Unheilige Heilige / The unholy saint

English Version

Der heutige Eintrag im literarischen Corona-Tagebuch wirft einen Blick hinter die Beifallsrituale, mit denen zu Beginn der Pandemie die Leistungen insbesondere des medizinischen Personals gewürdigt worden sind.

Natürlich hat es dir geschmeichelt, als sie dich in den Heiligenstand erhoben haben. Wer möchte nicht gerne aus der Menge herausgehoben werden? Wen macht es nicht stolz, wenn andere zu ihm aufblicken? Wer erntet nicht gerne Beifall und Bewunderung für seine Arbeit?
Schon bald aber hast du auch die Schattenseiten des Heiligendaseins kennengelernt. Heilige, so musstest du erfahren, sollen wie Vögelchen sein, die ihre Lebenskörnchen unmittelbar aus Gottes Hand picken. Heilige brauchen kein Geld. Heilige brauchen keine irdische Nahrung.
Leider hat sich das noch nicht bis zu deinem Vermieter herumgesprochen. Er grüßt dich zwar ehrerbietig, wenn er dich auf der Straße trifft. Wenn du aber deine Miete nicht pünktlich zahlst, schickt er dir eine Mahnung, die ganz und gar nicht ehrerbietig klingt.
So hast du dir nicht selten gewünscht, wieder in die Masse der Normalsterblichen eintauchen zu dürfen. Erst recht, wenn du nach einem langen, viel zu langen Arbeitstag mit knurrendem Magen ins Bett gehen musstest. Wenn alle Ladenbesitzer und selbst die Betreiber der Imbissbuden den satten Schlaf der Gerechten schlafen durften, während du den unruhigen Schlaf der Hungrigen schlafen musstest.
Am schmerzlichsten aber war für dich die Erkenntnis, dass Heilige nicht scheitern dürfen. Wenn Heilige scheitern, so nicht deshalb, weil ihre Kräfte einer Aufgabe nicht gewachsen sind. Weil es schlicht Aufgaben gibt, denen die menschlichen Kräfte nicht gewachsen sind. Weil andere ihnen die nötigen Bedingungen für erfolgreiches Wirken verweigern. Nein, wenn Heilige scheitern, so bedeutet das, dass sie sich aus Gottes Hand haben gleiten lassen; dass sie in ihrer asketischen Strenge nachgelassen haben und Gottes Ohr deshalb nicht mehr erreichen. Wenn Heilige scheitern, so ist das immer ihre Schuld.
Wie oft schon hast du davon geträumt, wieder aus deinem Heiligenstatus entlassen zu werden! Aber leider heißt es: Einmal heilig, immer heilig! Niemand kann unheilig gesprochen werden. Der Heiligenschein klebt an einem bis über den Tod hinaus.
Auch in diesem Moment, in dem die Menge dich zu einem Ort außerhalb der Stadt geleitet, bist du keineswegs gewillt, dich in dein Schicksal zu fügen. Das sonnenumbrandete Kreuz, das sie dort oben auf dem Hügel für dich errichtet haben, sticht in deinen Augen. Wie sirrende Pfeilspitzen gellen die Jubelrufe der Menge in deinen Ohren: „Ein Hoch auf die Heiligen! Ein Hoch auf die, die uns von unseren Sünden erlösen! Ein Hoch auf die, die unsere Gebete in die andere Welt tragen! Ein Hoch auf unsere Fürsprecher vor Gott!“
Du aber möchtest gar nicht in die andere Welt reisen. Du möchtest gerne noch in dieser Welt bleiben. Du möchtest leben, dein Leben leben, wie alle anderen auch.

English Version

The unholy saint

Today’s entry in the literary Corona diary takes a look behind the applause rituals used at the beginning of the pandemic to pay tribute to the achievements of certain professional groups, especially healthcare personnel.

Of course you were flattered when they raised you to the state of a saint. Who would not like to be lifted out of the crowd? Who is completely immune to applause and admiration?
But soon you also got to know the dark sides of being a saint. A saint, you had to learn, should be like a little bird that pecks the grains of life right out of God’s hand. A saint does not need money. A saint does not need earthly food.
Unfortunately, your landlord didn’t care about this wisdom. Admittedly, he always greeted you respectfully when he met you on the street. But when you didn’t pay your rent on time, he would send you a reminder that sounded far less respectful.
So you felt a growing desire to be a mere mortal again. Especially when you had to go to bed with a rumbling stomach after a long, far too long day at work. When all the shopkeepers and even the snack bar staff were allowed to sleep the satisfied sleep of the righteous, while you had to sleep the restless sleep of the hungry.
But most painful for you was when you realised that a saint doesn’t have the right to fail. If a saint fails, so you had to learn, it is not because his strength is not up to the task; because there are tasks that go beyond human strength; because others do not create the necessary conditions for successful work. No, the failure of a saint means that he has let himself slip out of God’s hand; that he has slackened in his ascetic rigour and therefore can no longer reach God’s ear. The failure of a saint always shows that he has done wrong. The failure of a saint is always his own fault.
No one could count your prayers for being released from your saintly status! But a saint’s stigma cannot simply be washed away. Once a saint, always a saint! No one can be made unholy. And yet you could not resign to the fact that the halo would stick to you until after your death.
Even at this moment, when the crowd is leading you to a place outside the town, you are by no means willing to submit to your fate. The sun-flooded cross they have erected for you up there on the hill stabs you in the eyes. Like buzzing arrows, the cheers of the crowd are ringing in your ears: „Hail to the saint! Hail to the one who redeems us from our sins! Hail to the one who carries our prayers into the other world! Hail to our intercessor before God!“
But you don’t want to go to the other world. You want to stay in this world. You want to live, simply live your life like everyone else.

Bilder: Henrietta Rae: Die Dame mit der Lampe (Florence Nightingale), 1881; Altes Heiligenbildchen: Jungfrau Maria

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