Zeit, ein gutes Buch zu lesen! Wieder ein paar alte Filme anzuschauen, die du lange nicht mehr gesehen hast. Die Fotos von deinem Smartphone auf den PC zu laden und deine Bildersammlung neu zu ordnen.
Aber so wiegenliedhaft du auch auf dich einredest: Mit einem Auge schielst du doch immer auf die kleine Ampel. So entgeht dir auch nicht, dass das Hellrot allmählich in einen dunkleren Farbton übergeht.
Alarmiert springst du von deinem Stuhl auf. Wie kann das sein? Du verhältst dich doch ganz vorschriftsmäßig! Sogar der Tee, den du dir gekocht hast, trägt das Prädikat „Arzneimittel“ und ist mit allerlei heilenden Kräutern versetzt. Oder ist der Tee am Ende vielleicht sogar das Problem? Verursacht er eine Wärmeentwicklung, die der Sensor als Fieber deutet?
Ohne lange nachzudenken, eilst du in die Küche und schüttest den restlichen Tee in den Ausguss. Zurück im Wohnzimmer, starrst du wieder auf die Ampel. Du wartest eine Minute, zwei Minuten, zehn Minuten … Aber die dunkelrote Farbe will sich einfach nicht aufhellen.
Solltest du etwa doch …? Aber wie kann das sein: Seit wann verursacht Pfeffer denn Fieber? Mit pochendem Herzen kramst du dein altes Fieberthermometer aus der Schublade. Widerstrebend steckst du es dir zwischen die Lippen, als würde deine Hand von einem unsichtbaren Arzt gelenkt.
Wieder ein paar Sekunden quälenden Wartens, dann das erlösende Fiepen des Thermometers. Deine Finger zittern, als du es dir vor die Augen hältst. Teilnahmslos verkündet es das Urteil: 38,5 Grad!
Ein Gefühl bleierner Erschöpfung legt sich um deine Glieder. Du lässt dich auf einen Sessel fallen und starrst dumpf auf den Sensor in der Ecke des Zimmers. Für einen Augenblick überlegst du, ob du ihn vielleicht manipulieren könntest. Aber du weißt natürlich, dass er unbestechlich ist. Kühl registriert er jede Annäherung an ihn, eine unbefugte Berührung würde er mit einem Stromschlag beantworten.
Während du überlegst, ob du fiebersenkende Mittel im Haus hast, dringt auf einmal ein zischendes Geräusch an dein Ohr. Ob du vielleicht den Wasserkocher nicht richtig ausgeschaltet hast? Oder ist womöglich die Heizung defekt?
Eine unangenehme Erinnerung steigt in dir auf. Du versuchst sie zu verdrängen, aber sie flutet dein Gehirn mit solcher Kraft, dass es dir nicht gelingt, dich dagegen zu wehren. Vor einiger Zeit hat dir ein Bekannter von einem Euthanasie-Programm erzählt. Dieses solle dazu dienen, schwer Erkrankten einen qualvollen Erstickungstod zu ersparen. Eine Kombination aus betäubenden und das Herz lähmenden Präparaten gewährleiste die humane Wirkung des Mittels.
Bestimmt eines dieser haltlosen Gerüchte, wie sie in letzter Zeit kursieren, sagst du dir. Krisenzeiten sind eben seit jeher ein fruchtbarer Boden für Ammenmärchen aller Art!
Oder bildest du dir das Gespräch mit deinem Bekannten nur ein? Ist das alles nur ein böser Traum? Ein Wahngebilde aus Fieberfratzen, die dich umtanzen und in ihre verzerrte Welt hinüberziehen?
Deine Sinne verwirren sich und verlieren sich in einem immer undurchdringlicheren Nebel. Im Nebel des Vergessens. Im Nebel eines tiefen Schlafs, auf dessen Schwingen du willenlos entgleitest in ein anderes Land.
Das Letzte, was du wahrnimmst, ist ein feiner weißer Dunst, der aus einem Loch neben dem Sensor in deine Wohnung strömt.

English Version:

The last three entries in the literary Corona Diary revolve around the question of possible long-term consequences of the Corona crisis: What impact will it have on the way we interact with each other? On our attitude towards illness and ill people?  And, more generally: on our sense of existence?  Starting point of today’s entry: quarantine measures as a means of „pest control“.

Pest control

It was all because of the pepper. For a long time you hadn’t used any, because you knew very well how dangerous this was under these circumstances. But that’s exactly why the desire for something hot, sparkling, extraordinary in your dull everyday life suddenly became so overwhelming that you just couldn’t resist it.
Of course, you tried to sneeze as inconspicuously as possible when the pepper dust crept up your nose. Moreover, you followed all the new rules of etiquette, even though you were all alone in your flat. You withdrew into a corner, sneezed bashfully into the crook of your arm and then washed your hands.
But none of that helped. Nothing escaped the new body sensor that had been installed in your flat a few weeks ago. No matter how pleadingly you stared at the little traffic light next to it, it immediately switched to yellow as soon as the sensor detected your sneeze.
The worst thing was: the tingling in your nose just didn’t stop. In all haste, you rushed to the window. Fresh air was the only thing that could help you now! But even before you reached the window, you had to sneeze once more, and shortly afterwards for a third time.
A clicking sound indicated that it was too late. You just ignored it as if you could undo it that way. Two more steps, then your hand embraced the cold window handle. But it could no longer be moved: Relentlessly, the sensor had activated the automatic lock after your third sneeze.
You turned around and looked at the traffic light: it had switched to red. Light red, you said to yourself, not too bad, then perhaps the door could … With four or five hasty steps, you reached the apartment door. Of course it was locked. What else did you expect? Why should you be prevented from snorting your secretions out of the window, when there was still an escape route left open for you?
Instinctively you turned to the kitchen. The fridge was still well stocked, and the pantry next to it also had plenty to offer. No big deal, you reassured yourself, the two weeks of quarantine you would overcome without any problems. Now you could benefit from the fact that since the outbreak of the epidemic you had always bought a little more than usual. Thank goodness you hadn’t let yourself be lulled by the general chatter of appeasement!
To calm down, you first cooked yourself a cup of tea. A pleasant warmth flowed through you as your lips touched the hot water. Now you could almost appreciate the situation. When had you ever been given two weeks extra holiday just like that? Finally you had time to read a good book again! To watch some old films you hadn’t seen for a long time. To download the photos from your smartphone to your PC and rearrange your picture collection.
But no matter how lullaby-like you talked to yourself, you always kept one eye on the little traffic light. So the fact that the light red gradually changed to a darker shade just couldn’t escape your attention.
Alarmed, you jumped up from your chair. How could that be? After all, you were behaving completely according to the rules! Even the tea you had made for yourself was labelled „medicinal“ and contained all kinds of healing herbs. Or could it be that the tea was the problem in the end? Did it cause a heat development which the sensor interpreted as fever?
Without a second thought, you rushed into the kitchen and poured the rest of the tea into the spout. Back in the living room, you stared at the traffic lights again. You waited one minute, two minutes, ten minutes … But the dark red colour just wouldn’t lighten up.
Could it be that …? But how was that possible – how could pepper cause fever? With a beating heart you took your old thermometer out of the drawer. Reluctantly, you put it between your lips, as if your hand was being guided by an invisible doctor.
Another few seconds of agonising waiting, then the relieving beeping of the thermometer was heard. Your fingers trembled as you held it in front of your eyes. Impassively it announced the verdict: 38.5 degrees!
A feeling of leaden exhaustion wrapped around your limbs. You let yourself fall into an armchair and stared dully at the sensor in the corner of the room. For a moment you wondered whether you could possibly manipulate it. But of course you knew that the sensor was incorruptible. Imperturbably, it registered every approach, an unauthorised touch would have been answered with an electric shock.
While you were pondering whether you had fever-reducing remedies in the apartment, a hissing sound suddenly came to your ear. Perhaps you hadn’t switched off the kettle properly? Or could the heating be defective?
An unpleasant memory rose in you. You tried to repress it, but it flooded your brain with such power that you couldn’t escape it. Some time ago a friend had told you about a euthanasia programme. It was supposed to save seriously ill people from suffering an agonising death by suffocation. A combination of anaesthetics and medicines paralysing the heart should guarantee the humane effect of the product.
Certainly one of these unsubstantiated rumours, as they had been circulating recently, you said to yourself. Times of crisis have always been a fertile ground for all kinds of old wives‘ tales!
Or were you only imagining the conversation with your friend? Was all this just a bad dream? A feverish delusion of dancing grimaces dragging you away into their distorted world?
Your senses got confused and became lost in an increasingly impenetrable fog. In the fog of oblivion. In the fog of a deep sleep, on whose wings you unconsciously slipped away into another land.
The last thing you noticed was a fine white haze streaming into your apartment from a hole next to the sensor.

Bilder / Images: Gerd Altmann Angst / Fear (Pixabay); Free photos: Hand (Pixabay)

Eine Antwort auf „Schädlingsbekämpfung / Pest control

  1. Валентина

    Нет совсем ничего славнее, чем на ночь глядя, возвратясь в дом, заварить чашечку крепкого кофе и прочесть пару статей с сего web-ресурса.

    Liken

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