Der russische Dichter und Singer-Songwriter Boris Grebenschtschikow/12
Über den Song Фикус религиозный (Fícus religióznyj: Ficus religiosa)
Boris Grebenschtschikows Song Fícus religióznyj (Ficus religiosa) kreist um den im Buddhismus als Symbol der Erleuchtung verehrten Bodhi-Baum. Die von dieser repräsentierten individuellen Erleuchtung wird dabei mit dem christlichen Barmherzigkeitsideal verbunden.
Podcast:
Ficus religiosa 1
Ach, warum stehst du, Baum der Erleuchtung,
so einsam am Rande der Welt?
Die nicht an dich glauben – verwundet
haben mit ihren Schwertern sie dich,
bis ihre stumpfen Waffen sie heimwärts trieben.
Nie versinken Sonne und Mond über dir,
goldene Flüsse tränken deine Wurzeln.
Zwei Zaubervögel wachen, nie die Augen schließend,
auf dem höchsten deiner Zweige über dich.
Ein Vogel heißt Evdunoxia, der andere Snandulia.2
Perlen sind ihre Federn am Tag, bei Nacht
ein Kleid aus Türkis. Ein Stein aber ist ihr Herz,
ein Strom aus Eisen sind ihre Tränen.
Steht nicht geschrieben, dass sie, wenn das Böse
die Welt mit seinen eisigen Krallen umfängt,
sich in den Himmel erheben und behütend
ihre weiten Flügel breiten werden über uns?
Boris Grebenschtschikow (Борис Гребенщиков) mit der Band Aquarium(Аквариум): Фикус религиозный (Fícus religióznyj) Aus: Навигатор (Navigátor; 1995)
1) Ficus religiosa: Pappel-Feige; im Buddhismus heiliger Baum, da Siddharta Gautama der Legende nach unter diesem Baum zum Buddha („Erwachten“/“Erleuchteten“) geworden ist; daher auch die Bezeichnung „Bodhi-Baum“ („Baum des Erwachens“).
2) Snandulia: Name einer persischen Heiligen aus dem 4. Jahrhundert nach Christus, die für ihr tätiges Mitleid mit Verfolgten und Gefangenen bekannt ist. Der Name des zweiten Vogels weist Anklänge an einen anderen Namen der Heiligen (Yazdundokta) auf, weckt darüber hinaus aber auch noch weitere Assoziationen (s.u.).
Live-Aufnahme aus dem Jahr 1996:
Der Baum des Erwachens
Wie in dem Song Kládbischtsche (Friedhof), um den es im vorigen Beitrag dieser Reihe ging, spiegelt sich auch in Fícus religióznyj Grebenschtschikows Hinwendung zum Buddhismus wider. Das Lied kreist um einen im Buddhismus heiligen Baum: die Pappelfeige, auch als „Heiliger Feigenbaum“ (Ficus religiosa) bekannt. Laut buddhistischer Überlieferung soll Siddharta Gautama unter einem solchen Baum sein Erweckungserlebnis gehabt haben, also vom Einblick in die Wahrheit des Seins „erleuchtet“ worden sein.
Im buddhistischen Glauben wird die Pappelfeige folglich als „Bodhibaum“ verehrt. „Bodhi“ bedeutet „Erwachen“ und ist auch der Wortstamm, aus dem sich der Begriff „Buddhismus“ herleitet.
Die traditionelle Anlage buddhistischer Tempel sieht eine offene Bauweise um Bodhibäume herum vor, wobei diese stets als Ableger des ursprünglichen „Baums des Erwachens“ gelten. Dies ist deshalb vorstellbar, weil seine Äste bei Bodenberührung Wurzeln ziehen. Die neu entstehenden Pflanzen sind folglich mit dem Mutterbaum genetisch identisch. Der auch im Hinduismus verehrte Bodhibaum gilt daher – wie auch aufgrund seiner immergrünen Blätter – als Symbol der Unsterblichkeit.
Verstrickung im Labyrinth der materiellen Welt
In Grebenschtschikows Song steht der Bodhibaum einsam „am Rand der Welt“. Dies ist ein recht plastischer Ausdruck dafür, dass für das menschliche Streben zumeist eben nicht die geistige Erleuchtung, sondern die Welt des Materiellen zentral ist. Dass dies mit Habgier, Missgunst und damit auch dem gewaltsamen Streben nach dem Besitz von anderen einhergeht, spiegelt sich in den Schwerthieben wider, denen der Baum ausgesetzt ist.
Als Inbegriff der Unsterblichkeit bleibt der Baum in seinem Wesen zwar unbeschadet von den Attacken. Dennoch beschwören die Angreifer damit dunkle Zeiten herauf, indem sie sich immer tiefer in das Labyrinth der materiellen Welt verstricken, anstatt ihren Geist für die Wahrheit des Seins zu öffnen.
Barmherzige Zaubervögel
Als Gegenmittel gegen die „schlechten Zeiten“, in welche die Menschheit sich so selbst hineinmanövriert, erscheinen in dem Lied zwei im Wipfel des Baumes sitzende Vögel. Ihnen wird die Kraft zugeschrieben, die Menschen im Falle einer zu starken Verdunklung der Welt gewissermaßen „unter ihre Fittiche“ zu nehmen, indem sie zum Himmel aufsteigen und so dessen Segen auf die Welt übertragen.
Dementsprechend wehrhaft erscheinen die Vögel in dem Lied. Äußerlich von himmlischer Schönheit, ist ihr Inneres auf die Abwehr von allem ausgelegt, das die in ihnen widergespiegelte Harmonie der Schöpfung bedrohen könnte. Ihre Widerstandskraft ziehen sie dabei gerade aus dem Schmerz über die verfinsterte Welt – beziehungsweise, um in der Sprache des Liedes zu bleiben, aus dem „Tränenstrom“, den sie deshalb vergießen.
Vögel kommen zwar auch in der buddhistischen Erleuchtungslegende vor, haben darin jedoch eine ganz andere Bedeutung. Während sie dort mit ihrem lauten Zwitschern als Beleg für die durch nichts zu störende Konzentration des Buddha auf das Wesentliche dienen, sind sie in dem Lied von Grebenschtschikow Mittler zwischen himmlischer und irdischer Sphäre.
Vermischung von buddhistischen mit christlichen Idealen
Die Namen der Vögel entlehnt Grebenschtschikow zwar auch dem Orient, doch taucht er dafür in die christlich-orthodoxe Glaubenswelt ein: „Snandulia“ ist der Name einer persischen Heiligen, die im 4. Jahrhundert nach Christus gelebt hat und für ihr tätiges Mitgefühl mit verfolgten Christen bekannt ist. Als sie zur Rettung ihres eigenen Lebens gezwungen werden sollte, sich an der Steinigung von Mitgläubigen zu beteiligen, weigerte sie sich standhaft, dem Befehl Folge zu leisten – was gut zu der Widerstandskraft der Vögel in dem Lied passt.
Der Name des zweiten Vogels verweist ebenfalls auf die Heilige, die auch unter dem Namen „Yazdundokta“ bekannt ist. Die Veränderung des Namens in „Evdunoxia“ verbindet diesen jedoch mit dem griechischen Namen „Evdoxia“ und dem verwandten „Eudokia“.
Letzteres Wort lässt sich mit „Wohlgefallen“ übersetzen und kommt in dieser Bedeutung auch in der Weihnachtsgeschichte des Lukas-Evangeliums vor. „Evdoxia“ ist eine Zusammensetzung aus „eu“ (gut) und „doxa“, das auf die göttliche Sphäre selbst, aber auch auf die Teilhabe daran über entsprechende Geistesgaben und ein darauf beruhendes Ansehen bezogen werden kann.
Der Name ist damit in seiner wörtlichen Bedeutung dem buddhistischen Erleuchtungsideal verwandt. Durch die Verbindung mit der Heiligen Snandulia wird dieses jedoch auch mit dem christlichen Mitgefühlsgedanken verknüpft. Individuelle Erleuchtung und tätiges Mitleid werden so unmittelbar aufeinander bezogen und miteinander verbunden. Vollkommene Erlösung wäre demnach nur durch die Einheit beider Konzepte erreichbar.
Mit anderen Worten: Das Erwachen Einzelner wird die Welt nicht retten. Nur wenn dieses Erwachen auch zu einem Weckruf für andere wird und die Erwachten ihre Erleuchtung mit der aktiven Unterstützung für die unter der verfinsterten Welt Leidenden verbinden, ist ein „Paradies auf Erden“ zumindest theoretisch vorstellbar.
Bild: Joe Puengkaew: Buddhakopf in einem Bodhibaum (Pixabay)