Die Gauklerin

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Die Katze, die sich vor dem Gewitter in deine Wohnung geflüchtet hat, hat mitten in der Nacht herzzerreißend zu schreien begonnen. Als du dich nach dem Sessel umdrehst, auf dem sie sich eingerollt hat, erkennst du, dass sie sich in einen Säugling verwandelt hat.
Unbeholfen bettest du die kleine Verzweifelte in deinen Armen, du trägst sie durch die Wohnung, säuberst sie, gibst ihr die Brust. Am Ende legst du sie neben dich, und gemeinsam hüllt ihr euch in eure Traumdecke.
Nicht lange, und das Findelkind geleitet dich als leuchtende Prinzessin durch die Welt. Auf einem weißen Schimmel thronend, reitet sie über das Land, das sich wie ein zugefrorenes Meer vor ihr öffnet. Wo die Hufe ihres Pferdes den Boden berühren, spricht jedes Ding zu dir, jedes Lebewesen erzählt dir seine Geschichte, und jede Erzählung ist eine Neugeburt.
Noch vor Tagesanbruch aber kannst du dort, wo deine Prinzessin lag, nur noch die Andeutung einer Mulde ertasten. Stattdessen vernimmst du vom Fenster her das leise Pochen einer Motte, die sich der jagenden Wolkenmeute vor dem Gewittermond anschließen möchte. Du öffnest das Fenster und entlässt sie in die Nacht. Gemeinsam vertraut ihr euch dem Wind an, der euch in den Opiumtanz des Sommers aufnimmt. Während der Mond eure Flügel mit Brillanten bestickt, träumst du dich zurück in den Traum, dessen Fingerspitzen noch immer über deine Seele streichen.
Erst als der Tag, das unersättliche Raubtier, dich mit seinen grell schimmernden Pranken anfällt, bereust du es, deine Kraft an die kleine Gauklerin verschwendet zu haben.

Bild: Dieter G. Dragonflys

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