Protesilaos und Laodameia

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Den Spruch des Orakels erfüllend, wonach der Grieche, der als Erster trojanischen Boden betreten werde, auch als Erster getötet werde, war Protesilaos im Krieg um Troja gefallen. Als seine untröstliche Frau Laodameia, mit der er sich gerade erst vermählt hatte, sich daraufhin eine Holzstatue schuf, die ihr den Geliebten ersetzen sollte, erbarmten sich die Götter ihrer und ließen den Gatten für eine Nacht zu ihr zurückkehren.

Die Sage kann im Zusammenhang mit den griechischen Wiedergeburtsmythen gesehen werden, wie sie alljährlich in Eleusis bei Athen in den eleusinischen Mysterien in Erinnerung gerufen wurden. Zentral war dafür die Gestalt der Todesgöttin Persephone, der Tochter der Fruchtbarkeitsgöttin Demeter. Als junges Mädchen (Kore) war sie von Hades, dem Gott der Unterwelt, in sein Reich entführt worden und musste daraufhin die Hälfte des Jahres bei diesem verbringen, während sie sich in der anderen Hälfte des Jahres bei ihrer Mutter Demeter aufhalten durfte. Das hierin bildhaft zum Ausdruck kommende Geheimnis der ewigen Wiedergeburt, des immerwährenden Werdens und Vergehens, war es, was in den eleusinischen Mysterien in einer mystischen Schau erfahren werden sollte.

Weitere Worterklärungen: Hermes: Götterbote und – als Hermes Psychopompos – Begleiter der Seelen auf dem Weg zwischen der Welt der Lebenden und dem Totenreich; als Geliebter zahlreicher Nymphen und Hirtenflötenspieler zudem eine dem Hirtengott Pan verwandte Gestalt; Helios: Sonnengott; Bruder von Eos, der Göttin der Morgenröte; Styx: Strom, der das Reich der Lebenden von dem der Toten trennt; Erebos: (Gott der) Finsternis; Morpheus: Gott der Träume; Ares: Gott des Krieges

 

Ilona Lay:
Protesilaos an Hermes

Schelmischer! Folgen nun soll ich Dir
fort in der Sterblichen
zwielichtdurchflossnes Reich? Weiß ich es denn,
ob nicht des eigenen Führers sorgloser Schritt
stolpern mich heißt dabei? Dennoch gerne
spürt Deinen heiter leuchtenden Blick
der Schatten. Blinzeltest einst Du doch,
da Du in ewige Nacht mich führtest,
lächelnd noch wie von Mondschein betupfter Tau
unter dem lautlos siegenden Blick
der Sterne!

Nur höre: Ihr, der mich zu schenken Ihr,
Ewige! in Eurer Gnade öffnet das dunkle Tor
für eine einzige Nacht, ihr, der Blühenden
der Ihr zu früh mich raubtet,
wahrhaft weise mein Nahn!
Enthülle den Sinn ihr der Nebelgestalten,
die schweigend ziehn
über die schattenumschlossne Eb’ne
hinter den letzten Hügeln! O ahnen lasse
den Blick der Persephone sie, den brennenden, ihn,
der uns nährt und versengt!

Vieles lernt‘ ich von ihr, ob ich auch sehend nicht,
wie jetzt, preisen konnte der Kore Kraft. Sieh‘:
Wär‘ es ein Henker selbst, der mich,
der Sterblichen prometheisches Recht,
das vermessne, zu üben, gerufen hätte zu sich –
heiter nähm‘ ich aus seiner Hand
doch meines Urteils abendrotschweren Krug,
und sterbend sänge des Frühlings
unbesiegbaren Rausch ich noch.
Ist anderes denn, als Nahrung,
der Tod dem Feuer?

So auch werde ich nun, eingedenk
meiner dunklen Heimat, die ich, dem Reiter gleich
in der vom Styx umflossenen Schlucht,
nur unverwundbar, durchschritt, rufen der Schatten viele,
dass sie mit mir
aus meiner Augen himmelgetränktem See
dankbar saugen Demeters Macht!
O tanzen will ich, den Schwalben gleich,
wenn in der Winde tagestrunkenem Taumel
Helios mit diamantenem Funkeln
schmückt ihren Flaum.

So künde – und anders nicht – ihr von mir!
Dass sie mich kenne! O und achte den Wunsch
der schattenerfüllten Seele: Erblinden
lass ihren Sinn, wenn dann in Eos‘ unbeirrbarem Flug
wieder ich Dir mich füge,
lächelnd selbst, da zu Ihr
wird führn unser Weg,
zu Ihr, die eleusinisch verwandeln
wird meinen Atem,
dass er als Frühlingswind hauche
Leben den Saaten ein.

O ungesehen zerstreue die Sehnsucht ihr,
der Werdenden! Entwinde Dich Dir, Du achtlos
Augenblicklicher, und schenke vom Trank ihr reich
des weisen Vergessens ein; dass sie nicht sehe mich,
den And’ren, und sie die Ahnung streife,
dass ihrer nicht ich
harren werde im Reich der Schatten!
Denn eines Gottes lebendiges Wort
ertrüge ein Sterbliches nicht.

 

Laodameia an Eos

Verweile, o Lösende! in deiner Ferne noch
und höre mein Leid! Verhülle,
Erebos, noch mir mit Morpheus‘ Gaben
des Morgens Schwert!

Sterblich sind wir. Hin wehen wir, Frühlingsfaltern gleich,
durch Euer, Schreckliche! ewiges Meer, unfähig oft,
zu sehen Euch in Eurer Wellen Spiel.
Denn sieh: Ihr seid – wir aber leben.

So schuf, von Eurer Gleichmut zu Zorn entflammt,
ich meine eigene Gottheit mir.
Den Freund der Nymphen, ihn, der Sterblichen Freund,
der lachend schneeblasse Au’n bemalt,
nahe fühlt‘ ich. Doch kannte ich ihn?

Und dann: Ein trat der Totgeborne, er
der dir zu früh gefallen. Er kam,
von nymphenem Glanz geleitet, still
verharrend, dass ich wie einst,
wenn Ares‘ Pfeil ihm den Mund verschloss,
mit Aphrodites Fächer bräche den Bann.

So dacht‘ ich. Doch als seines Herzens Harnisch
liebend mein Haar umwarb, als ich,
Lerchen gleich, wenn erstmals der Frühling
in seinen Arm sie lockt, mich schmiegte an ihn,
sah er aus weiter Ferne mich an,
wie Adler von Felsen spähn
auf eines Stromes Bett.

Wohl schwand mit jedem Mahnen
der Uhr er sich, und weich
warben Atem um mich und Haut.
Menschlich war er.
Doch stets umraunte, wenn seinem Leib
ich nahte, dumpf
mich eines Abgrunds Schweigen,
und wenn er sprach,
sprach eine Nacht zu mir.
Und diesem wollt‘ ich mich ewig einen?

Nur fort! Zum Fenster zwang sich,
atmend der Wiesen wärmenden Atem,
träumend der Grillen tröstendes Lied,
mein Schritt. Gleichmut aber
hatte besiegt die Welt.
O du Lautlose! Du kanntest das Meer,
dahin sich mein Strom verlor!
Warum warntest du mich nicht?

Gewiss – ich fragte Dich nicht. Ach!
Und hätte ich Dich gehört?
O Eisesklare! Freiende! Noch nahe nicht!
O noch für Augenblicke
lasse ein Mensch mich sein!

Denn wenn Deiner Locken Glut sich gießt
hin auf der Erde entschlafnen Sinn, verwehen wird –
und wenden können werd‘ ich nicht den Blick! –
der Glanz jenes Schattens dort, der bleichend schon
sich dem Dunkel eint, in Dich und dann,
aufblitzend,
hinabziehn in Hades‘ Gefilde mich.

 

Bild: George William Joy (1844-1925): Laodameia

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