Die hungrigen Geister und der befreite Geist

Der russische Dichter und Singer-Songwriter Boris Grebenschtschikow/11

Über den Song Kладбище (Kládbischtsche: Friedhof)

Boris Grebenschtschikows Song Kládbischtsche (Fried­hof) handelt von der Befreiung des Geistes von den Fesseln der Materie. Er knüpft an fernöstliche Philosophie an, weist jedoch auch Bezüge zur sozialen Lage im Russland der 1990er Jahre auf.

Der Friedhof

Während hinter dem Himalaya die Sonne untergeht,
um am nächsten Morgen wieder aufzugehen,
wandelt ein Yogi über den Friedhof,
um seiner Fesseln ledig zu werden.

Mit seiner Flöte aus Knochen
ruft er die hungrigen Geister herbei,
um sie zu tränken und zu nähren
mit seinem Fleisch und Blut.

Sie essen seinen Körper
und trinken sein Blut in einem Zug,
so dass er am Morgen, gereinigt von allen Sünden,
an nichts mehr gebunden ist.

Ach, auch wir sind solche Flötenspieler,
es gibt so viele davon unter uns.
Maßlose Schurken ernähren wir
mit unserem Blut.

So viele Jahre saugen sie schon an uns –
und sind doch noch immer nicht satt.
Sind wir denn so erfüllt von Sünden?
Ach, wenn doch nur die Sonne schon
aufginge über dem Friedhof meiner Heimat!

Boris Grebenschtschikow (Борис Гребенщиков) mit der Band Aquarium(Аквариум): Кладбище (Kládbischtsche)  Aus: Навигатор (Navigator; 1995)

Live-Aufnahme aus dem Jahr 1995:

Albumfassung

Das Nirwana als geistiges Ideal

Anfang der 1990er Jahre begann Boris Grebenschtschikow sich intensiv mit fernöstlichem Gedankengut zu beschäftigen und sich dem Buddhismus zuzuwenden. Auf dem Album Navigator spiegelt sich dies u.a. in dem Song Kládbischtsche wider.

Das Lied handelt von einem Yogi, der irgendwo im Himalaya mit einem Blasrohr aus Knochen hungrige Geister herbeiruft. Diese trinken daraufhin sein Blut und essen seinen Körper auf, so dass er, aller materiellen Fesseln ledig, frei wird für die Vereinigung mit dem Ganzen des Seins.

Das Lied greift damit einen Kerngedanken fernöstlicher Religionspraktiken auf. Dabei geht es darum, das Gebundensein an die Materie im Geist zu überwinden und sich dadurch für die Erfahrung des Eingebundenseins in das Ganze des Seins bzw. der Schöpfung zu öffnen.

Das Ziel des Lebens wird hier darin gese­hen, den Kreislauf der Wiedergeburten zu durchbrechen und in das Nir­wana einzutreten. Dieses wird zum einen ganz konkret mit der Herauslösung aus dem Kreislauf des ewigen Werdens und Vergehens (dem Samsara) assoziiert. Es ist zum anderen aber auch im Sinne  einer geistigen Loslösung von dem materi­ellen Sein zu verstehen.

Als handlungsleitendes Ideal zielt das Nirwana damit auch schon während des irdischen Lebens auf eine Überwindung von Habgier, Neid und generell des Egozentrismus ab.

Hungrige Geister und gierige Materialisten

In Teil 2 seines Liedes (Strophe 4 und 5) bezieht Grebenschtschikow die Befreiung des Geistes allerdings auch auf seine eigene Gegenwart. Aus den hungrigen Geistern des asiatischen Bergfriedhofs werden dabei „maßlose Schurken“. Auch sie saugen die Menschen aus, ohne dabei jedoch innere Befriedigung zu erlangen.

Diese Beschreibung ausbeuterischer Praktiken entspricht der traditionellen Vorstellung der ewig hungernden Geister im Buddhismus. Als Wesen, die mit ihren viel zu kleinen Mündern und viel zu engen Hälsen niemals ihre dicken Bäuche füllen können, spiegeln sie eben jene materialistische Orientierung wider, die Grebenschtschikow ins Bild der unersättlichen Ausbeuter fasst.

Kritik am Raubtierkapitalismus

1995 veröffentlicht, lässt das Lied so auch an den russischen Raubtierkapitalismus im Anschluss an das Ende der Sowjetunion denken. Das Aussaugen symbolisiert folglich in diesem Fall keinen geistigen Reinigungsprozess, sondern spielt, ganz im Gegenteil, auf eine fortgesetzte ausgeprägte Bindung an die materielle Welt an.

Dies bezieht sich zum einen auf die Aussaugenden selbst, die mit ihrer Gier nach Reich­tum das geistige Ziel ihres Lebens verfehlen – und in diesem Sinne nie „satt“ werden. Zum anderen rauben sie mit dieser Gier aber auch anderen Menschen die Lebensgrundlage und verhindern so, dass diese nach geistiger Erfüllung streben können. Denn Letztere ist eben nur vom Boden einer hinreichenden materiellen Grundversorgung aus zu erreichen.

Grebenschtschikows Kritik hat natürlich nicht nur für die kapitalistischen Auswüchse im Russland der 1990er Jahre Gültigkeit. Sie lässt sich vielmehr auch auf alle anderen Gesellschaften beziehen, in denen soziale Ungerechtigkeit und die einseitige Orientierung an der Wachstumsideologie das Streben nach geistiger Ver­vollkommnung erschweren.

Bild: Dorothe Wouters (Darkmoon_Art): Friedhof (Pixabay)


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